Sozialprojekt der Epiphaniasgemeinde verbindet Kinder und Jugendliche über Sprachbarrieren hinweg

Wortlos-wortreiches Theater

Gartenstadt Vahr. Die Kinder tragen schwarze T-Shirts, mit silbrig glitzernden Applikationen. Einige haben sich aus Stoffstreifen in verschiedenen Blautönen Stirn- oder Haarbänder geflochten, andere tragen sie am Handgelenk oder als flatternden Rock um die Hüfte gebunden.
15.05.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandra Graeve

Gartenstadt Vahr. Die Kinder tragen schwarze T-Shirts, mit silbrig glitzernden Applikationen. Einige haben sich aus Stoffstreifen in verschiedenen Blautönen Stirn- oder Haarbänder geflochten, andere tragen sie am Handgelenk oder als flatternden Rock um die Hüfte gebunden. Allesamt sind barfuß und warten gespannt auf ihren Einsatz und damit auf den Höhepunkt des Projektes „Wortlos – Wortreich“.

Seit mehreren Tagen haben sich Kinder und Jugendliche aus der evangelisch-lutherischen Epiphaniasgemeinde und junge Migranten aus dem Stadtteil und aus dem Übergangswohnheim getroffen und für ihren gemeinsamen Auftritt geprobt. Manuela Brocksieper, die das Projekt ins Leben gerufen hat, arbeitet als „Gartenstadtnetzwerkerin“ bei der Epiphanias-Gemeinde (kurz „Epi“). Mit „Wortlos- Wortreich“ möchte sie Kindern und Jugendlichen helfen, Sprachbarrieren zu überwinden und über Kunst und Aktion miteinander in Kontakt zu treten.

Die Wahl fiel auf Tanz als Mittel, sich nonverbal auszudrücken und miteinander zu agieren. In Zusammenarbeit mit Lena Holtz und Valerie Usov vom Tanzwerk wurde über drei Tage eine Choreografie entwickelt und einstudiert, wobei die Kinder im Alter zwischen acht und 19 Jahren auch eigene Ideen einbringen durften. Ein Wunsch war es beispielsweise, zum Abschluss des Auftritts mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen, indem die Kinder durch die zu Netzen gespannten Schnüre treten, die den Tanzbereich von den Zuschauern trennen und den Menschen dahinter die Hand geben. Eine Geste der Verbundenheit.

Ein Dolmetscher war überflüssig

Viele der Bedenken, die sich Lena Holtz und Valerie Usov im Vorfeld aufgrund der Sprachbarriere gemacht hatten, wurden bereits beim ersten Zusammentreffen der Gruppe zerstreut. „Wir hatten sogar überlegt, ob wir an bestimmten Punkten die Unterstützung eines Dolmetschers benötigen. Aber die Kinder haben sich gegenseitig so wunderbar unterstützt und füreinander übersetzt, dass es so gut wie keine Verständigungsprobleme gab“, berichtet Valerie Usov begeistert. Die beiden jungen Frauen haben gemeinsam schon einige Jugendprojekte realisiert und waren somit bestens auf die temperamentvolle Rasselbande vorbereitet. Doch es wurde nicht nur unermüdlich geprobt. Manuela Brocksieper war es besonders wichtig, dass an allen drei Tagen gemeinsam Mittag gegessen wurde, um das Gemeinschaftsgefühl noch weiter zu festigen. Mütter aus der Gemeinde und dem Wohnheim zauberten dafür verschiedene Gerichte und leckere Kleinigkeiten.

Auch bei der Fertigung der Kostüme ist es zwei tatkräftigen Müttern zu verdanken, dass jedes Kind zur Aufführung ein nach seinen Wünschen individuell gestaltetes ­T-Shirt tragen konnte. Manuela Brocksieper schwärmt immer wieder vom Engagement der zahlreichen Helferinnen und Helfer, von denen sie am liebsten jeden Einzelnen lobend erwähnen und hervorheben möchte. Von den beiden Sponsoren, der „Plansecur Stiftung“ und dem Förderverein der Epi, bis hin zur großen Schwester eines der Kinder, die den Mädchen für die Aufführung wunderschöne Flechtfrisuren fertigte.

Hoffnung und Freiheit

Als die Aufführung um 15.30 Uhr beginnt, ist die Nervosität der Kinder spürbar. Doch die Choreografie, die vom „Aufeinanderzugehen“ erzählt, sitzt und zieht die Zuschauer in ihren Bann. Der 14-jährige Erik, der sich das Klavierspielen selber beigebracht hat, begleitet den Auftritt mit selbstkomponierten Stücken. Als Abschluss nehmen die Kinder Postkarten und klemmen sie mit Wäscheklammern an die gespannten Netze. Jede Postkarte ist mit einem Wunsch oder einem besonderen Wort beschriftet, das die Kinder und Jugendlichen besonders bewegt. Dort stehen berührende Worte wie „Liebe“, „Hoffnung“, „Freiheit“ und „Freundschaft“.

Nach drei Tagen intensiver Zusammenarbeit sind neue Freundschaften entstanden und der eine oder andere hat das Tanzen für sich entdeckt.

Manuela Brocksiepers Herzensprojekt „Wortlos –Wortreich“ soll auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Dann in Form eines Sportfestes.

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