Sendefähig GmbH und das Y-Kollektiv

Y-Kollektiv und "Rabiat": Filmemacher ziehen in den Hafen

In Woltmershausen entstehen die Pusdorf-Studios, in denen die Produktionsfirma Sendefähig die Sendung "Rabiat" für die ARD oder die Beiträge für das Y-Kollektiv auf Youtube produziert.
14.05.2018, 21:33
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Y-Kollektiv und
Von Pascal Faltermann
Y-Kollektiv und "Rabiat": Filmemacher ziehen in den Hafen

In Woltmershausen entstehen die Pusdorf-Studios, in denen die Produktionsfirma Sendefähig mit Geschäftsführer Christian Tipke unter anderem die Sendung "Rabiat" für die ARD oder die Beiträge für das Y-Kollektiv produziert.

Frank Thomas Koch

Die Aufrufe der Youtube-Videos stiegen rasant an. Die Zahl der Aufträge nahm immer mehr zu. Mehr Arbeit, mehr Mitarbeiter, mehr Computer – irgendwann waren die Räume in der Alten Schnapsfabrik einfach zu klein. Die Bremer Sendefähig GmbH wuchs in den vergangenen zwei Jahren stark: Es begann mit den Y-Kollektiv-Beiträgen für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot „Funk“. Es folgten Aufträge für den weltweit agierenden Konzertveranstalter „Live Nation“, für das ARD-Morgenmagazin und nun auch das Reportage-Format "Rabiat" für die ARD, das in sechs Folgen immer montags um 22.45 Uhr im Ersten läuft. Die rund 230 Quadratmeter am Deich in der Neustadt reichten dann irgendwann nicht mehr aus. Ein neuer Ort für die Produktionsfirma musste her. Christian Tipke, einer von drei Sendefähig-Geschäftsführern, hat ihn in Pusdorf, Stadtteil Woltmershausen gefunden. Der ehemalige Isolierbetrieb von Paul Schiemann am Hohentorshafen wird nun zu den Pusdorf-Studios. Für die neue Heimat ist ein Zehn-Jahres-Vertrag unterschrieben worden. Doch nicht nur das: In dem Gebäude soll ein Kreativzentrum entstehen, das viel Raum für Kreative bietet, mit Bühnen, Ateliers, Werkstätten oder Studios.

Die Renovierung selbst gemacht

Auf rund 600 Quadratmetern breitet sich das Produktionsunternehmen Sendefähig in dem 1700 Quadratmeter großen Komplex aus. Wo vor Jahren bis zu 100 Personen an der Isolierung von Schiffen und Industrie gearbeitet haben, entstehen Schnittplätze, Büros und Aufnahmestudios. Die alten Holzdielen sind in mühevoller Arbeit abgeschliffen und bearbeitet worden. Noch stehen Umzugskartons herum, im größten Raum reihen sich weiße Tische mit den ersten Computern aneinander. Die Wände sind ebenfalls weiß, noch sind sie kahl. In den beiden Chefbüros mit Hafenblick befinden sich nur ganz einfache Schreibtische. Ein industrieller Charme schimmert in jedem Raum durch.

Es soll ein Standortfaktor für junge Leute in Bremen sein

Gemeinsam mit Dennis Leiffels gründete Tipke 2016 die Firma Sendefähig. Im August 2017 stieß Manuel Möglich als dritter Gesellschafter dazu und eröffnete ein zweites Büro in Berlin Kreuzberg. Mittlerweile beschäftigt die Firma 15 feste Mitarbeiter, mindestens genauso viele arbeiten als Freie für das Unternehmen. "Wir ziehen Leute aus ganz Deutschland an", sagt Tipke. Auch wenn der Weggang aus der Alten Schnapsfabrik nicht leicht gefallen sei, hält Tipke Pusdorf als Standort für bestens geeignet. Die Anbindung sei gut – Bus, Flughafen oder Bahnhof schnell zu erreichen. Und auch das Stadtzentrum sei nicht weit weg. Für ihn kam es nicht infrage, die Hansestadt zu verlassen. "Auch die Stadt muss sehen, dass wir hier einen Goldschatz haben", sagt Tipke. Was hier entstehe, sei auch ein Standortfaktor, um junge, kreative Menschen nach Bremen zu locken.

