Neue Vorsitzende des Tierschutzvereins Wohner-Mäurer: "Tierschutz ist Umweltschutz"

Tierquälerei hasst sie, und mehr öffentliches Geld für die Arbeit des Bremer Tierschutzvereins wäre ihr sehr recht. Die neue Vereinsvorsitzende Brigitte Wohner-Mäurer ist Ehefrau des Innensenators.
07.01.2018, 14:48
Lesedauer: 4 Min
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Von Elke Hoesmann

Ein großes Bild von Wolfgang Apel erinnert an den verstorbenen Vorgänger – wenn Brigitte Wohner-Mäurer aufschaut, sieht sie es an der Wand des Büros. Sie ist die neue Chefin des Bremer Tierschutzvereins und kommt gleich zur Sache. Wieder haben sich offenbar mehrere Hundehalter ihrer Tiere entledigt. Allein zwischen Weihnachten und Neujahr seien sieben Hunde gefunden und ins Tierheim gebracht worden, berichtet sie. Ein Mischlingsrüde war darunter, an der Autobahn entdeckt, mit verkrüppeltem Vorderbein und einer frischen Halswunde, sagt sie und blättert in den Unterlagen. „Vermutlich hat der Halter den Chip gewaltsam entfernt.“

Solche Grausamkeit regt Brigitte Wohner-Mäurer immer noch auf. Aber sie bleibt ruhig, auch wenn sie von einer halbtoten Katze erzählt, die im September in einem Koffer auf einer Müllkippe in Hemelingen gefunden wurde. Schon seit zehn Jahren engagiert sich die Ehefrau von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) ehrenamtlich für den Tierschutzverein; der Verein betreibt das Heim an der Hemmstraße 491. Sie war lange Zeit Lehrerin der Schule am Waller Ring, hat zwei Kinder und drei Enkelinnen, zu Hause versorgt sie zwei Katzen.

Unterstützung auf dem kurzen Dienstweg?

Drei- bis viermal die Woche verbringt die neue Vereinsvorsitzende meist mehrere Stunden im Bürogebäude mit dem kleinen Ententeich am Eingang. Sie lobt die gute Atmosphäre dort, bespricht sich mit Tierheimleiterin und Geschäftsführerin, will Impulse geben. „Mein Mann sagt, ich sei weniger zu Hause als er, aber das stimmt nicht“, erzählt sie und lächelt. Er akzeptiere ihre Arbeit – „das muss er auch“.

Von der Innenbehörde bekommt der Tierschutzverein einen Großteil seiner staatlichen Unterstützung. Die Behörde zahle einen festen Betrag von knapp 400.000 Euro jährlich, sagt Wohner-Mäurer. Das wirft Fragen auf. Denn wenn der zuständige Senator auch der Ehemann ist, liegt die Vermutung nahe, dass manches auf dem kurzen Dienstweg geklärt wird. Ein Vorteil auf Kosten anderer Bremer Organisationen? Die Vereinschefin räumt zwar ein, es sei von Vorteil, dass „ich Einblick bekomme und weiß, wen ich ansprechen muss“. Sie verhandele aber in einer eigenständigen Position, nicht als Frau des Senators. Ohnehin sähen einige Gesprächspartner diese Verbindung eher negativ. „Das ist nicht immer ein Vorteil“, beteuert sie.

"Tierschutz ist Umweltschutz"

Was sie im neuen Amt ändern möchte: Das Hin und Her zwischen Behörden, wenn es um das Bezahlen von Rechnungen des Vereins geht. “Ich will Planungssicherheit, wer für welche Kosten zuständig ist“, sagt Bremens oberste Tierschützerin und nennt ein Beispiel: Die Polizei beschlagnahmt Welpen, die dann im Heim landen. Das Geld für deren Versorgung soll von der Staatsanwaltschaft kommen, aber die schickt die Rechnung weiter an die Polizei, die sich ebenfalls nicht zuständig fühlt. Diese Probleme kann es auch mit dem Veterinäramt geben, mit dem Ordnungsamt oder dem Zoll, berichtet Wohner-Mäurer. Sie habe jetzt allen Behörden geschrieben und gebeten, die Kostenübernahme zu klären.

Wie ihr Vorgänger Apel will auch sie politisch etwas bewirken. „Tierschutz ist Umweltschutz“, sagt sie und plädiert für weniger Fleischkonsum und eine bessere Haltung der Tiere. Grausam findet sie das Töten von Marderhunden in China, die für westliche Modetrends leiden müssten. Deshalb starte der Verein eine Plakatkampagne gegen den „Run auf Pelzsachen“, gegen Mützen mit Pelzbommel beispielsweise. „Nur so trägt man Pelz“ steht auf den Plakaten. Sie zeigen Mitarbeiter des Bremer Tierheims mit Hunden oder Katzen im Arm.

Ungefähr 500 Tiere leben derzeit im Heim, darunter mehr als 260 Katzen. Manchmal glaubten Besucher, der Verein wolle seine Schützlinge gar nicht vermitteln, sagt Brigitte Wohner-Mäurer. Doch das sei falsch, die Mitarbeiter schauten nur genau hin. Sie wüssten zum Beispiel, dass der sympathisch wirkende Hund misshandelt wurde, noch sehr misstrauisch und nicht familienfreundlich sei. Komme die Vermittlung nicht zustande, reagiere die Familie oft enttäuscht. Dabei würde der Verein gerne mehr Tiere abgeben, wenn denn die Bedingungen stimmten.

Animal Hoarding wird teuer für den Tierschutzverein

Um das tierische Wohl bemühen sich inzwischen 27 Voll- und Teilzeitkräfte, fünf Azubis und viele Ehrenamtliche. Es ist auch das Lebenswerk von Wolfgang Apel, der fast 40 Jahre den Bremer Verein leitete, bundesweit für den Tierschutz trommelte und vergangenen Februar starb. „Hier wird kein Lebewesen weggesperrt“, versichert seine Nachfolgerin. Seit Jahren genießen Bremens Heimhunde das Gassigehen mit Ehrenamtlichen, Kinder lesen den Katzen sogar vor.

Dies alles kostet viel Geld. Die Bewirtschaftungskosten liegen laut Wohner-Mäurer bei jährlich 1,5 Millionen Euro. Staatliche Stellen überwiesen dem Tierschutzverein insgesamt rund 460.000 Euro im Jahr, „eine Million müssen wir selbst beitragen. Das schaffen wir durch Zuwendungen, Nachlässe und Spenden, die aber großen Schwankungen unterliegen.“ Es wäre deshalb gut, wenn die öffentliche Hand sich noch mehr engagieren würde, sagt sie. Die Stadt sei gesetzlich verpflichtet, für die Betreuung von Fundtieren zu sorgen. „Wir sind keine Bittsteller. Wir übernehmen staatliche Aufgaben.“

Teuer kann es für den Verein werden, wenn wieder mal ein Fall von Animal ­Hoarding auffliegt, also das krankhafte Sammeln von Tieren. Wie zuletzt in einer Wohnung in Findorff. Dort hatte ein offenbar überforderter Mann 45 Katzen gehalten. Mitarbeiter des Tierheims und der Katzenhilfe nahmen die kranken, nicht kastrierten Samtpfoten in Obhut. Allein die Arztkosten seien erheblich gewesen, sagt Wohner-Mäurer. Diese Herausforderung habe man letztlich mit Sach- und Geldspenden bewältigen können. In Bremen sollten sich die Parteien um eine bessere Zusammenarbeit mit dem Verein bemühen, findet sie. Und sich stärker für das Tierheim interessieren.

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