Erster Abend der Gesundheitswochen: Hospiz Bremen-Nord informiert über ehrenamtliche Begleitung Sterbender Würdige Unterstützung im letzten Lebensabschnitt

"Es ist immer noch ein Tabu, sich dem Themen Tod zu stellen. Viele Betroffene haben von uns noch nie etwas gehört", stellt Andrea Herrmann fest. Im Doku Heidbleek stellte die Vorsitzende des Vereins Hospiz Bremen-Nord mit ihrer Kollegin Ingeborg Würfel innerhalb der Gesundheitswochen die Arbeit der psychosozialen Begleitung schwerstkranker Menschen vor.
06.02.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexander Bösch

"Es ist immer noch ein Tabu, sich dem Themen Tod zu stellen. Viele Betroffene haben von uns noch nie etwas gehört", stellt Andrea Herrmann fest. Im Doku Heidbleek stellte die Vorsitzende des Vereins Hospiz Bremen-Nord mit ihrer Kollegin Ingeborg Würfel innerhalb der Gesundheitswochen die Arbeit der psychosozialen Begleitung schwerstkranker Menschen vor.

Blumenthal. Seit 15 Jahren hat sich der im Klinikum-Nord ansässige, 177 Mitglieder starke Verein auf die Fahne geschrieben, sterbende Menschen in der letzten Phase ihres Lebens zu begleiten. Im Schnitt zweimal pro Woche besuchen die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter ihre Bezugspersonen, die ihnen eine Koordinatorin des Vereins vermittelt. Darüber hinaus versuchen die Ehrenamtlichen, auch den Angehörigen und Freunden der erkrankten Menschen als seelische Stütze zu dienen.

"Oft sind die Sterbenden weitgehend mit sich im Reinen und die Angehörigen haben viel größere Schwierigkeiten, loszulassen", sagt die zweite Vorsitzende Ingeborg Würfel. Voraussetzung für die nicht immer leicht zu verkraftende Arbeit sei eine emotionale Reife, ein seelisches Gleichgewicht, das bei allem gebotenen Mitgefühl auch eine professionelle Distanz zum Erlebten ermögliche. So seien die meisten der 52 ehrenamtlichen Mitarbeiter mindestens 40 Jahre alt.

Gesetzlich vorgeschrieben ist für alle Helfer eine umfangreiche, 225 Euro teure Ausbildung, die an mehreren Wochenenden erfolgt. Dabei treffen sich die Teilnehmer zu Einzelvorträgen, die sich mit den Umgangsformen und dem Einfühlungsvermögen gegenüber Sterbenden, mit Patientenverfügungen, dem sensiblen Feld der Trauer der Angehörigen oder auch Spezialgebieten wie Demenz, Schmerztherapien oder dem Umgang von Kindern mit dem Tod befassen.

"Wir besuchen auch Bestattungsinstitute und stationäre Hospize oder erfahren Wissenswertes zu Themen wie der basalen Stimulation. "Wer lang im Bett liegt, verliert oft das Gefühl für den eigenen Körper und zieht in den letzten Stunden seines Lebens gegebenenfalls vor, lieber etwas kräftiger angefasst als nur zart berührt zu werden", umschreibt Andrea Herrmann diesen Begriff, der den Zuhörern unbekannt war.

Auch mit oft unbekannten Ritualen – etwa, dass ein Verstorbener bis zu 72 Stunden im Haus aufgebahrt werden kann oder die Möglichkeit besteht, den Angehörigen selbst zu waschen oder ihm Andenken in den Sarg zu legen – werden die Mitarbeiter vertraut gemacht. Da man bei der Begleitung sterbenskranker Menschen schnell an seine psychischen Grenzen stoße, sei es jedem freigestellt, zu pausieren oder wieder Abstand von der Tätigkeit zu nehmen.

Monatliche Supervisionen unter der Leitung ausgebildeter Psychologen und regelmäßige Fortbildungen stellten sicher, dass sich die ehrenamtlichen Begleiter austauschen und sich in einer emotional gefestigten Gemeinschaft befinden. Die Koordinatoren haben allesamt eine "Palliativ-Care-Ausbildung". Das helfe ihnen, bei Erstbesuchen einschätzen zu können, welche Betreuer zu den todkranken Menschen passten. "Ich habe in zehn Jahren nur ein einziges Mal erlebt, dass es nicht gestimmt hat", versichert Andrea Herrmann. Im Unterschied zu Besuchsdiensten im Altersheim, wie sie etwa die "Zeitschenker" in Vegesack anbieten, handele es sich bei den zu betreuenden Personen im Hospiz Nord um Menschen, die in der Regel nur noch wenige Wochen zu leben haben und diese möglichst schmerzfrei verbringen sollen.

"Jeder Mensch hat seine Spiritualität, wir sind konfessionell ungebunden", beantwortet Ingeborg Würfel die Frage, inwieweit Religion eine Rolle spiele. Während bereits russische und polnische Familien begleitet wurden, würden türkische Familien in der Regel nicht auf Hospizdienste zurückgreifen: "Der Koran schreibt ja vor, dass sich im Krankheitsfall Verwandte sehr fürsorglich um erkrankte Angehörige kümmern sollen".

"Menschenwürdig leben bis zuletzt"– das Motto des Vereins umfasst den Gedanken, Angehörige nach dem Tod ihrer Liebsten zu betreuen. Je nach Wunsch stehen vier Möglichkeiten zur Wahl. Während der "Raum für Trauer" Gesprächsrunden anbietet, bei denen es wie im Taubenschlag zugehe, sie die vierzehntägliche Trauergruppe auf sechs Personen begrenzt.

Neben einem monatlich angebotenen Trauercafé gibt es Einzelgespräche – etwa für Menschen, bei denen eine erschwerte Trauer vorliegt oder lebensgeschichtliche Themen zugrunde liegend, die für die Besprechung in einer Gruppe ungeeignet seien. Bei allem Ernst werde aber auch gelacht, wie die Vorsitzenden beteuerten.

Bereits im nächsten Jahr entsteht auf dem Gelände des ehemaligen "Haus Hügel" in Schönebeck eine stationäre Palliativstation für schwerkranke Menschen. Der Verein Hospiz Bremen-Nord, der als einer von sieben ambulanten Vereinen dem "Hospiz- und Palliativverband Bremen" ( HPB) untersteht, plant einen intensiven Austausch mit dieser Palliativstation.

Nähere Informationen unter www. hospiz-bremen-nord.de oder unter Tel.: 0421/ 6586108.

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