5200 Mal ohne Ticket

Zahl der Schwarzfahrer steigt in Bremen

Mehr als 5200 Mal sind Bremer 2018 ohne Ticket gefahren, damit ist die Zahl der Schwarzfahrer in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. In der Politik wird erneut über Entkriminalisierung diskutiert.
27.09.2019, 22:08
Lesedauer: 3 Min
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Zahl der Schwarzfahrer steigt in Bremen
Von Lisa-Maria Röhling
Zahl der Schwarzfahrer steigt in Bremen

Wer ohne gültiges Ticket erwischt wird, muss ein sogenanntes erhöhtes Beförderungsentgelt von 60 Euro bezahlen.

Johannes Kühner

Die Zahl der Schwarzfahrer in Bremen ist in den vergangenen zehn Jahren angestiegen. Das zeigt eine Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik: 2018 hat die Polizei Bremen 5256 Fälle von sogenannter Beförderungserschleichung bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), der Deutschen Bahn, der Nordwestbahn und anderen Dienstleistern erfasst. 2009 waren es 4433 Fälle. Die Quote aller Kontrollierten ohne Fahrschein in Bussen und Bahnen des BSAG hat sich nicht verschlechtert, sie lag in diesem Jahr wie auch in den Vorjahren bei ungefähr drei Prozent. „Das ist ein Wert, unter den man in der Regel nicht kommt“, sagt Jens-Christian Meyer, Sprecher der BSAG.

Schwarzfahren ist eine Straftat: Wer ohne gültiges Ticket erwischt wird, muss ein sogenanntes erhöhtes Beförderungsentgelt von 60 Euro bezahlen – wer beispielsweise bei der BSAG dreimal aufgegriffen wird, bekommt eine Strafanzeige und landet in der Kriminalstatistik. Laut Innenressort waren die Fälle in 2018 auf 3864 Tatverdächtige zurückzuführen, 2009 waren es 3202 Tatverdächtige. Das heißt: Viele Schwarzfahrer sind Wiederholungstäter.

Die BSAG versucht, den Tätern mit mehr Kontrollen der insgesamt 105 Millionen Fahrgäste pro Jahr entgegenzutreten: 2018 fuhren von 1,8 Millionen Kontrollierten 3,31 Prozent schwarz. Bis Ende August dieses Jahres hatte das BSAG-Personal 1,1 Millionen Fahrgäste überprüft, 3,5 Prozent hatten kein Ticket. Mit den Nahverkehrspreisen in Bremen hat das laut BSAG-Sprecher Meyer nichts zu tun: In Städten, in denen die Ticketpreise niedriger seien als in Bremen, sei die Quote gleich oder sogar höher. Nach Meyers Schätzungen verliert die BSAG jährlich knapp sechs Millionen Euro durch Schwarzfahren.

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Wie viele der Täter vor Gericht landen, lässt sich nicht sagen. Das Erschleichen von Beförderungsleistungen gehört zu einer ganzen Reihe von Delikten, die nach dem Paragrafen 265a des Strafgesetzbuches angeklagt werden. Die Anzahl der Verfahren in diesem Bereich ist laut Justizressort zwischen 2017 und 2018 von 4294 auf 5728 gestiegen. 2019 hat es bis Mitte September 2979 Verfahren dieser Art gegeben. Schwarzfahrer sind dabei nicht gesondert aufgeführt.

Ob Personen in Bremen deshalb in Haft sitzen, lässt sich laut Justizbehörde nicht sagen. In der Regel erfolge bei einer Verurteilung wegen Leistungserschleichung eine Geldstrafe, inhaftiert werden nur Täter, die das Geld nicht aufbringen können. Aktuell säßen insgesamt 50 Personen in Haft, die Geldstrafen für unterschiedliche Delikte nicht zahlen konnten. Seit 2012 bekommen Bremer, die regelmäßig beim Schwarzfahren erwischt werden und deshalb immer wieder im Gefängnis landen, für zwei Jahre das Stadtticket Extra für 10,50 Euro im Monat. 2019 wurde die Zahl der Empfänger von 50 auf 70 erhöht, aktuell beziehen 59 Menschen dieses Ticket, acht weitere stehen auf der Warteliste. Inwiefern sich das auf die Schwarzfahrer-Quote auswirkt, erläutert BSAG-Sprecher Meyer, lasse sich nicht ermitteln.

Auch weil die Quoten bundesweit auf einem ähnlichen Niveau bleiben, wird immer wieder über die Entkriminalisierung des Schwarzfahrens diskutiert. Zuletzt hatten Thüringen und Berlin einen Vorstoß im Bundesrat gewagt, wonach die Strafen für Fahren ohne Ticket gemildert werden sollen. Die Idee: Schwarzfahren soll von einer Straftat auf eine Ordnungswidrigkeit herabgestuft werden. Das soll vor allem Mitarbeiter der Gerichte und der Justizbehörden entlasten.

Der Antrag war am 20. September zur weiteren Beratung in die Ausschüsse verwiesen worden. Bremen hat sich bisher nicht zur Entkriminalisierung positioniert, allerdings sagt Senatssprecher Christian Dohle: „Es gibt innerhalb der Landesregierung Sympathien für die Initiative. Ob Bremen sich der letztlich anschließt, ist aber noch nicht entschieden.“

Das Bremer Justizressort hält die rechtspolitische Diskussion für durchaus lohnenswert. Schwarzfahren allerdings nicht mehr als Straftat, sondern als Ordnungswidrigkeit zu führen, hält Behördensprecher Marius Loeber für wenig sinnvoll. Denn auch eine Ordnungswidrigkeit ziehe ein Bußgeld nach sich; können die Schwarzfahrer das nicht zahlen, müssen sie dennoch in Haft. Heißt: Erneut wäre die Justiz involviert. „Wir hätten also das gleiche Problem.“ Deshalb gelte es, andere Sanktionsmöglichkeiten zu prüfen.

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