Meine Haltestelle: Brodelpott-Mitarbeiter Achim Saur fährt vom Fedelhören zur Gustavstraße Wo Heinrich Buchholz vor 60 Jahren Elternsprecher war

Walle· Ostertor. Achim Saurs Reise zurück in die Bremer Vergangenheit dauert keine halbe Stunde. So lange braucht der Historiker aus dem Fedelhören, um zu Fuß zur Linie 10, mit der Straßenbahn zur "Gustavstraße" und von dort zum Kulturhaus Walle Brodelpott, der alten Schule an der Schleswiger Straße 4, zu kommen. An seinem Arbeitsplatz wird der Faktor Zeit zu etwas Relativem. Bei Gesprächen mit alten Vulkanesen, Vertriebenen und anderen Geschichtszeugen sieht Saur nicht auf die Uhr.
14.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wo Heinrich Buchholz vor 60 Jahren Elternsprecher war
Von Monika Felsing

Walle· Ostertor. Achim Saurs Reise zurück in die Bremer Vergangenheit dauert keine halbe Stunde. So lange braucht der Historiker aus dem Fedelhören, um zu Fuß zur Linie 10, mit der Straßenbahn zur "Gustavstraße" und von dort zum Kulturhaus Walle Brodelpott, der alten Schule an der Schleswiger Straße 4, zu kommen. An seinem Arbeitsplatz wird der Faktor Zeit zu etwas Relativem. Bei Gesprächen mit alten Vulkanesen, Vertriebenen und anderen Geschichtszeugen sieht Saur nicht auf die Uhr.

Eine Bremerin wird am Mittwoch, 16. März, um 19 Uhr im Brodelpott aus ihrer Familiengeschichte erzählen. Lore Buchholz hat die Briefe ihres Vaters Heinrich Buchholz aufbewahrt und sie nun im Donat-Verlag in plattdeutsch-hochdeutscher Fassung unter dem Titel "Na, Lütten?" veröffentlicht. Der Kommunist Heinrich Buchholz schrieb aus der Nazi-Haft an seine Frau Guste, die er Lütte nannte, und seine gerade erst sechs Jahre alte Tochter.

Der Waller Handwerker hatte sich in der KPD vor allem in Bildungs- und Kulturfragen engagiert. Er wurde 1933 denunziert und saß über drei Jahre im Konzentrationslager Missler und in NS-Gefängnissen. Nach der Nazi-Zeit war Heinrich Buchholz Schulsprecher der Schule Schleswiger Straße, in dem heute der "Brodelpott" untergebracht ist. Bei Renovierungsarbeiten im schuleigenen Landheim verunglückte er 1953 tödlich.

Seine heute 83 Jahre alte Tochter Lore Buchholz aus Blumenthal und der zwei Jahre ältere Worpsweder Rechtsanwalt und Autor Heinrich Hannover tragen einige Stellen aus dem Briefwechsel zwischen Heinrich Buchholz und seiner Familie vor - wie vor kurzem schon in der sehr gut besuchten Lesung bei Leuwer am Wall. Achim Saur wird im Publikum sitzen und es sich verkneifen, gleich etwas aufzuzeichnen. 70 Interviews mit alten Bremerinnen und Bremern hat er archiviert, zwei Drittel davon sind Wort für Wort abgeschrieben.

Margarete Reiter aus Borgfeld hat Achim Saur beispielsweise erzählt, wie sie als Bauerstochter mit ihren Eltern aus Schlesien geflohen und im Bremer Westen heimisch geworden ist. Als Magd fand sie in Arsten Arbeit. Das Tondokument war Teil der Wanderausstellung "Kommen. Gehen. Bleiben", die das Geschichtskontor gemeinsam mit der Kultur- und Freizeitarbeitsgemeinschaft Hemelingen (KuFAG) erarbeitet hat und die 2009 im Haus der Wissenschaft zu sehen war.

Ehe er sich versah, ist Achim Saur selbst Zeitzeuge geworden, so lange lebt er schon in Bremen. Als er sich Anfang der Siebziger Jahre für Geschichte einschrieb, hatte die Universität "den Umfang von drei Gymnasien". Der gebürtige Alfelder hat sich der Geschichte der Arbeiterbewegung verschrieben und seine Examensarbeit über das Sozialistengesetz in Bremen verfasst. Bei der Gelegenheit lernte er auch gleich das Staatsarchiv am Kennedyplatz kennen, in dessen Nachbarschaft er heute wohnt.

