Kinderärztin aus Walle berichtet Wochenlanges Warten auf den Kinderarzttermin

Melanie Klopsch ist Ärztin in der einzigen Kinderarztpraxis in Bremen-Walle. Sie und ihre beiden Kolleginnen behandeln im Quartal bis zu 1400 Patienten. Sie leisten auch immer mehr Sozialarbeit.
06.06.2018, 19:38
Lesedauer: 4 Min
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Wochenlanges Warten auf den Kinderarzttermin
Von Sabine Doll

Die Mittagspause ist seit wenigen Minuten vorbei. Im Wartezimmer, am Empfangstresen und vor der Tür warten Mütter und Väter mit ihren Kindern. Das Telefon klingelt, sobald der Hörer wieder auf der Gabel liegt. „Das ist Normalzustand“, sagt Melanie Klopsch. „Es gibt nicht einen Moment, an dem nichts zu tun wäre. Ganz im Gegenteil.

Die Öffnungszeiten der Praxis reichen im Grunde nicht mehr aus.“ Melanie Klopsch und zwei Kolleginnen arbeiten in der einzigen Kinder- und Jugendarztpraxis in Walle. Sie teilen sich zwei Arztsitze. Dass sie die einzige Anlaufstelle für Mütter und Väter in dem Stadtteil im Bremer Westen sind, macht sich mit jedem Tag stärker bemerkbar.

„Früher haben wir im Schnitt 1000 Patienten im Quartal versorgt, inzwischen sind es 1300. Im ersten Quartal dieses Jahres, als die Grippe besonders heftig ausgefallen ist, waren es 1400 Patienten“, sagt die Kinderärztin. Walle wächst. Daten des Melderegisters zeigen, dass die Bevölkerungszahlen hier sowie im benachbarten Stadtteil Gröpelingen, aber auch in Hemelingen, Huchting und vor allem in Vegesack und Blumenthal überproportional zulegen.

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Der Anteil von Menschen, die Hartz IV und andere Sozialleistungen beziehen, ist deutlich höher als etwa in Schwachhausen, Horn oder Mitte. Auch viele Geflüchtete leben inzwischen hier in Wohnungen. In diesen Stadtteilen gibt es noch vergleichsweise viele bezahlbare Wohnungen. Die Zahl der Menschen und damit auch der Familien mit Kindern wächst – aber nicht die der Kinderärzte. Das Gegenteil ist der Fall.

„Vor einigen Jahren gab es noch zwei weitere Arztsitze in Walle, jetzt sind wir mit unserer Praxis allein. Aber auch wenn man das Wachstum der Bevölkerung in den vergangenen drei, vier Jahren abziehen würde, ist das eindeutig zu wenig“, sagt Melanie Klopsch. Der Aufwand bei den Behandlungen habe deutlich zugenommen, durch mehr empfohlene Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen. Das treffe auf alle Kinderärzte in Bremen zu.

Mehrere Wochen bis zum Termin

In Stadtteilen wie Walle komme aber aufgrund der Bevölkerungsstruktur und der Lebensumstände vieler Familien ein höherer Beratungsbedarf dazu. „Bei zwei Dritteln unserer Patienten ist Deutsch nicht die Muttersprache“, sagt die Kinderärztin. „Wir haben zwar auch Assistentinnen, die Türkisch oder Arabisch sprechen, aber sie haben natürlich andere Aufgaben als zu übersetzen.“

Wie in vielen anderen Kinderarztpraxen in Bremen müssen auch Patienten in Walle, die keine akuten Beschwerden haben, mehrere Wochen auf einen Termin warten. „Zurzeit vergeben wir Termine für September“, sagt Melanie Klopsch. Für akute Beschwerden hat die Praxis eine tägliche Akut-Sprechstunde eingerichtet. Natürlich mit Wartezeit.

In der Akut-Sprechstunde sei im Schnitt für jeden Patienten rund fünf Minuten Zeit. Für Patienten mit Termin, die zu einer Vorsorgeuntersuchung, zur Beratung oder Impfung kommen, „leisten wir uns den Luxus, eine halbe Stunde einzuplanen“, sagt Melanie Klopsch. „Wir müssen das so durchtakten, damit alle drankommen.“

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Jede Behandlung und Untersuchung muss sorgfältig dokumentiert werden; für die Abrechnung, aber auch, damit die Kolleginnen von Melanie Klopsch im Bilde sind, wenn sie das Kind beim nächsten Mal in der Sprechstunde sehen. Dazu kommen Atteste und andere ärztliche Bescheinigungen für Kita oder Schule. Einen Teil der Dokumentation übernimmt während der Sprechstunde schon eine Assistentin – damit keine wertvolle Zeit für die Patienten verloren geht.

Der Beratungsbedarf bei vielen ihrer Patienten sei auch deshalb höher, weil die Lebensumstände oftmals eine andere gesundheitliche Belastung bedeuten, sagt die Kinderärztin. „Etwa jedes zweite Kind ist auffällig, was die motorische und sprachliche Entwicklung betrifft. Wir haben viele Kinder mit starkem Übergewicht und Asthma.“ Dazu komme, dass Eltern existenziell anders und stärker belastet seien: Wegen unsicherer Arbeitsverhältnisse könnten sie oftmals nicht zu Hause bleiben, wenn ein Kind krank sei. „Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun“, sagt sie.

Genug Geld müsste es geben

Die Arbeit der Kinderärztinnen beschränkt sich längst nicht mehr auf die rein medizinische Versorgung. „Wir sind Teil eines Sozialnetzwerks. Wir informieren Eltern über Beratungsstellen, Elterntreffs, Spielkreise oder auch Sportvereine. Etwa wenn es um das Thema Übergewicht geht. Aber auch, damit Kinder, in denen Deutsch nicht die Muttersprache ist, mit deutschsprachigen Kindern zusammenkommen.“

In Stadtteilen mit einem hohen Anteil ausländischer Bewohner wie in Walle spiegele sich dieser Anteil auch in Kitagruppen und an Schulen wider. Allerdings sei das oft erfolglos. „Was helfen würde, wäre eine Art Infodesk, an den wir die Eltern direkt weiterleiten könnten. Mit Menschen, die den Kontakt zu Sportvereinen, Kinder- und auch Müttertreffs oder Spielkreisen übernehmen, Probestunden oder ähnliches ausmachen“, schlägt die Kinderärztin vor. Das sei verbindlicher, als wenn Eltern mit Sprachproblemen eine Liste mit Sportvereinen in die Hand gedrückt bekämen, die sie abtelefonieren könnten.

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Genug Geld für solche oder ähnliche Projekte müsste es im System geben, ist Klopsch überzeugt. „Aber wir brauchen auch mehr Kinderärzte in Bremen, gerade in Stadtteilen wie Walle.“ Seit zehn Jahren arbeitet sie als niedergelassene Kinder- und Jugendärztin, seit fünf Jahren ist sie in der Praxis in Walle tätig. „Wir sind hier ziemlich am Limit, mehr Patienten können wir bald nicht mehr aufnehmen. Die Wartezimmer werden nicht größer. Der Bedarf schon.“

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