"Wenn das Geld nicht reicht" - Heute: Förderverein Kämmereimuseum Blumenthal

Wollige Erinnerungen für die Nachwelt

Die Bremer Wollkämmerei in Blumenthal war ein einzigartiges Fertigungsunternehmen von Weltruf. Es besaß über 100 Jahre ein Alleinstellungsmerkmal in der Wollverarbeitung. Die Erinnerungen, das hat sich der Förderverein Kämmereimuseum Blumenthal e.V. zum Ziel gesetzt, müssen, wie auch immer, der Nachwelt erhalten bleiben.
08.12.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Die Bremer Wollkämmerei in Blumenthal war ein einzigartiges Fertigungsunternehmen von Weltruf. Es besaß über 100 Jahre ein Alleinstellungsmerkmal in der Wollverarbeitung. Die Erinnerungen, das hat sich der Förderverein Kämmereimuseum Blumenthal e.V. zum Ziel gesetzt, müssen, wie auch immer, der Nachwelt erhalten bleiben.

Blumenthal. "Sehen Sie", sagt Detlef Gorn und greift eine Plastiktüte voll mit weißer Wolle: "Wolle, richtige Wolle". Und während er einem die Tüte fast unter die Nase hält, setzt er hinzu: "Riecht auch noch nach Schaf." So viel also zum "B" wie Baumwolle. Denn, ein für alle Mal: BWK steht für Bremer Woll-Kämmerei und hat mit Baumwolle nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. So weit dieser Tipp für den unbedarften Betrachter. Und für Gorn ist auch das eine ehrenamtliche Dienstleistung für seinen Stadtteil.

Denn das ist es, als was sich Gorn sieht: als Dienstleister Blumenthals. Der 61-Jährige ist Vorsitzender des Fördervereins Kämmereimuseum Blumenthal e. V., am 11. November vergangenen Jahres ins Leben gerufen und seit Oktober als gemeinnützig anerkannt. Ziel des Vereins ist, wie es in der Satzung steht, "die Erforschung und Dokumentation der Geschichte der Bremer Woll-Kämmerei AG und Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten sowie die Förderung der Gründung eines Museums, um diesen Teil der Geschichte Blumenthals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen".

Das Schlüsselerlebnis, das den ehemaligen und seit Ende 2009 im Ruhestand befindlichen Fernmeldetechniker dazu brachte, sich heute als Bewahrer lokaler Geschichte zu betätigen, fand er bei seiner Begegnung mit der Dewers Armaturenfabrik. Oder besser mit dem, was von diesem Traditionswerk übrig geblieben ist: nämlich nichts. Grüne Wiese. Auch ein Blick zum benachbarten Fähr-Lobbendorf hinüber, wo einst beim Vulkan die Ozeanriesen vom Stapel liefen ... Hier wie da, sagte er sich, gibt es oder muss es Unmengen von Unterlagen geben, die die Geschichte dieser Werke belegen. Und erst recht muss es dann auch Material über die BWK geben. "Schritt für Schritt ist der ehemalige Betrieb durchkämmt worden, die Menschen haben Unterlagen daheim, Dokumente, Bilder - das muss bewahrt werden."

Mehr als 100 Jahre, gegründet 1884, habe die BWK Blumenthal geprägt. "Das muss festgehalten werden. Allein schon die Geschichte der Integration", und meint damit die Eingliederung der aus Polen stammenden Arbeiter die um 1900 nach Blumenthal auf die Kämmerei gekommen sind, deren Name heute - wie bei Fußballvereinen im Ruhrgebiet - auf den Klingelschildern im Stadtteil eine Selbstverständlichkeit sind. "Worin", fragt Gorn und umreißt damit eine der Aufgaben, die sich der Verein gestellt hat, "worin besteht der Unterschied in Sachen Integration damals und heute?".