Seit Dezember 2017 ist der Mietvertrag unterschrieben. Seit Anfang des Jahres wurde in dem Gebäude umgebaut, saniert, erneuert, Kabel verlegt und gestrichen. "Mein Vater Johann Tipke war der Architekt des Umbaus", sagt Christian Tipke. In dem zuvor leerstehenden Komplex gab es einiges zu tun. Abgehängte Decken wurden entfernt, Wände eingerissen und neue eingezogen, Teppiche vom Boden gekratzt und Glasfaser-Leitungen für schnelles Internet verlegt. Alte Rolltore, Balken oder die Treppe mit den geschwungenen Stufen im Eingangsbereich sind geblieben. Entstanden sind Schnitträume, Redaktionslofts und Aufenthaltsräume in dem verschachtelten Komplex.

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Die 1100 Quadratmeter, die nicht von den Filmemachern genutzt werden, bieten Platz für Kulturschaffende. Einer der ersten Künstler, der einzog, war Olaf Kock. Carl Eidtmann soll bald folgen. Nico Hirschmann und Timo Schuhmacher, Köpfe hinter den Kneipen Papp und Karton, haben sich ebenfalls eingemietet. Der Rapper Stunnah, der eigentlich Patrick Kuhn heißt, will sich genauso wie der Deutsche-Fernsehpreis-Träger und Y-Kollektiv-Reporter Hubertus Koch ein eigenes Studio einrichten. Der Praktikant hat die alte Hausmeister-Wohnung bezogen. Zudem soll Raum für Co-Working entstehen – Arbeitsplätze in einem bestehenden Netzwerk. "Ich will, dass man hier gemeinsam Dinge macht", sagt Tipke. Jeder könne und solle sich hier einbringen, damit alle anderen davon profitieren. Es soll mehr als nur eine Bürogemeinschaft werden, mehr als die etablierten Unternehmenskulturen."Wir geben die Hülle und die Form vor, aus der dann etwas entstehen kann", so Tipke.

18 Millionen Aufrufe bei Youtube

Das alles ist durch den Erfolg des Y-Kollektiv erst möglich geworden. Allein bei YouTube stehen fast 18 Millionen Aufrufe für die Reportagen, die immer donnerstags neu erscheinen, zu Buche (Stand: Mitte Mai 2018). Über die sozialen Netzwerke kommt weitere Reichweite hinzu. Die Autoren des Bremer Unternehmens drehen ihre Beiträge auf der ganzen Welt. Geschnitten und bearbeitet werden sie aber in den Räumen von Sendefähig. Redaktionell abgenommen werden die Filme dann von Radio Bremen. Die Reportagen sind nah, subjektiv und nicht im Hochglanz-Look produziert. Sie sollen die Zielgruppe der 24 bis 29-Jährigen – der sogenannten Generation Y – ansprechen.

Die Reporter des Y-Kollektivs sind selbst im Alter zwischen 20 und Mitte 30 und erhielten im vergangenen Jahr den Web-Video-Preis und den Juliane Bartels Medienpreis. Aktuell sind sie für den Grimme-Online-Award nominiert. Mit dem jüngsten Projekt "Rabiat" gelang der Sprung aus dem Internet ins Fernsehen. Themen wie Drogen, Fetische, Cyber-Mobbing oder Pädophilie bestimmen die Beiträge. "Geld. Macht. Glück." lautet der Titel der dritten Folge, die am Montag, 14. Mai, 22.45 Uhr, bei Das Erste zu sehen ist.

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