Mieter gegen Eigentümer: Architektin lebt in ihrer Blumenthaler Wohnung auf einer Baustelle Wohnen ohne Küche

Blumenthal. Das Zweifamilienhaus an der Rudolf-Breitscheid-Straße in Blumenthal liegt wie in einer Oase – mitten in einer weitläufigen Siedlung mit etlichen Mehrfamilienhäusern. Auf den ersten Blick ein Kleinod mit schönem Garten.
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Von Imke Molkewehrum

Albert Neubürger und Susanne Ischen

Christian Kosak

Blumenthal. Das Zweifamilienhaus an der Rudolf-Breitscheid-Straße in Blumenthal liegt wie in einer Oase – mitten in einer weitläufigen Siedlung mit etlichen Mehrfamilienhäusern. Auf den ersten Blick ein Kleinod mit schönem Garten. Im Innern weist das Gebäude allerdings nach Schilderung der Mieter erhebliche Mängel auf. Besonders krass: Die obere Wohnung hat seit März keine Küche, obwohl sie seit Anfang Dezember 2015 regulär vermietet ist. Mieterin ist die Architektin Susanne Ischen. Seit Monaten kämpft die 55-Jährige darum, dass die 74 Quadratmeter große Wohnung saniert wird, aber sie beißt bei ihrem Vermieter, der Firma Wüstefeld Bremen-Nord GbR, auf Granit.

Susanne Ischen kann weder kochen noch backen oder abwaschen. Sie hat keinen Kühlschrank, keinen Herd und kein Spülbecken. Wo einst eine Küchenzeile stand, hängen Kabel aus den unverputzten ­Wänden. Die Fliesen und der Holzboden wurden demontiert, es gibt in dem Raum kein Wasser und keinen Strom. Warum die Handwerker alles rausgerissen haben, aber nicht weitermachen, ist Susanne Ischen ein Rätsel.

Statt zu kochen hat die Mieterin mit ihrem Partner im Sommer oft gegrillt, um nicht essen gehen zu müssen. „Aber im Winter ist das nicht so einfach. Und wir können ja nicht ständig unten bei meiner Mutter auf dem Sofa hocken.“ Das Wohnzimmer der gebürtigen Blumenthalerin ist derzeit noch sehr sparsam möbliert. Gern würde sie es gemütlich einrichten, aber sie will die Renovierung abwarten. Noch liegt rissiges Linoleum auf dem alten Dielenboden, und an den Kanten klaffen breite Spalten im Mauerwerk.

„Es zieht hier überall“, sagt die Nordbremerin und versenkt einen Zollstock in der tiefen Ritze. „Es wird in dem Haus nichts gemacht, egal wie oft man mit dem Verwalter telefoniert oder ihn anschreibt.“ Zwar habe es inzwischen diverse Ortstermine gegeben, um die baulichen Mängel der Wohnung in Augenschein zu nehmen, getan habe sich aber nichts. Deshalb stehen ihre sperrigeren Wohnzimmermöbel ebenso wie die eigenen Küchenmöbel schon seit Monaten in Keller und Garage. „Die vergammeln da allmählich“, fürchtet Ischen.

„Schalter tiefer + Doppelsteckdose“ steht auf einen grünen Zettel, der über einer Einzelsteckdose im Esszimmer klebt. Aber auf die Installation wartet die Architektin womöglich vergeblich. Rund 9000 Euro würde die Sanierung kosten. Und dabei geht es um Baumängel, nicht um Schönheitsreparaturen“, betont die Architektin. Immerhin gebe es einen Renovierungsrückstau von 30 Jahren. „Ich habe Wüstefeld auch schon angeboten, das Haus abzukaufen“, sagt sie. Susanne Ischen hatte einen guten Grund, nach Blumenthal zu ziehen: Ihre 80-jährige Mutter lebt seit mehr als 30 Jahren in dem 1949 erbauten Haus – bis vor Kurzem gemeinsam mit einer ebenfalls verwitweten Nachbarin. „Als die zu ihren Kindern zog, war meine Mutter in Panik“, erzählt Ischen. Aus Fürsorge gab die 55-Jährige daher ihr Reihenhaus in Hude auf und mietete die Wohnung über ihrer gesundheitlich angeschlagenen Mutter. Und damit begann der Kampf gegen Windmühlen.

„Wir haben nicht einmal einen FI-Schalter“, sagt Ischen – ganz zu schweigen von den obligatorischen Rauchmeldern. Wegen der Baumängel hat sie die Mietzahlung seit Vertragsbeginn um 70 Prozent reduziert. Rein rechnerisch hat der Vermieter dadurch bereits mehr als 3000 Euro eingebüßt, die er für die Instandsetzung der Wohnung hätte nutzen können. Susanne Ischen mutmaßt daher, Wüstefeld wolle sie und ihre Mutter womöglich aus dem Haus ekeln, um es abzureißen. Ein Indiz hierfür sei auch die jüngste Diskussion über einen Aufhebungsvertrag mit dem Verweis, dass die Wohnung ein „Totalschaden“ sei, so Susanne Ischen.

„Es gibt momentan keinen Plan, das Haus abzureißen“, betont Arne Kraeft, der das Gebäude für den Privatinvestor Thomas Wüste­feld verwaltet. Schließlich seien die beiden Wohnungen – im Vergleich zu den Wohnungen in den umliegenden Blocks – vergleichsweise groß und daher begehrt. „Vierzimmerwohnungen haben wir sonst nicht im Sortiment.“ Hinderlich sei aber „das Kompetenzgerangel zwischen der Mieterin und dem Vermieter über die Art und Weise der Instandsetzung“.

Die Architektin Susanne Ischen erwarte berufsbedingt eine Sanierung nach neuestem Standard, während der Eigner „die Wohnungen nicht von Grund auf sanieren möchte“, erläutert Kraeft. Vielmehr wolle Wüstefeld die Wohnungen nur so renovieren, „dass man einigermaßen darin wohnen kann“. Es gehe hier „um eine Abstimmung zwischen Anspruch und Möglichkeiten“.

Susanne Ischen habe zwar angeboten, sich an den Kosten zu beteiligen, aber auf lange Sicht wäre das Geld nicht gut angelegt, meint Kraeft. Die Keller seien feucht und die Bausubstanz mangelhaft. Langfristig sei es sicher geboten, einen Käufer für das Objekt zu finden. Oder die Firma müsse alles abreißen und was etwas Neues bauen. Die Gewosie habe jedenfalls im Jahr 2013 beim Verkauf der 80 Wohnungen an die Firma Wüstefeld Bremen-Nord GbR einen „guten Deal gemacht“.

Aktuell gelte es jetzt aber „die Kuh vom Eis zu holen“, weiß Arne Kraeft. Zweifelsfrei sei die bisherige Koordination bei der Sanierung der Mietwohnung von Susanne Ischen „schlampig“ und nicht zu rechtfer­tigen. Immerhin habe der Eigentümer inzwischen aber grünes Licht gegeben, die Bauarbeiten zu beenden. Welches Budget dafür zur Verfügung stehe, sei aber noch nicht klar.

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