Flüchtlingsunterkünfte in Bremen Wohnen mit Würde

Der Architekt Stefan Feldschnieders plant Flüchtlingsunterkünfte nach dem Vorbild orientalischer Hofhäuser - und ist bundesweit gefragt.
03.08.2015, 00:00
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Wohnen mit Würde
Von Sabine Doll

„Ist es nicht auffällig ruhig hier?“, fragt Stefan Feldschnieders. Der Architekt steht in der Mitte des kleinen Innenhofs – und hat völlig recht. Es ist still. Auffällig still. Vom Verkehrslärm der Nordstraße, auf der gerade die Rush-Hour ihren Höhepunkt erreicht, ist nichts mehr zu hören.

„Als wir vor zwei Jahren den Auftrag bekommen haben, Modulbauten aus Containern zu entwerfen, stand für mich fest: Ich werde keine unreflektierten Aufbewahrungsanstalten bauen“, sagt Feldschnieders. „Nicht für Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen und hier zur Ruhe kommen müssen und dafür wenigstens ein Mindestmaß an Privatsphäre benötigen.“ Feldschnieders hat sich über die Lebensgewohnheiten in den Herkunftsländern der Flüchtlinge informiert, wie dort gebaut und gewohnt wird. Welche Bedürfnisse die Menschen haben, wie er mit der Wohnanlage darauf Rücksicht nehmen kann. Auch, wenn es eine Notunterkunft aus Containern ist. Eine wichtige Ratgeberin für den Bremer Architekten war eine muslimische Mitarbeiterin. „Sie hat darauf hingewiesen, dass die Innenhöfe eine Art Schutzzone für streng gläubige Frauen sind, in denen sie sich auch ohne Kopftuch aufhalten können“, erklärt der Planer. Und sie hat davon abgeraten, Gemeinschaftsduschen einzurichten. Die würden von den Frauen nicht genutzt.

„Schutz der Privatsphäre“

Die Bewohner haben die Wahl, sie können sich auf dem zentralen Platz treffen oder in ihre Innenhöfe zurückziehen, wenn sie nach draußen gehen wollen“, sagt Feldschnieders. „Der Schutz der Privatsphäre ist das Leitmotiv dieser Anlage.“ Das Konzept der Einzelhäuser habe auch den Vorteil, dass unterschiedliche religiöse Gruppen verteilt werden können, damit es nicht zu Konflikten kommt.

Damit die Anlagen nicht wie ein Fremdkörper im Stadtbild wirkt, haben die Architekten auch ein Farbkonzept entwickelt. Alle Container sind in unterschiedlichen Rottönen gestaltet, einige Gebäude in direkter Nachbarschaft haben eine rötliche Klinkerfassade. Das Flüchtlingsdorf in Arbergen ist in unterschiedlichen Grüntönen gestaltet, es liegt in direkter Nachbarschaft zu einem Maisfeld, in Grohn sind die Container blau angestrichen, wegen der Nähe zur Lesum.

Das „Bremer Modell“ der Container-Anlagen ist mittlerweile bundesweit bekannt und Stefan Feldschnieders als Fachmann gefragt. „In Hannover sollen drei ähnliche Anlagen gebaut werden“, sagt der Architekt. Weitere Anfragen habe es aus Leipzig, München, Münster, Uelzen und Leer gegeben. „Im Moment gibt es allerdings große Engpässe auf dem Markt, die Hersteller können kaum noch liefern, zumindest nicht so schnell, wie die Container benötigt werden“, sagt Feldschnieders.

Auch in Bremen sollen die drei Anlagen erweitert werden, eine zusätzliche vierte sei derzeit in der Ausschreibung. Die Zahl der Flüchtlinge steigt bundesweit weiter an, Städte und Kommunen kommen kaum hinterher, Unterkünfte zu errichten. Viele, darunter auch Bremen, stellen deshalb Zelte als Notbehelf auf. Rund 1150 Flüchtlinge werden in den kommenden Wochen in Zelten untergebracht sein.

„Das ist bitter“, sagt Feldschnieders. „Und das kann nicht die Lösung sein.“ Der Architekt fordert mehr Mut von der Politik. „Den Mut, jetzt endlich den sozialen Wohnungsbau viel stärker zu fördern. Das ist jahrelang liegen geblieben, wir brauchen dringend mehr günstigen Wohnraum. Für Flüchtlinge, Rentner, Wohnungslose, Studenten und andere Gruppen. Der Bedarf an kleinen günstigen Wohnungen ist riesig“, sagt er.

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