Tag des offenen Denkmals in Bremen Wrackteile erzählen Geschichte

Am Tag des offenen Denkmals zeigt die Landesarchäologie erstmals Trümmer eines Bombers, die im Juli entdeckt worden sind.
09.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wrackteile erzählen Geschichte
Von Christian Weth

Uta Halle ist eigentlich Expertin fürs Mittelalter und frühzeitliche Keramik. Neuerdings kennt sich Bremens Landesarchäologin auch bestens mit Bombern aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges aus.

Sie spricht von Luftklappen, die den Motor einer Maschine kühlen, von Pedalhebeln aus dem Cockpit, von Seriennummern am Bug – und von einem besonderen Fund. Zum ersten Mal hat die Landesarchäologie nicht Tonscherben oder Mauerreste freilegen lassen, sondern Teile eines Flugzeugwracks geborgen, Kriegsrelikte der neueren Geschichte. Es sind Metall- sowie Holzstücke einer Bristol Blenheim, die 1941 abgeschossen wurde, und deren Trümmer im Juli auf einem Feld im Blockland entdeckt wurden. Am Sonntag, am Tag des offenen Denkmals, sollen sie erstmals gezeigt werden.

Dass Uta Halle so viel über den britischen Bombertyp weiß, verdankt sie Jens-Michael Brandes. Er steht an diesem Dienstagnachmittag neben ihr in einem Raum der Landesarchäologie. Sie präsentiert die Fundstücke, er erklärt sie. Brandes, Maschinenschlosser im Hauptberuf, Luftfahrtarchäologe in der Freizeit, hat dafür gesorgt, dass die Fachleute des Landesamtes jetzt wissen, was sie sie im Juli fanden. Halle: „So schnell wie er hätten wir die Wrackteile nicht identifiziert können.“ Brandes gehört einer Arbeitsgruppe an, die seit Jahren Abstürze von Maschinen im Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Ihr geht es um die Geschichte der Piloten. „Fliegerschicksale“ heißt die Internetseite.

Seriennummer bringt Gewissheit

Mehrere Tage hat Brandes gebraucht, um die Wrackteile zuordnen zu können. Der Kampfmittelräumdienst hatte sie bei Arbeiten auf einem Feld im Blockland entdeckt. Die meisten hatten sich beim Aufprall tief ins Erdreich gebohrt und sind nur faustgroß. Andere messen bis zu 60 Zentimeter, zum Beispiel ein Teil der Instrumententafel oder ein Stück der Motorabdeckung. Brandes hat erst die Bruchstücke nach Ziffern untersucht, später mit Fotos von Flugzeugen verglichen. Im Bildarchiv eines britischen Kriegsmuseums wurde er schließlich fündig. „Die Wrackteile passten haargenau zu den abgebildeten Bauteilen.“ Letzte Gewissheit brachte schließlich eine Seriennummer: V6020. Brandes: „Damit stand fest, dass es sich zweifelsfrei um eine Bristol Blenheim handelt.“

Seither wissen die Landesarchäologen noch mehr. Sie wissen, dass die Maschine zu neun anderen Bombern gehörte, die in den Morgenstunden des 4. Juli 1941 den 69. Angriff auf Bremen flogen. Dass die Maschinen 46 Spreng- und 20 Brandbomben abwarfen, von denen 15 Blindgänger waren. Und dass sie von Flakstellungen unter Beschuss genommen wurden. Der Angriff galt vor allem den Rüstungsbetrieben Weserflug und Atlas, aber auch Wohnhäuser zerstört wurden. Die Maschine, deren Teile im Blockland aufgetaucht sind, ist eine von vier Flugzeugen, die abgeschossen wurden. Ein Bomber der Airforce war im Hafen vor dem Schuppen 14 abgestürzt, einer an der Brokhuchtinger Landstraße und ein anderer in Seehausen. Landesarchäologin Uta Halle: „Jetzt sind somit alle Absturzstellen der vier Flugzeuge bekannt.“

Die Archäologen wollen am Tag des offenen Denkmals nicht bloß die Wrackteile zeigen, sondern zugleich anschaulich machen, was während des Bombardements in der Stadt passierte. Dabei greifen sie sowohl auf Zeitzeugenberichte und Fotos zurück als auch auf Akten, die eine Zeit lang als geheim deklariert waren. Halle spricht von neuen Perspektiven auf die Geschichte, die die Landesarchäologie eröffnen will – nicht nur der Kriegsgeschichte: „Am Sonntag stellen wir den Besuchern auch andere Bereiche unserer Arbeit vor.“

Die Landesarchäologie, An der Weide 50 a, hat am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Das Programm

Geschichte ist nicht nur interessant, für die Vergangenheit interessieren sich auch immer mehr Menschen. Georg Skalecki hat daran keinen Zweifel. Als Beleg dafür lässt Bremens oberster Denkmalpfleger zwei Zahlen sprechen. „Vier Millionen“, sagt er. Dann: „15 000.“ So viele Menschen machen sich nach seiner Rechnung mittlerweile bundes- beziehungsweise bremenweit auf, um am Tag des Denkmals unter Schutz gestellte Gebäude zu besichtigen. Und von Jahr zu Jahr, sagt Skalecki, werden es mehr Besucher. Auch für kommenden Sonntag, wenn erneut landauf, landab Gebäude mit Geschichte geöffnet werden, erwartet der Chef des Landesamtes für Denkmalpflege einen Anstieg.

Das Motto lautet diesmal „Handwerk, Technik, Industrie“. Darum informiert der Denkmalpfleger nicht in seinem Büro über das Programm zum Tag des offenen Denkmals, sondern in einem ehemaligen Werksgebäude: in der Lloyd-Halle 4, wo vor Jahrzehnten Autos der gleichnamigen Marke gebaut worden sind. Jetzt stehen dort Oldtimer verschiedener Fabrikate. Die Halle gehört Christoph S. Peper, der am Sonntag zeigen will, wie damals Lloyds produziert wurde. Und der am selben Ort mit Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz sowie Landeskonservator Skalecki den Tag des offenen Denkmals um 11 Uhr eröffnen wird.

Die Lloyd-Halle ist eines von 60 Gebäuden, die im Land Bremen zu besichtigen sind. Mit dabei sind beispielsweise der Schütting und das Rathaus ebenso wie der Schuppen Eins, die Klappbrücke zwischen Altem und Neuem Hafen in Bremerhaven und das Logenhaus Vegesack. Und nahezu alle Gebäude bieten an diesem Tag spezielle Führungen für Besucher an.

Eine Liste aller Veranstaltungen gibt es im Internet unter www.denkmalpflege.bremen.de

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