Prachtstraße Parkallee

Wo eine Villa, da auch ein Weg

Vor 125 Jahren beschloss die Bürgerschaft die Bebauung der Parkallee mit frei stehenden Häusern. In direkter Nachbarschaft zum Bürgerpark sollte sie eine Villenstraße sein.
27.03.2016, 00:00
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Von Frank Hethey
Wo eine Villa, da auch ein Weg

Die noch junge Parkallee als Postkartenmotiv im Jahre 1909: Vorne rechts die Villa des Architekten Albert Dunkel an der Parkallee 101. QUELLE: SCHWACHHAUSEN-ARCHIV

Schwachhausen-Archiv

Vor 125 Jahren beschloss die Bürgerschaft die Bebauung der Parkallee mit frei stehenden Häusern. In direkter Nachbarschaft zum Bürgerpark sollte sie eine Villenstraße sein.

Noch heute beeindrucken die stattlichen Villen an der Parkallee. Neun von ihnen stehen auf der Denkmalliste des Landes Bremen als besonders erhaltenswerte Zeugnisse vergangener Baukunst. Doch wer weiß schon, dass etwas anderes als exklusive Wohnbebauung an der Parkallee gar nicht in Frage kam: Der Bau frei stehender Villen war vorgeschrieben, die Parkallee sollte eine Villenstraße sein. Und zwar nicht nur in direkter Nachbarschaft zum Bürgerpark, sondern auch im vorderen Abschnitt zwischen Bahndamm und „Sternplatz“. Vor 125 Jahren, am 18. März 1891, folgte die Bürgerschaft einer gleichlautenden Empfehlung des einflussreichen Künstlervereins.

Doch den Stein ins Rollen gebracht hatte bereits gut zwei Jahre zuvor eine andere Interessengemeinschaft, der Architekten- und Ingenieursverein. Als bekannt wurde, dass an der damaligen Stauallee in absehbarer Zukunft gebaut werden sollte, regte der Verein im Februar 1889 in einem Schreiben an den Senat die „Anlage einer Villenstraße“ als „würdige Nachbarschaft“ zum Bürgerpark an. Als Horrorszenario malten die Herren vom Fach das Bild einer „geschlossenen Reihe von Häusern“ rund um den Bürgerpark an die Wand. Das schlagende Argument: Fast jede moderne Großstadt sei bestrebt, „an passenden Stellen derartige Villenstraßen“ zu schaffen. Als nachahmenswerte Beispiele wurden die Tiergartenstraße in Berlin und der Harvesterhuder Weg in Hamburg angeführt.

Einstimmig für die Prachtstraße

Das ließ sich Bremen nicht zweimal sagen. Eine Prachtstraße direkt am Bürgerpark, von der Hollerallee bis in Höhe der heutigen Polizeiwache – das war so recht nach dem Geschmack der vermögenden Entscheider in der Politik, einstimmig segnete die Bürgerschaft den Vorschlag ab. Frei nach dem Motto: Wo eine Villa, da auch ein Weg. Offenbar rannte der Architekten- und Ingenieursverein mit seinem Ansinnen offene Türen ein. Sprach der Senat in einer vorherigen Mitteilung doch schon von der Stauallee als einer Straße, „welche zweifellos eine große Zukunft vor sich hat“.

Was machte es da schon, dass der Grundgedanke des Bürgerparks gerade nicht elitär, sondern egalitär war. Dass der Bürgerpark von der Idee eines Volksparks inspiriert war, eines Parks für alle. Mochte die Aufhebung der Standesgrenzen und Klassenschranken im Bürgerpark gelten, in den angrenzenden Wohngebieten wollte der Geldadel lieber unter sich bleiben.

Bereits seit Jahrzehnten hatten die Stadtplaner das gesamte Areal rund um den Altstadtkern als städtisches Erweiterungsgebiet im Visier, somit auch die Fläche an der östlichen Seite der Bürgerweide. 1852 legte Baudirektor Alexander Schröder seinen Entwicklungsplan für die Vorstädte vor. Nach Mode der Zeit sollte ein schachbrettartiges Straßenmuster die neuen Wohnviertel durchziehen, als abschließende Umgehungsstraße war eine breite, alleeartige Ringstraße quer durch die Bürgerweide vorgesehen – der Straßenname „Schwachhauser Ring“ ist eine Reminiszenz daran.

Im Verlauf der heutigen Parkallee war schon damals eine größere Straße angedacht, nur eben nicht mit frei stehenden Villen. Doch mit Entstehung des Bürgerparks ab 1866 wurde dieser östlich des Parks verlaufende Weg aufgewertet. Aus dem „Stau“ wurde durch die Bepflanzung mit drei Baumreihen die freilich noch unbefestigte Stauallee, eine schnurgerade Strecke parallel zum Kuhgraben. Als die „große Zukunft“ der Stauallee sich schon klar abzeichnete, verspürte man augenscheinlich das Verlangen, die Statuserhöhung auch im Namen kenntlich zu machen. Im Januar 1890 wurde die Umbenennung in Parkallee besiegelt.

