Künstlerin aus dem Ostertor ist Zeichnerin der Kevin-Prozesse / Auch witzige Projekte auf den Weg gebracht

Yolanda Feindura denkt in Bildern

Ostertor. Yolanda Feindura aus dem Ostertorviertel produzierte Hunderte von Zeichnungen, die im Gerichtsprozess und im Untersuchungsausschuss zum gewaltsamen Tod des kleinen Kevin entstanden sind. Wenn Yolanda Feindura malt, sind Gewalt, Missbrauch und Traumata die wiederkehrenden Themen. Aber die Künstlerin hat auch eine ganz andere Seite, und die zeugt von viel Sinn für Komik.
16.05.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von monika bannas

Ostertor. Yolanda Feindura aus dem Ostertorviertel produzierte Hunderte von Zeichnungen, die im Gerichtsprozess und im Untersuchungsausschuss zum gewaltsamen Tod des kleinen Kevin entstanden sind. Wenn Yolanda Feindura malt, sind Gewalt, Missbrauch und Traumata die wiederkehrenden Themen. Aber die Künstlerin hat auch eine ganz andere Seite, und die zeugt von viel Sinn für Komik.

Yolanda Feinduras grau-blaue Augen sehen ihr Gegenüber freundlich und offen an. Kein am Elend dieser Welt leidender Gesichtsausdruck, keine verbitterten Linien im Gesicht. Sie ist groß und schlank, hat halblange, weiße Haare und einen weichen Mund. Im Gespräch vermittelt Yolanda Feindura den Eindruck eines Menschen von großer Warmherzigkeit und ausgeprägtem Humor.

Yolanda Feindura wurde am 10. Mai 1945 geboren, zwei Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Nachkriegsklima des Vergessens und Verschweigens entwickelte sie sehr feine Antennen für den unausgesprochenen Schrecken und Scham. Die meisten Bilder in ihrem Atelier handeln von seelischen Verletzungen, von Traumata und Schmerz. Sie wirken dennoch nicht grausig, sondern sind von großer Intensität und Schönheit. Bei längerer Betrachtung spenden diese Bilder auch Trost, weil Yolanda Feindura für die Opfer Unaussprechbares zum Ausdruck bringt. "Ich habe das Bedürfnis, etwas wiedergutzumachen, Dinge sichtbar zu machen", erklärt die Künstlerin. Sie liebte schon als kleines Kind Stifte und Papier. Früh begann sie mit dem Zeichnen und Malen. "Vom Gehirn geht der Impuls direkt in meine Finger", erklärt sie. "Das ist wie ein Zwang. Ich denke in Bildern."

Yolanda Feindura besuchte ein Jahr die Werkkunstschule Hannover und absolvierte fünf Jahre eine Ausbildung an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Während sie an zwei Gymnasien unterrichtete, setzte sie ihre eigene Ausbildung an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg fort. Seit Anfang der 1980er-Jahre lehrte sie zunächst parallel zu ihrer Unterrichtstätigkeit an Bremer Schulen noch 20 Jahre lang als Hochschullehrerin an der Universität Bremen.

Schon während ihrer Ausbildung hat Yolanda Feindura immer gemalt, hat morgens und nachts vor der Leinwand gesessen. Auch eigene schwierige Lebenssituationen hat sie in Bildern verarbeitet. Als sie sich vor fünf Jahren einer gefährlichen Operation an der Wirbelsäule unterziehen musste, malte sie zuvor ihren Kopf. Auf dem Bild kann man sehen, wie schmal der Spinalkanal, in dem Rückenmark und Nervenwurzeln verlaufen, an einer Stelle im Nacken nur noch war - entstanden durch die langjährige, gebeugte Haltung beim Malen. "Das Malen dieses Bildes hat mich beruhigt", erklärt Feindura.

Lehrtätigkeit an der Uni Bremen

Die Künstlerin hat auch witzige Projekte auf den Weg gebracht - zum Beispiel das "Gender-Klo"-Projekt. Es lief kursübergreifend sechs Semester an der Uni Bremen - während Yolanda Feinduras 20-jähriger Lehrtätigkeit. Es entstand durch eine Auseinandersetzung darüber, ob die Frauen auf der Etage der Kunstpädagogik weiterhin das einzige Klo, eigentlich eine Männertoilette, mit benutzen dürfen. Feindura verwandelte das WC mit Studenten in einen witzigen Ausstellungs- und Aktionsraum. Die sanitären Anlagen erhielten neue Türschilder (Mann und Frau mit Hund) und wurden unter anderem Lokalität für absurde Fotoshootings von Männern in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidern. Als Bilder und Objekte zerstört wurden, fahndeten die Studenten in der Aktion "Offene Klotür" in absurden Maskierungen nach dem "Gender-Schänder".

Bis 2005, also 24 Jahre lang, pflegte Feindura noch ein anderes Genre. Bei Auftritten in Szenekneipen sang sie, begleitet von einem Pianisten, mit drei Freundinnen umgetextete alte Schlager. "Ich habe die Texte gemacht, den größten Teil der Stimmschreibung, und ich habe mir kleine Kostümteile ausgedacht. Viel Spaß und viel Arbeit", lacht sie. In glitzernden Paillettenkostümen trug die Gruppe Lieder wie "Wir wollen niemals in die Breite gehen" vor. In einer, auf einem Video festgehaltenen Szene singt Yolanda Feindura im Strass-Look, mit tiefer rauchiger Stimme, ein Straußenei streichelnd, das Lied "Am Tag, als die Regel kam". Das Publikum johlt.

Yolanda Feindura bedauert, dass sie sich erst vor sechs Jahren ein Atelier eingerichtet hat. "Ich dachte lange, meine Bilder sind noch nicht gut genug. Ich hatte ja die großen Maler der Kunstgeschichte gesehen." Die Bilder ihrer Ausstellung mit dem Titel: "Letzte Bilder zum Trauma" hängen zurzeit in ihrem offenen Atelier, Bauernstraße 4. Sie sind von solcher Qualität, dass Feindura den Vergleich mit großen Künstlern nicht scheuen muss. "Aber jetzt", sagt sie, "kann auch etwas anderes kommen, ich habe sehr viele Ideen für neue Bilder."

Nähere Informationen im Internet unter www.yolandafeindura.de.

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