Akondoh Ali aus Togo trägt im Rahmen der Reihe „ Zwiesprache Lyrik“ seine Gedichte vor Worte, scharf wie Messer

Heide Marie Voigt stellt Akondoh Ali vor: 1995 musste der heute 58-jährige Lehrer und Redakteur sein Land nach Folter und Gefangenschaft verlassen. Im Atelier Dépendance in Blumenthal trägt Ali am Gedichte vor, die er seitdem in Deutschland geschrieben hat. In die Reihe „Zwiesprache Lyrik“ passt die Veranstaltung auch, weil Akondohs Bruder Djamal Ali die Gedichte auf Trommeln akustisch in Szene setzt.
09.03.2015, 00:00
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Von Volker Kölling

Heide Marie Voigt stellt Akondoh Ali vor: 1995 musste der heute 58-jährige Lehrer und Redakteur sein Land nach Folter und Gefangenschaft verlassen. Im Atelier Dépendance in Blumenthal trägt Ali am Gedichte vor, die er seitdem in Deutschland geschrieben hat. In die Reihe „Zwiesprache Lyrik“ passt die Veranstaltung auch, weil Akondohs Bruder Djamal Ali die Gedichte auf Trommeln akustisch in Szene setzt.

„Weit, weit entfernt an der alten Slavenküste, dort in meinem Heimatland Togo, gebrandmarkt durch die Sklaverei, verewigt sich die Gesellschaft der Hyänen und mit ihnen der schäbige Brauch des Tuschs zur Ordensverleihung, der ihnen so gut gefällt. Unsere Herren sehen nichts als ihren eigenen, bereits prall gefüllten Wanst; sie, die behaupten vom Volk gewählt worden zu sein.“

Der Anfang von Akondoh Alis erstem in Deutschland geschriebenen Gedicht lässt schon ahnen, warum Ali fliehen musste. er war Mitbegründer und Redakteur der regimekritischen Oppositionszeitung „La Lettre de Tchaoudjo“. Das diktatorische Regime in seinem Heimatland hat seiner Arbeit aber nicht lange zugesehen. Begegnungen mit Polizeioffizieren hat Akondoh Ali umgehend in Schriftliches umgesetzt: Er setzt Prosa gegen Pistolen. Dabei können seine Worte selbst jetzt im Exil noch scharf wie Messer daherkommen, sein Vortrag beschwörend bis sogar bedrohlich wirken.

Heide Marie Voigt erzählt, dass sie Akondoh Ali kennenlernte, als sie nach Gedichten suchte, die zweisprachig Häuserwände zieren sollten. „Warum reist unser Herz nicht zu einem anderen pochenden Herzen,“ zitiert die kulturbewegte Vegesackerin den Anfang aus einem Werk, dass ihr Akondoh Ali damals zugeschickt hat – geradezu zärtlich kann der große Mann dichten und wie in jeder Sekunde seines Vortrags wird kein Gefühl nur halb gelebt. „Le Rossignol – Die Nachtigall“ ist der späte Nachmittag überschrieben. Tatsächlich hat Ali das gleichnamige Gedicht für einen befreundeten Sänger geschrieben, dessen Tod er betrauert.

Trauer wird ihn an diesem Nachmittag geradezu übermannen, als er ein Gedicht zu Ehren seines Vaters vorträgt, der Trommler war in Togo: „Er machte sich wegen der Politik viele Sorgen um seine Kinder.“ Daran sei er letztlich gestorben. Der Vater und dessen Stimme sei bei ihm wie ein warmer Südwind über den eisigen Ländern des Nordens.

Akondoh Ali widmet seine Gedichte all den Ländern, die unter Diktaturen leiden. Er beweint das Schicksal Somalias, spricht in einer kurzen Moderation auch den Tod von tausenden Flüchtlingen vor Lampedusa an. Er rezitiert seine Gedichte in Französisch, Heide Marie Voigt und einmal Alis Tochter Farida tragen die Übersetzungen in Deutsch vor.

Die 16-jährige Farida Ali hat auch ein eigenes Gedicht mitgebracht. In „Die kleine Taube“ schildert sie offen eine Art von stolzer Zerrissenheit zwischen Togo und Deutschland und den „zwei Wiegen“, auf die sie stolz ist. Mit ihrer Mutter Lakazo Kokoloko traut sie sich hin und wieder nach Togo, wo es für den Vater viel zu gefährlich ist. Warum? Im Gedicht „Somalia“ nennt er die Regierenden offen „die Schande dieser Welt“ und verspricht, dem Land „das Lächeln und die Stimme wiederzugeben“.

Zu „Trommel aus Afrika“ treten Akondoh Ali und sein Bruder Djamal Ali an diesem Nachmittag im Atelier in der ehemaligen Bücherei in Blumenthal endgültig in einen mitunter wütend, mitunter lachend getanzten, getrommelten und gerufenen Disput: „Trommelt lauter, immer lauter. Du füllst mich mit schönen Träumen, Du bist der Grund meiner Freude, Das Licht meiner Nächte, verbindest mich mit dem Land wo ich geboren bin. Erzähl dem weißen Mann von meinem Stolz, schwarz zu sein.“

Und das allerletzte Gedicht-Wort an diesem Nachmittag in Blumenthal lautet schlicht „Danke“ in einem Stück, mit dem sich Akondoh Ali bedankt – für Brot und Wein in seinem Exil im kalten Norden, weit weg von Togo.

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