Jürgen Theiner zum Kurswechsel in der Baupolitik

Wohnraum für junge Familien: Bremen-Nord bietet sich an

Der Sozialstruktur in Bremen-Nord kann es nur guttun, wenn junge Familien hier ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen. Für dieses Ziel aber muss die Baupolitik ideologiefrei werden.
11.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wohnraum für junge Familien: Bremen-Nord bietet sich an

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Wird die Baupolitik des künftigen Senats pragmatischer? Kommt drauf an, wen man fragt. Der designierte Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) ließ in dieser Woche aufhorchen, als er im Interview mit der NORDDEUTSCHEN für eine „Flächenentwicklung im Außenbereich“ eintrat. Einfacher ausgedrückt: Wohngebiete auf der grünen Wiese gelten nicht mehr als Todsünde. Jedenfalls für Sieling.

Im Bauressort des Senats sieht man das bisher anders. Dort firmieren solche Vorstellungen unter Zersiedelung der Landschaft. Besser sei es, Baulücken im Innenbereich zu nutzen und vorhandene Bausubstanz zu revitalisieren. Dieser Philosophie entsprechend bremste die Behörde bisher nach Kräften, wenn Projektentwickler oder Nordbremer Beiräte Flächen im grünen Saum des Stadtgebiets als Wohnstandorte ins Gespräch brachten. Bestes Beispiel: Das Baugebiet Am Bodden Nord in Blumenthal. Vor neun Jahren von der Baudeputation befürwortet und ebenso lange in der Warteschleife.

Nun darf man getrost unterstellen, dass auch Carsten Sieling nicht auf Teufel komm raus Bremens letzte Naturflächen zubetonieren will. Doch er hat eines verstanden: Landschaftszersiedelung findet so oder so statt – bisher allerdings auf der falschen Seite der Landesgrenze. Niedersächsische Nachbargemeinden wie Schwanewede und Ritterhude platzieren attraktive Baugebiete an der Landesgrenze und locken damit junge Familien aus Bremen an. Die sind dann auf Jahrzehnte für die Hansestadt verloren. Zumindest finanziell. Ihre Steuern zahlen sie nämlich im Umland, fahren aber als Pendler die Bremer Straßen kaputt.

Sieling will nun gegenhalten. Bremer sollen im Stadtgebiet ein größeres Angebot vorfinden, wenn sie sich ihren Traum vom Einfamilienhaus erfüllen wollen. Wie sehr der Markt nach solchen Angeboten verlangt, zeigen die jüngsten Aktivitäten des Projektentwicklers Olaf Mosel. Schon der Verkauf seiner bauträgerfreien Grundstücke auf dem früheren Sportplatz des SV Grohn lief gut. In den Aumunder Wiesen – dem gerade erst gestarteten Baugebiet westlich der Meinert-Löffler-Straße – werden ihm die Flächen geradezu aus den Händen gerissen. Von 43 Grundstücken in einer Preisstaffel zwischen 125 und 155 Euro/m² sind bereits 37 verkauft oder reserviert. Der Marketingaufwand lag nahe null.

Das baupolitisch Interessante an der Sache sind die Sozialdaten der Käufer, die Mosel akribisch zusammengetragen hat. Sie sprechen eine eindeutige Sprache. Bis auf wenige Ausnahmen kommen die Erwerber aus Bremen, sind Ende 20 bis Mitte 30 Jahre alt und wohnen bisher zur Miete. Es handelt sich also ganz überwiegend um junge Familien, die sonst womöglich den Lockrufen aus dem niedersächsischen Speckgürtel erlegen wären.

Carsten Sielings Vorstellung von der „wachsenden Stadt“ – sie könnte sich ganz wesentlich in Bremen-Nord materialisieren. Wenn man ihn denn lässt. Wenn er sich denn gegen das Grün-geführte Bauressort und die dort tonangebenden Leute durchsetzen kann. Skepsis ist allerdings geboten. Schaut man in den druckfrischen Koalitionsvertrag, dann fällt sofort auf, dass die baupolitischen Passagen klar die Handschrift der Grünen tragen. Zwar ist dort auch von einem „auskömmlichen angebotsorientierten Bauprogramm für Einfamilien- und Doppelhäuser“ die Rede, doch die Generallinie lautet: „Unsere Wohnungsbaupolitik orientiert sich vorrangig an der Innenentwicklung.“

Um Missverständnissen vorzubeugen: An Innenentwicklung ist nichts falsch. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist es sogar zu begrüßen, wenn jemand auf einer gut erschlossenen Gewerbebrache wohnen möchte oder ein 50er-Jahre-Siedlungshaus kauft, um es nach heutigen Standards umzubauen, gut zu dämmen und damit fit für die Zukunft zu machen. Aber das ist nicht der allein selig machende Weg. Es muss auch Angebote für eine jüngere Kundschaft geben, die sich den vielleicht etwas konservativ anmutenden Traum vom Häuschen im Grünen erfüllen will.

Der Sozialstruktur Bremen-Nords könnte das nur gut tun. Sie ist gekennzeichnet durch eine starke Überalterung, vor allem aber durch eine stetige Zunahme von Menschen in prekären Lebensverhältnissen. Jeder sozial stabile Mittelschichten-Haushalt, der hilft, diese Entwicklung auszubalancieren, sollte vor diesem Hintergrund hochwillkommen sein. Gefragt ist also nichts anderes als eine Entideologisierung der Bremer Baupolitik. Ein Punkt, in dem Carsten Sieling Durchsetzungsvermögen unter Beweis stellen kann.

juergen.theiner@weser-kurier.de

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