Kirchen in Zeiten von Corona

Wie die neuen Formen des religiösen Lebens in Bremen aussehen

In Bremens Kirchengemeinden werden in Zeiten der Abstandsgebote neue Wege ausprobiert. Doch die Sorge vor Ansteckung bleibt - insbesondere nach einem Ausbruch nach einem Gottesdienst in Frankfurt.
30.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie die neuen Formen des religiösen Lebens in Bremen aussehen
Von Sara Sundermann
Wie die neuen Formen des religiösen Lebens in Bremen aussehen

Die ersten Gottesdienste –wie hier in St. Petri –sind unter Auflagen gefeiert worden.

Frank Thomas Koch

Kurze Andachten auf Youtube, das gehört in vielen Bremer Kirchengemeinden inzwischen zum Alltag mit Corona. Es werden neue Formen ausprobiert: Ein interaktiver Gottesdienst über das Internet-Portal Zoom, bei dem Teilnehmer sich mit Fürbitten und Äußerungen im Chat einbringen können oder ein Chor, der aus einzelnen zu Hause aufgenommenen Stimmen ein gemeinsames Stück montiert.

Gleichzeitig ist das Gemeindeleben weiter stark eingeschränkt. Und die Sorgen vor Ansteckung zum Teil groß, insbesondere nachdem es zuletzt einen großen Corona-Ausbruch nach einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt gab. Dort wurden mehr als 200 Infektionen festgestellt. Die Gemeinde hatte nach eigenen Angaben zwar auf Desinfektionsmittel, 1,50 Meter Abstand und separate Ein- und Ausgänge gesetzt, bedauert aber inzwischen, dass man auf Masken verzichtet und gemeinsam gesungen habe. Singen gilt Wissenschaftlern wegen des verstärkten Ausstoßes von ­Aerosolen als Infektionsrisiko.

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„Was da in Frankfurt passiert ist, hat uns schon alle ziemlich geschockt“, sagt der Bremer Propst Bernhard Stecker, der zugleich Pfarrer in der katholischen Gemeinde St. Johann im Schnoor ist. Allerdings würden so viele Leute, wie in dem Frankfurter Gottesdienst waren, in St. Johann gar nicht in die Kirche passen, so Stecker. „Eine Restunsicherheit bleibt, aber wir glauben schon, dass wir in Bremen verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen.“

Dazu gehört: Statt sonst oft mehr als 200 Menschen dürfen jetzt nur noch 70 in die Kirche St. Johann. Jede zweite Bankreihe wird gesperrt, Mundschutz wird empfohlen, die Weihwasserbecken sind ausgetrocknet, schildert Suzana Muthreich vom katholischen Gemeindeverband Bremen das Vorgehen. Sie stellt auch klar: „Es gibt noch kein Gemeindeleben, wie es vor Corona war.“

Keine Fahrten oder Gruppentreffen

Zum Beispiel fallen sämtliche für die Sommerferien geplanten Kinder- und Jugendfreizeiten aus, und die vielen Gruppen von den Anonymen Alkoholikern bis zu Menschen mit Behinderung, die sich sonst in Pfarrheimen treffen, können das derzeit nicht tun. Dafür wurde in St. Johann schon ein digitaler Gottesdienst auf der Plattform Zoom organisiert, wo sich Teilnehmer im Chat mit Fürbitten oder ihrer Meinung einbringen konnten: „Das ist schon interaktiver – doch das Feierliche, die sakrale Atmosphäre fehlt natürlich“, sagt Stecker.

Pfarrer Josef Fleddermann von der katholischen Gemeinde St. Marien in Walle beschreibt die Stimmung in der Gemeinde als abwartend. „Es ist eine kleine Erleichterung, dass man nun wieder mit den Gottesdiensten starten kann“, erzählt er. Dafür müsse man sich per Telefon oder E-Mail anmelden. In St. Marien werde noch in der Kirche gesungen, aber viel weniger als zuvor. Der Pfarrer hält das für vertretbar, denn es kämen derzeit viel weniger Menschen. „Wir singen dann zurückhaltend, nicht so mit Schmackes und nur zwei Lieder.“

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In Bremens evangelischen Gemeinden entfallen dieses Jahr besondere Pfingstereignisse wie die Taufen in der Weser und ein großer Gottesdienst im Klinikpark Bremen-Ost. Das teilt die Bremische evangelische Kirche (BEK) mit. Unter Auflagen seien aber Open Air-Gottesdienste auf kirchlichem Grund mit maximal 50 Besuchern erlaubt, sagt die BEK-Sprecherin Sabine Hatscher. Für diesen Sonntag sind mehrere Freiluftgottesdienste geplant, zum Beispiel auf einer Wiese vor der Vege-­sacker Stadtkirche oder vor einem Gemeindehaus in Walle.

„Für uns steht unter dem Motto ,Mit Abstand am Nächsten’ Verantwortung an erster Stelle“, betont Hatscher. Es gelte, alle Besucher und Beschäftigten bestmöglich zu schützen. Viele Bremer Pastoren nehmen unter dem Hashtag „Sofa-Kirche“ kurze Andachten und Video-Botschaften auf und stellen sie auf Youtube ein. Die Gemeinden organisieren auch Nachbarschaftshilfe für ältere und kranke Menschen, zum Beispiel Unterstützung beim Einkaufen.

Keine Risiken eingehen

In der Friedenskirche im Viertel nimmt ­Pastor Bernd Klingbeil-Jahr die Corona-Einschränkungen als schmerzlich war: „Das trifft uns schon sehr hart, weil wir ein Haus der Begegnung sind, wo sonst pro Woche 2000 Menschen ein- und ausgehen.“ Doch man wolle keinerlei Risiken eingehen, damit sich ein Ausbruch wie der in Frankfurt nicht wiederhole. In den Gottesdiensten würden nur noch 36 statt sonst oft 150 Menschen zugelassen, dafür biete man jeden Sonntag zwei verkürzte Gottesdienste an. „Bei uns gibt es keine Kompromisse: Es wird nicht gesungen“, sagt der Pastor.

Alle Sänger im Gemeindechor hätten einzeln zu Hause am Computer ein Lied aufgenommen: „Dafür mussten alle mit zwei Streams arbeiten, ihrem eigenen und dem der Chorleitung.“ Die Einzelstimmen wurden dann zusammen geschnitten und als Stück im Gottesdienst eingespielt. Klingbeil-Jahr betont dennoch: „Wir haben in diesen Zeiten gelernt, dass digitale Angebote echte Begegnungen nur ergänzen, aber nicht ersetzen können. Wir warten sehr darauf, dass wir alle wieder zusammen kommen können.“

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