Bremen stellt Freiluft-Pissoir auf

Wo Mann im Freien pinkeln kann

Gegen den stechenden Geruch an vielen Ecken am Bremer Hauptbahnhof hat die Stadt nun ein Freiluft-Pissoir aufgestellt. Ohne Dach, dafür mit direktem Anschluss an die Kanalisation.
26.11.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Gundel
Wo Mann im Freien pinkeln kann

Der Platz für das Urinal liegt etwas abseits, hat aber eine prominente Adresse: „Platz der Deutschen Einheit“.

Christina Kuhaupt

Gegen den stechenden Geruch an vielen Ecken am Bremer Hauptbahnhof hat die Stadt nun ein Freiluft-Pissoir aufgestellt. Ohne Dach, dafür mit direktem Anschluss an die Kanalisation.

Was so aussieht wie eine grüne Tonne auf Stelzen, ist tatsächlich ein Platz zum Pinkeln: eine Metallkonstruktion, gerade groß genug, damit Mann sich dort erleichtern kann. Ohne Dach, dafür mit direktem Anschluss an die Kanalisation, erklärt der Sprecher von Bau- und Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne), Jens Tittmann. Seit wenigen Tagen steht das Urinal zwischen Bahnhof und Cinemaxx.

Das Freiluft-Pissoir ist nach Tittmanns Worten der Versuch, einem seit langem drängenden Problem rund um den Bahnhof beizukommen: Viele Ecken vor und hinter dem Bahnhof, aber auch zwischen Überseemuseum und der Bahnstrecke werden als öffentliche Toilette missbraucht. Teilweise derart intensiv, dass der Geruch, der von den Fassaden ausgeht, einem schier den Atem raubt, schildern Passanten die Situation.

Die Deutsche Bahn, die dieses Jahr in einer Reihe norddeutscher Bahnhöfe eine „Reinigungs-Offensive“ gestartet und dafür zusätzlich eine Million Euro investiert hat, bezieht deshalb seit April auch die Außenfassade des Bremer Hauptbahnhofs in die Putzaktion mit ein, bestätigt Bahn-Sprecherin Sabine Brunkhorst. Denn bei der Kundenbefragung, die der „Reinigungs-Offensive“ vorgeschaltet gewesen sei, hätten sich Bahnreisende nachdrücklich über den stechenden Geruch beschwert, der der Bahnhofsfassade anhängt.

Luftig, aber zweckdienlich: das neue Freiluft-Pissoir am Bahnhof.

Luftig, aber zweckdienlich: das neue Freiluft-Pissoir am Bahnhof.

Foto: Christina Kuhaupt

App weist Weg zur "Netten Toilette"

Seit April wird – zusätzlich zur ohnehin laufenden Reinigung – deshalb alle drei Monate auch der Sockel der Außenfassade mit Hochdruck bearbeitet. Und mit einem Reinigungsmittel, das zumindest für eine Weile einen angenehmen Duft verströmt. „Natürlich kontrollieren Mitarbeiter unseres Sicherheitsdienstes das Gelände“, betont Sabine Brunkhorst. Falls die Kollegen dabei einen Wildpinkler in flagranti ertappen, „sprechen sie ihn auch an“. Die Reaktion sei in der Regel aber immer dieselbe: „Die Leute gehen ohne ein Wort zu sagen weg.“ Dass die Stadt nun mit dem Freiluft-Urinal tätig geworden ist, begrüßt Sabine Brunkhorst deshalb.

Dabei ist ein Mangel an öffentlichen Toiletten keine Erklärung für das Wildpinkeln in aller Öffentlichkeit: Im Hauptbahnhof selbst gibt es eine Anlage, nur wenige hundert Meter weiter, neben dem Busbahnhof vor dem Cinemaxx, steht ein zweites öffentliches Klohäuschen, das im Auftrag der Stadt betrieben wird. Allerdings, bedauert Behördensprecher Tittmann, gebe es Männer, die mit solchen Angeboten schlicht nicht zu erreichen seien.

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Gebaut wurde das Pissoir von Mitarbeitern des Bremer Beschäftigungsträgers bras, sagt Tittmann. Inklusive Installation und Anschluss an die Kanalisation seien dabei für die Stadt etwa 3000 Euro an Kosten angefallen. Die Idee dazu sei in der Abteilung für Wasser, Abwasser und Natur der Baubehörde entwickelt worden, die auch das Projekt „Nette Toilette“ betreut – einer Kooperation zwischen Stadt und Gastronomen. Mittlerweile, erklärt Tittmann, gebe es sogar eine App, die Bremen-Besuchern den Weg zur nächsten „Netten Toilette“ weist.

Probleme mit Wildpinklern

Doch wie am Bahnhof gibt es auch in anderen Quartieren der Stadt Probleme mit Männern, denen der Weg zur Toilette zu weit oder zu umständlich ist. So hat die Stadt im Spätsommer ein Freiluft-Urinal am Eingang zur Helenenstraße im Viertel platziert, sagt Tittmann. „Dort steht ein mobiles Urinal“, das die Kommune gemietet hat. Der Bedarf ist augenscheinlich enorm. „Das Urinal muss zweimal in der Woche geleert werden.“ Das mache jede Woche 300 Liter Urin. Seine Kollegen aus der Abteilung Wasser, Abwasser und Natur schätzten, dass die Anlage etwa hundertmal täglich genutzt werde. Wie diese Kalkulation zustande gekommen sei, entziehe sich seiner Kenntnis, sagt Tittmann mit einem Augenzwinkern.

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Die Leiterin des Ortsamts Mitte/Östliche Vorstadt, Hellena Harttung, ist heilfroh über das Pissoir hinter der Mauer zur Helenenstraße. „Früher war dort mal eine fest installierte Anlage.“ Diese sei aber im Zuge einer Kanal-Sanierung verschwunden. Daher wünscht sich Harttung wieder eine feste Anlage. „Wir versuchen, das zu erreichen.“ Auch in der Baubehörde werde das erwogen, sagt Tittmann. Schließlich würden derzeit etwa 500 Euro monatlich für das Miet-Pissoir fällig. Langfristig wäre es deshalb vielleicht kostengünstiger, in eine fest installierte Einrichtung zu investieren.

Freiluft-Pissoirs gibt es nicht nur in Bremen. In Berlin sind sie Ende des 19. Jahrhunderts installiert worden, sagt Derk Ehlert, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Etwa 20 dieser Urinale, die mittlerweile unter Denkmalschutz stünden, gebe es noch. Vorbild für das Bremer Exemplar ist aber nicht das Berliner Pissoir, sondern das Amsterdamer Modell, sagt Tittmann.

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