"Villenklausel"

Doch wie den alteingesessenen Pagenthorner Bauern eine exklusive Bebauung schmackhaft machen? Nur größere Grundstücke mit strengen Bebauungsvorschriften zu veräußern, das klang nicht unbedingt nach maximalen Gewinnaussichten. Tatsächlich sträubten sich die betroffenen Bauern zunächst gegen jegliche Bevormundung. Erst als ihnen zugesichert wurde, dass sie keine Straßenkosten übernehmen müssten und eine Parallelstraße als Ersatz für den Kuhgrabenweg in 100 statt 200 Metern Entfernung angelegt würde, gaben sie ihren Widerstand auf und unterzeichneten im April 1889 die vertraglich fixierten Vorgaben.

Und die sprechen Bände. Von vornherein ausgeschlossen war gewerbliche Nutzung, nur Wohnhäuser und Nebengebäude durften errichtet werden. Dem gefürchteten Reihenhausbau schob man einen Riegel mit der Bestimmung vor, dass nicht mehr als zwei Wohnhäuser unmittelbar nebeneinander erlaubt waren. Das war die „Villenklausel“, noch verstärkt durch die Vorschrift, dass bei Einzelhäusern mindestens acht Meter des Grundstücks unbebaut bleiben mussten und bei Doppelhäusern 16 Meter. Entsprechend großzügig sollten die Vorgärten angelegt sein, für die eine Tiefe von mindestens zehn Metern vorgesehen war. Um ihre repräsentativen Bedürfnisse brauchten sich die Bauherren in spe keine Sorgen zu machen. „Die Herstellung von Eingangsportalen und kleinen Vorbauten an den Seiten ist gestattet und gilt nicht als Bebauung“, hieß es beschwichtigend im Vertrag zwischen Anliegern und dem bremischen Staat.

Für den Künstlerverein war das indes noch nicht gut genug. In seinem vom Senat bestellten Gutachten sprach sich der Verein im März 1891 für eine exklusive Bebauung auch des vorgelagerten Streckenabschnitts zwischen Rembertitunnel und Hollerallee aus, damals noch als „Verlängerung der Rembertistraße“ geläufig und nicht als Parkallee. Dabei ging der Künstlerverein aufs Ganze, sollte doch ausdrücklich „das beiderseitig angrenzende Terrain mit freiliegenden Villen“ bebaut werden. Die Straßenfronten als Schaufenster der Reichen und Schönen, dazu noch in der Mitte ein zehn Meter breiter Promenadenweg – das war die Idealvorstellung des Künstlervereins. Eine Besonderheit auch die Forderung nach Anlage eines „kreisförmigen Platzes“ im Kreuzungsbereich von Hollerallee und Parkallee: die Geburtsstunde des „Sterns“ als „glückliche Vermittelung“ der dort einmündenden Straßen.

Verhandlungen unter der Hand

Um das Primat der „würdigen Bebauung“ in Bürgerparknähe durchzusetzen, gingen die Grundstücksbehörden auch krumme Wege. Weil eine Parzellierung der beiden staatseigenen Grundstücksstreifen zwischen Barkhof und Parkstraße um jeden Preis vermieden werden sollte, wurden die Verkaufsabsichten gar nicht erst publik gemacht. „Nur durch eingehende Verhandlungen unter der Hand war in diesem Falle das Bestmögliche zu erreichen“, lautete die Rechtfertigung aus den Amtsstuben.

Ärgerlich nur, dass die fraglichen Grundstücke ihre Tücken hatten und sich darum trotz eifriger Bemühungen lediglich ein Bauunternehmer als Käufer fand. Umfasste doch ein erheblicher Teil der beiden Grundstücke den mit Bauschutt ausgefüllten früheren Kuhgraben – nicht gerade idealer Baugrund. Gleichwohl machte die Bebauung ab 1897 rasche Fortschritte. Was vor allem daran gelegen haben dürfte, dass die Bürgerschaft im Februar 1897 von ihrem ursprünglichen Vorhaben abrückte, nur eine Bebauung mit frei stehenden Villen zuzulassen.

Die Kehrtwende wirkte wie eine Initialzündung. Die emsige Bautätigkeit lässt sich anhand der historischen Adressbücher sehr anschaulich nachvollziehen. Erstmals taucht der Straßenname „Parkallee“ im Adressbuch von 1898 auf. Als Anwohner werden gerade einmal zwei Parteien angeführt, ein Fahrradhändler und ein Gastwirt. Doch das sollte sich schnell ändern, Jahr für Jahr wurde die Liste der Anlieger länger. Zumeist handelte es sich um wohlhabende Kaufleute, Rechtsanwälte oder Makler. Auf den Geschmack kam auch der renommierte Architekt Albert Dunkel, der 1897 für sich selbst das Haus an der Parkallee 101 entwarf.

Ebenso angetan von der neuen Wohngegend war der Direktor der Kunsthalle, Dr. Gustav Pauli. Zusammen mit seiner Gattin Magdalene Pauli, später als Marga Berck die gefeierte Autorin von „Sommer in Lesmona“, residierte er seit 1899 in der Nummer 45. Und war voll des Lobes über seine neue Heimstatt. „Wir erwarben ein eben erbautes Haus an der Parkallee in angenehmster Lage nahe dem Bürgerpark“, schwärmte Pauli in seinen Memoiren.

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