Nach einem Forschungsprojekt für die VW-Stiftung kam Achim Saur in den Achtzigern über einen guten Bekannten als ABM-Kraft in den Kulturladen Pusdorf und arbeitete in der Geschichtswerkstatt "mittenmang, wo man mit den Menschen zu tun hat".

Die Begeisterung dafür hat er sich erhalten. Saur ist keiner, der sich am liebsten in Archive vergräbt, um Quellenkunde zu betreiben. Viel lieber befasst er sich mit Oral History, der mündlich überlieferten Geschichte. "Man bekommt direkte Rückmeldung - das ist das Spannende. Je näher man rankommt, um so spannender wird es, das versuchen wir festzuhalten", sagt er. Und dafür nimmt er sich gerne Zeit. "Am Anfang sagen sie: Was soll ich denn erzählen? Und dann sitzt man zwei Stunden zusammen und hat immer noch Fragen."

Achim Saurs Stelle im Geschichtskontor war 2001 durch städtische Gelder gesichert. Der Historiker hat sich um die Ausrüstung für Tonaufnahmen gekümmert und sich autodidaktisch weitergebildet, um die Zeitzeugen-Interviews archivieren und verbreiten zu können. Er lässt sich auch von der Uni beraten. Die Reihe "Badestrand und Riesentanker", eine Kooperation mit dem Westend und Frauke Wilhelm, hat er betreut. Sigrid Bauermeister aus der Innenstadt, die in Oslebshausen groß geworden ist, hatte ihm auf einen Aufruf hin ein Foto aus den 1950er-Jahren von fünf Mädchen im Badeanzug mitgebracht - und detaillierte Erinnerungen. "Gucken Sie mal, das war Baumwolle, wir wollten doch schick sein", hat sie zu Achim Saur gesagt. Der Nachteil: Wenn die Badeanzüge nass wurden, zogen sie sich in die Länge. "Man lernt Bilder zu lesen", sagt der Interviewer, der Sigrid Bauermeister für die Archivarbeit gewinnen konnte.

Im Moment arbeitet Saur an einem digitalen Heimatmuseum und bereitet mit dem Krankenhausmuseum Ost für den 12. Mai eine Veranstaltung über Beschäftigte des Klinikums Mitte vor. "Von 3000 haben 25 Prozent einen Migrationshintergrund. Wir versuchen, diese Biografien nachzuzeichnen - da sind wir ein bisschen aktueller, da gehen wir in die Gegenwart hinein."

Cecilie Eckler-von Gleich hat das Bildarchiv des Brodelpott aufgebaut, das bremenweit einen guten Ruf hat. Ausstellungen, Bildbände und Vorträge - nicht nur im Westen, auch zum Beispiel im Haus der Wissenschaft und auf der "Friedrich" - gehören zum Konzept. Kooperationen mit dem Speicher XI, mit dem Bürgerhaus Mahndorf und dem Arbeitskreis Archive sichern geschichtliche Informationen aus erster Hand. Häufig bringen alte Leute ihre Alben vorbei. Das Archiv lässt dann Reproduktionen machen, manchmal aber schenken die Besitzer dem Brodelpott auch die Originale. "Wir haben bei den Bildern die 20000er-Marke geknackt", sagt Saur. Jedes Bild, das sich zuordnen lässt, schließt eine Lücke im Bremer Geschichtspuzzle.

Näheres über das Kulturhaus Brodelpott, Schleswiger Straße 4, unter Telefon 3887074 und www.brodelpott.de. Die nächstgelegene Haltestelle der Linien 2 und 10 heißt Gustavstraße. Donnerstags von 15 bis 18 Uhr ist offenes Archiv (Bild und Ton) mit kostenloser Beratung. Buchtipp: Heinrich Buchholz, "Na Lütten?", viele plattdeutsche Briefe mit hochdeutscher Übersetzung, zahlreiche Bilder und Faksimiles, Donat-Verlag 2011, fester Einband für 16,80 Euro.

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