Kommentar über Situation am Hauptbahnhof

Wohnungslosigkeit ist kein ästhetisches Problem

Am Bahnhof zeigen sich Alkohol- und Drogenprobleme in aller Öffentlichkeit. Das ist für viele verstörend, die sonst mit Randbereichen des Lebens nicht in Berührung kommen, schreibt Diplom-Volkswirtin Hannah Beering.
21.07.2018, 16:56
Lesedauer: 2 Min
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Von Hannah Beering

Der Hauptbahnhof soll sicherer und sauberer werden. Darüber sind sich der Bremer Senat, die bremische Zukunftskommission und wohl auch viele Bremer Bürgerinnen und Bürger einig. Am Bahnhof zeigen sich Alkohol- und Drogenprobleme in aller Öffentlichkeit. Es gibt Bettler, Kleinkriminalität, Müll und Verschmutzung.

Die Menschen, die in unserer Gesellschaft am Rande stehen, kommen zum Bahnhof, um hier Anschluss an das Leben zu finden. Das ist für viele Bürgerinnen und Bürger verstörend, die sonst mit den Randbereichen des Lebens nicht in Berührung kommen. Verstörend ist allerdings, dass dieses Problem als Imageproblem für Bremen diskutiert wird.

In Stellungnahmen zur Situation am Bahnhof geht es um das Erscheinungsbild der Stadt und ästhetische Fragen. Es geht um verstärkte Polizeieinsätze, Kameras und Kontrolldruck. Wohnungslose, die ihr tägliches Überleben durch Almosen sichern, werden von ihren Plätzen am Bahnhof und in der Innenstadt verdrängt. Menschen sollen weichen, weil sie das Bild der neuen Bahnhofsvorstadt stören.

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Wenig Trost bietet die Initiative, neben dem Intercity-Hotel ein umzäuntes Areal für den Aufenthalt von Menschen mit Problemen einzurichten. Mit einem hohen Zaun umgeben erinnert dieser Aufenthaltsbereich an ein Zoogehege. Wir alle wissen, dass Probleme ursächlich gelöst werden müssen. Zudem ist bekannt, dass wir nicht isoliert leben, sondern in gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Wir müssen uns fragen, warum immer mehr Menschen derart durch die Raster unserer Gesellschaft fallen, dass sie direkt vor unseren Augen am Bahnhof enden. Wo sind die Konsequenzen, die wir aus dieser Tatsache ziehen? Wie schaffen wir Abhilfe? Was brauchen die Menschen?

Wenn man die Betroffenen fragen würde, würden ihre Wünsche vermutlich überschaubar sein: Es dürfte sich um Häuser der Bauweise „Einfach Wohnen“ handeln, die vom „Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen“ angemahnt werden. In diesem Bündnis kommen Menschen von der Straße zu Wort.

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Auch eine ausreichende Zahl fest angestellter Streetworker und Sozialpädagogen könnte gewünscht sein. Ferner würde es um gute Arbeit für alle gehen, bei der Werte wie Sinn, Solidarität, Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe beachtet werden. Die Kosten für diese Wünsche der Betroffenen sind in einer Stadt mit über 160 Einkommenmillionären und mehr als 10.000 Vermögensmillionären zweifellos tragbar. Sie dürften deutlich unter den 100 Millionen Euro liegen, die für die Immobilie auf dem Bahnhofsvorplatz aufgewendet wurden.

Info

Zur Person

Unsere Gastautorin Hannah Beering ist Diplom-Volkswirtin. Sie war 18 Jahre lang als ­Wirtschaftsprüferin in Bremen tätig und arbeitet seit sieben Jahren ehrenamtlich in der Bremischen Wohnungslosenhilfe.

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