Flächensparendes Wohnen

Bremer Grüne wollen Umbau und Umzüge fördern

Weil die Pro-Kopf-Wohnfläche der Menschen und die Belastung fürs Klima steigen, setzen die Bremer Grünen auf flächensparendes Wohnen statt auf „bauen, bauen, bauen“.
07.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Grüne wollen Umbau und Umzüge fördern
Von Pascal Faltermann
Bremer Grüne wollen Umbau und Umzüge fördern

Die Grünen-Fraktion will es älteren Menschen erleichtern, in kleinere Wohnungen umzuziehen.

Jochen Lübke / dpa

Es ist eine Wende in der Baupolitik. Was die Bremer Grünen-Fraktion in einem Positionspapier vorschlägt, ist eine Abkehr von der oft wiederholten SPD-Ansage „bauen, bauen, bauen“. Weil die Pro-Kopf-Wohnfläche der Menschen in Bremen und die Belastung für das Klima immer weiter steigen, fordern die Grünen ein effizienteres Nutzen des Wohnraumes. Dazu hat die Fraktion ein Positionspapier verabschiedet, das acht Maßnahmen enthält. So sollen Umbauten und Umzüge mit dem Ziel einer verkleinerten Fläche pro Person gefördert und eine Wohnungstauschbörse eingerichtet werden. Außerdem sieht das Papier vor, flexibler, weniger und klimafreundlicher zu bauen sowie den Bestand zu entwickeln.

Das Problem ist bekannt: Es gibt in der Hansestadt zu wenig verfügbaren, bezahlbaren Wohnraum. „Darauf kann man nicht nur immer mit mehr Neubau reagieren“, sagt Philipp Bruck (Grüne). Der Fraktionssprecher für Klimaschutz fordert in dem von ihm erarbeiteten Positionspapier ein Programm für flächensparendes Bauen und Wohnen, um umwelt- und klimafreundliche Lösungen zu finden und zu fördern. „Es ist ein Richtungswechsel. Der Fokus muss weg vom Bauen, hin zum Bestand gerichtet werden.“

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Der Koalitionspartner SPD hatte durch den ehemaligen Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) und durch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) mit Nachdruck immer wieder wiederholt, dass die Bagger rollen und die Kräne über der Stadt kreisen müssen, damit Wohnungen entstehen. Laut dem Portal Statista ist die Wohnfläche je Einwohner in Bremen von 35,8 Quadratmetern im Jahr 1991 auf 42,4 Quadratmeter im Jahr 2018 gestiegen.

Zudem gibt es immer mehr Wohnraum, obwohl vor 50 Jahren laut dem Statistischen Landesamt mehr Menschen in Bremen lebten. Aber klar ist laut Bruck auch: „Die gestiegene Pro-Kopf-Wohnfläche bedeutet eine wertvolle Entwicklung für mehr soziale Gerechtigkeit und eine breitere Verteilung von Wohlstand.“ Andererseits leben immer noch viele Menschen in beengten Verhältnissen.

„Viele Neubauten haben häufig Grundrisse, deren geringe Zimmeranzahl es gar nicht erlaubt, mit mehr Menschen auf derselben Fläche zu leben – Luxuswohnen mit zwei Zimmern auf 140 Quadratmetern“, sagt Bruck. Er führt zudem auf, dass versiegelte, bebaute Flächen zulasten der Biodiversität gehen und ein wesentlicher Teil der Treibhausgasemissionen durch den Bau von Gebäuden entsteht.

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Flächensparendes Wohnen scheitert laut einer Studie des Umweltbundesamtes an zahlreichen Hemmnissen: mangelndes Problembewusstsein, finanzieller und zeitlicher Aufwand eines Umzugs oder Umbaus oder fehlende kleinere Wohnungen in heimischen Quartieren. „Oft finden Familien keine größeren Wohnungen und viele ältere Menschen haben viel Wohnraum, den sie häufig unfreiwillig nicht brauchen“, sagt Bruck. In einer aktuellen Studie des Immobilienentwicklers Pantera geben fast zwei Drittel der älteren Bremer an, dass sie bereit sind, in kleinere Wohnungen umzuziehen.

Aus Sicht der Grünen sind das alles Gründe, um die Menschen mehr für diese Problematik zu sensibilisieren, zu informieren und eine zentrale Beratungsstelle einzurichten. Neben dem bestehenden Förderprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sollen weitere Programme geschaffen werden, um Umbau und Umzüge hin zu kleineren Wohnflächen zu fördern. In einer Wohnungstauschbörse sollen auch die Bestände von Gewoba und Brebau berücksichtigt werden.

Auch eine landesgesetzliche Regelung, die Mieter einen Anspruch auf Wohnungstausch gibt, sollte geprüft werden. Damit können Mieter ihre Wohnungen ohne die bei Neuverträgen üblichen Mieterhöhungen tauschen. Beim Bauen selbst sollen Beispiele wie die bedarfsgerechten Anpassungen der Grundrisse durch den „Bremer Punkt“ eine stärkere Rolle spielen. „Es sind kleine Hilfen, um den Menschen zu ermöglichen, Wohnraum effizienter zu nutzen“, sagt Bruck.

Für einen Stadtstaat sei es wichtig, flächenschonend zu bauen, sagt Falk Wagner, Sprecher für Bau und Wohnen der SPD-Fraktion, auf die Pläne angesprochen. „Dabei darf aber nicht sozial blind vorgegangen werden.“ Grundsätzlich sei der Wohnungstausch eine gute Sache, wofür vor allem ältere Menschen sensibilisiert werden müssten. „Aber es gibt noch zu wenige barrierefreie Wohnungen“, so Wagner. Da sich diese altersgerechten Häuser meist in einem Neubau befinden, seien sie zudem oft teurer als größere Wohnungen mit alten Mietverträgen.

Der Anstieg der Pro-Kopf-Wohnfläche sei ein Zeichen von sozialem Wohlstand und Lebensqualität, geht Wagner mit der Einschätzung der Grünen konform. Früher hätten vier- oder fünfköpfige Familien oft in Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen gelebt, jetzt besitzen immer häufiger alle Familienmitglieder einen eigenen Raum.

Beim Klimaschutz nennt der Baupolitiker einen anderen Aspekt: „Wohnungen, die nicht in der Stadt gebaut werden, entstehen auf dem Land. Ziehen die Menschen dort hin, kommt eine zusätzliche CO2-Belastung durch den Pendelverkehr hinzu.“ Das Klima kenne keine kommunalen Grenzen. So müsse es das Ziel sein, die Menschen, vor allem Familien, in der Stadt zu halten. Anschauen müsse man sich, wie das Angebot und die Aufteilung von Luxusflächen, also große Wohnungen für Singles, im Rahmen bleibe. „Ein Single muss nicht in einem 100-Quadratmeter-Loft wohnen“, so Wagner.

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