Vor allem möchte Gorn aber Zeitzeugen befragen. So wie Guido Knopp das "Gedächtnis der Nation" sei, träumt er davon, ein solches Projekt auf regionale Ebene herunterzubrechen. "Wir versuchen zu kanalisieren. Wir versuchen, der Geschichte einen Namen zu geben", sagt Detlef Gorn. Zum Beispiel den Namen "Zahn", den Namen einer Familie, die, wie es viele Familien in Blumenthal getan haben, über Generationen Mitarbeiter der Kämmerei gestellt hat. Dabei geht es dem Verein nicht um Erhalt und Ausstellung von Material und Maschinen - "davon gibt es allein mit dem Museum der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in Delmenhorst genug" - nein, "hier wird Menschenmaterial aufgearbeitet. Dieses Material, die Unterlagen dafür - das hat kein Unternehmen".

Wie zum Beispiel jetzt das gezackte Gebilde am oberen Rand seines PC-Schirms: Das Stimmprofil des heute 90-jährigen Klaus Kahler, ehemaliger Geschäftsführer der Lesumer Chemischen Fabrik Hensel&Co, der mit Gorn Seite für Seite eines Fotoalbums durchgeht und Bild für Bild kommentiert. Vom Wollschweiß erzählt, von der Pottasche, die daraus in einer am Müllerloch gelegenen Zweigstelle der Lesumer Fabrik gewonnen wurde ("und unter anderem in Griechenland zur Bearbeitung von Weintrauben in Rosinen verwendet wurde").

Und Gorn zaubert noch andere Zeitdokumente aus dem Ärmel: Eine Versicherungsbestandsaufnahme des gesamten BWK-Komplexes aus 1966 - "so dick wie die Bibel". Oder mit Fotos und dicht an dicht schreibmaschinengeschriebenem Text eine Dokumentation eines leitenden BWK-Angestellten von 1938 bis 1963.

Hunderte von Glasnegativen ist Gorn zudem dabei zu digitalisieren. Allerdings ist seine Serie nicht vollständig, "ein Teil liegt im Staatsarchiv" - "Sehen Sie, wie gestochen scharf die sind". Und: "Ein Poster-Abzug im Fotohandel, das kost' nicht die Welt." Schließlich nimmt Gorn ein wuchtiges Bronzemodell zur Hand: ein Widder, der dereinst den Schreibtisch des Geschäftsführers der BWK geziert hat ...

Der Verein zählt derzeit 30 Mitglieder, Ortsamtsleiter Peter Nowack ist einer von ihnen. Sechs bis acht sind ständig eingebunden, eingebunden in die "Dienstleistung an Blumenthal", unter anderem mit der Vorbereitung von "Präsentation und Veröffentlichung der aktuellen Arbeitsergebnisse", dem "ständigen Materialservice für Schulen und andere Bildungsträger" und der "Kooperation mit Museen, Archiven, kulturellen Institutionen und Geschichtsgruppen". Zusammenarbeit versprochen und auch schon gespendet haben unter anderem die Sparkasse und Edeka. Mit Doku Blumenthal und der Oberschule in den Sandwehen steht man zudem im Gespräch. Alle 14 Tage findet im Haus der Zukunft in Lüssum eine Teamsitzung statt.

Zu Kooperationen unter anderem mit Museen, da, gibt Gorn zu, träumt er jetzt schon von einem eigenen Museum. Auf dem Gelände - natürlich: der BWK. Aber da will der Verein grundsätzlich erst einmal abwarten, wie sich die Dinge dort entwickeln. Obgleich: Gespräche mit den neuen Eigentümern des ehemaligen BWK-Speichers, der dort ein Oldtimer-Museum einrichten will, habe es schon gegeben. Nicht zuletzt, und darauf legt Gorn großen Wert: Eine türkischstämmige Mitbürgerin bietet dem Förderverein ihr Netzwerk an, um detaillierte Zeitzeugenbefragungen im türkischen Kulturkreis durchzuführen. Gorn: "Absolut top. Das hätte ich nicht erwartet!" Um aber all das zu verwirklichen und weiterentwickeln zu können, braucht der Förderverein weitere Dokumente, Fotos, Zeitzeugen und natürlich: Geld. Und neue Mitglieder.

Ein Anreiz: Bei Vereinsbeitritt gibt es für den Neuling eine historische Aktie im Wert von 1000 D-Mark. Kontakt: Detlef Gorn, Telefon 0421/605271, Vereinskonto 80587512 bei der Sparkasse Bremen, BLZ 29050101.

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