Mobiles Zuhause

Wohnen auf Rädern in der Wagenburg „Querlenker“

Jules Szymanski lebt mobil - in einem ausrangierten Schaustellerwagen vom Freimarkt. Ähnlich wie viele andere Mitglieder des Vereins „Querlenker“, die sich auf einer Wiese hinter dem Güterbahnhof angesiedelt haben.
21.11.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Kristina Bellach
Wohnen auf Rädern in der Wagenburg „Querlenker“

Mobiles Zuhause: Jules Szymanski hat ihren Wohnwagen selbst ausgebaut.

Jonas Völpel

Jules Szymanski lebt mobil - in einem ausrangierten Schaustellerwagen vom Freimarkt. Ähnlich wie viele andere Mitglieder des Vereins „Querlenker“, die sich auf einer Wiese hinter dem Güterbahnhof angesiedelt haben.

Im Ofen knistert das brennende Holz, sein Duft erfüllt den ganzen Raum. Heimelig ist es in dem kleinen Wohnzimmer, Mittelpunkt des Schaustellerwagens von Jules Szymanski. Gemütlich scheint es auch Katze Minusch zu finden: Sie räkelt sich auf dem Sofa, streckt alle Viere von sich, nur um sich gleich darauf zusammenzurollen und weiterzudösen.

Ein bunt geblümtes Tuch, ein Andenken von der Insel Gomera, ziert das Fenster als Vorhang. Der Blick nach draußen fällt auf eine Wiese hinter dem Güterbahnhof, die der Verein „Querlenker“ seit 2009 gepachtet hat. Bauwagen, Laster und andere größere Fahrzeuge stehen hier, bewohnt von den Mitgliedern des Vereins, verwaltet von der Wirtschaftsförderung Bremen.

Entdeckt hat Jules Szymanski diese den meisten unbekannte Ecke Bremens bereits Monate bevor sie dort hinzog. Mit der Kamera unterwegs lichtete sie damals das Kopfsteinpflaster der Zufahrt zum Wagenplatz ab. Das Foto in schwarz-weiß hängt neben dem Sofa. „Ich mag es, außergewöhnliche Orte zu entdecken“, sagt die 37-Jährige mit dem blonden Kurzhaarschnitt. Einerseits sei da die Atmosphäre, die Hochstraße und Schienen ausstrahlten, andererseits gebe es hier, auf dem ehemaligen Brachland der Stadt Bremen, Wohnraum – ein Zusammentreffen, das Szymanski fasziniert: „Der Mensch ist doch sehr erfindungsreich.“

Mobiles Zuhause als Quelle der Inspiration

Dass die freiberufliche Künstlerin in einer festen Wohnung gelebt hat, ist schon lange her. Während ihrer Studien – Soziale Arbeit in Darmstadt und Kunsttherapie in Bremen – war sie zwar in Wohngemeinschaften, doch in das Leben auf Wagenplätzen hat sie sich lange vorher verguckt. „Bei Darmstadt gab es einen, ganz idyllisch im Grünen. Das hat mich nicht mehr losgelassen.“

Zwar ist die Lage der Wagenburg am Bremer Bahnhof nicht ganz so malerisch, aber praktisch: „Ich gebe viele Workshops, deshalb ist die Nähe zur Stadt und die Anbindung zum Künstlerhaus einfach komfortabel.“

Das mobile Zuhause auf der grünen Wiese ist eine Quelle der Inspiration, die die freiberufliche Künstlerin für sich entdeckt hat. Leinwände stehen angelehnt an der Wand. Ein Regal beherbergt Farbspraydosen für den Graffitiworkshop im Flüchtlingsheim. Flamingos in der Abendsonne irgendwo in Kenia sind auf einem Buchtitel zu sehen, der zwischen Leinwänden und einer Palette liegt. Das Mobiliar besteht aus einem Stuhl, einer grauen Kiste und einem kleinen Tisch, getragen von einem abgesägten Ast eines Baumes, dessen anderer Ast als Garderobe dient. Ein Vorhang trennt die Küche, eine halbhohe Glaswand die Schlafkammer vom Wohnzimmer ab.

Ehemaliger Schaustellerwagen

„Das hab ich selbst ausgebaut“, sagt Szymanski stolz und zeigt um sich. Außer von künstlerischem und handwerklichem Geschick zeugt Szymanskis Wohnzimmer von der Liebe zu realen Dingen, Sachen, die man anfassen kann. Das Bücherregal, das das Sofa an einer Seite flankiert, ist voll von Werken über Kunst, andere Länder und Kulturen sowie das Thema Gender. Bücher liebt Szymanski und nimmt gerne alte, herrenlose Werke bei sich auf. „Wie sie sich anfühlen und riechen, das mag ich.“ Dazwischen: eine Figur aus den Star Wars Filmen, deren Philosophie mit Darth Vader im Wagen gelandet ist.

Szymanskis Wohnzimmer bei den Querlenkern hat übrigens mehrmals gewechselt, ohne, dass damit ein Ortswechsel im eigentlichen Sinne verbunden wäre. „Zuerst habe ich mir einen Bauwagen gekauft“, erzählt sie. Nachdem sie ihr Diplom erfolgreich bestanden hatte, gönnte sie sich einen LKW. Irgendwann kam das jetzige Mobil: ein ausrangierter Schaustellerwagen vom Freimarkt, den Szymanski über eine Kleinanzeige entdeckte. Eine Entwicklung, die mit dem herkömmlichen Wohnen durchaus zu vergleichen ist: „Man zieht als junger Mensch in eine Ein-Zimmer-Wohnung oder Wohngemeinschaft, später hat man zwei Zimmer. Irgendwann möchte man aber lieber in einen schönen Altbau“, illustriert es Szymanski.

Ihr Wohnzimmer ist inzwischen Sinnbild für viele Dinge in ihrem Leben geworden. Für die Freiheit zum Beispiel, aber auch für die Gemeinschaft, die sie umgibt. „Ich bin autark“, sagt sie. Der Holzofen spendet Wärme, eine Solaranlage generiert im Sommer Energie, die im Winter über eine große Wohnraumbatterie kommt, die regelmäßig aufgeladen wird.

Unsichtbarer Luxus

Ein bisschen vermischt sich Campinggefühl mit dem eines Eigenheims. So flexibel das Wohnen im Wagen ist, soviel unsichtbaren Luxus bietet es. „Hier hab‘ ich meine Ruhe“, stellt Szymanski fest. Niemand stört sie, wenn sie nachts aufsteht und sich an die Leinwand stellt, weil eine Idee sie geweckt hat und verwirklicht werden möchte. Auch geht sie niemandem auf die Nerven, wenn sie den Bass spielt, der ans Sofa gelehnt steht. „Oder wenn ich die Dämpfe vom Malen rausziehen lassen, oder wenn mir etwas herunterfällt“, ergänzt sie. Niemandem sei sie verpflichtet. „Ich kann bestimmen, wie ich den Raum nutze, wie in einem eigenen Haus.“

Zudem besteht wenig monetärer Zwang. Wie Szymanski arbeitet, steht ihr frei. „Ich bin nicht angewiesen, ganz viel Geld ranzukarren, um mir eine große Wohnung leisten zu können.“ Dennoch ist sie von anderen Menschen umgeben, zu denen sie einen persönlichen Bezug hat. In den Gefährten wohnen noch 20 andere, die sich gegenseitig unterstützen, mit denen man etwas zusammen unternehmen kann, aber nicht muss.

Wer bewundert, wie Szymanski auf so wenig Raum lebt, wird auf die Dimensionen hingewiesen. „Der Lkw war kleiner. Am Anfang war ich fast überfordert mit dem vielen Platz hier.“ Die festen Wohnungen, die die meisten Menschen haben, erscheinen dagegen außergewöhnlich großzügig. „Das ist Luxus“, meint Szymanski, „aber gut, dass man sich dafür entscheiden kann.“ Und nein, es müsse kein spezieller Schlag Mensch sein, der zehn Quadratmeter Wohnzimmer auf dem Wagenplatz alles anderem vorzieht. In anderen Städten wie Berlin, sagt Szymanski, gebe es sogar Anwälte und Ärzte, die der Wunsch nach Individualität oder Gemeinschaft dorthin gezogen hat.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+