„Markt der Grünen Branche“ Zarte Sprösslinge für die Zukunft der Stadt

Am 1. und 2. Juni werden der Bremer Rhododendronpark und die Botanika zum vierten Mal zum Marktplatz der "Grünen Branche". Schwerpunkt der diesjährigen Veranstaltung ist das Thema "Urban Gardening".
16.05.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten

In Vorträgen, Exkursionen und Diskussionsforen soll das Thema zur Sprache kommen. Was darunter zu verstehen ist, das wollten die Veranstalter am liebsten mitten in einem Bremer Vorzeigeprojekt seiner Art erklären: dem Internationalen Garten Walle.

Walle·Horn-Lehe. Kartoffeln anbauen ist wirklich kinderleicht, wie Anika bestätigen kann: Die Fünfjährige aus dem Bremer Viertel benötigt dazu nur einen leeren Reissack, ein paar Handvoll Erde und Kompost, eine handelsübliche Biokartoffel und ein Eckchen auf dem heimischen Balkon. Der "Markt der grünen Branche", der am Wochenende 1. und 2. Juni in Rhododendronpark und Botanika stattfindet, wird noch eine Fülle weiterer theoretischer und praktischer Informationen bieten. Denn Stadtgärtnern – unter Insidern als "Urban Gardening" oder auch "Urban Farming" bekannt – ist ein Trend, der bereits in vielen internationalen Großstädten wächst und gedeiht. Und auch wenn Bremen vergleichsweise schon ganz schön grün ist – zu viel Natur können Städte nach Ansicht der Veranstalter nicht haben.

Bei dieser Neuigkeit werden sich viele, vor allem die Älteren unter den Stadtbewohnern, sicherlich wundern. Denn auf der eigenen kleinen städtischen Scholle ackern und die selbst gezogenen Früchte im eigenen Kochtopf zuzubereiten, das ist für Parzellisten in Bremen und auch anderswo seit jeher eine Selbstverständlichkeit. Für die jüngere Generation allerdings wohl meistens nicht: "Viele Menschen haben den Bezug dazu verloren, wie Lebensmittel angebaut werden, da hat sich vieles entfremdet", erklärt Monika Baalmann vom Verein "Sozialökologie". Selbstversorgung sei längst keine Lebensnotwendigkeit mehr, sondern eine bewusste Entscheidung: "Es wächst das Misstrauen gegenüber den Produkten, die in den Auslagen der Supermärkte zu haben sind." Wer selbst anbaue, habe vom Samen bis zur Ernte die Kontrolle über das Lebensmittel. Und ganz wichtig sei auch noch ein weiterer Aspekt der Tätigkeit: "Es geht auch um Entspannung, um Lust und Spaß", weiß die Expertin.

Gärtnern im kleinen Stil lässt sich sehr wohl alleine. Immer öfter entscheiden sich aber auch Menschen dafür, die Freude zu teilen. Das Ergebnis sind Gemeinschaftsgärten, die es bereits in vielen deutschen Städten gibt. Einer der bekanntesten ist der "Prinzessinnengarten" in Berlin-Kreuzberg, aus dem auch die Idee mit den Kartoffelpflanzsäcken stammt, wie Dorothea Becker erklärt. Ein Bremer Vorzeigeprojekt ist der "Internationale Garten Walle". Auf der ehemals völlig überwucherten 2300 Quadratmeter großen Brachfläche am Rande der Waller Feldmark bauen heute rund zwanzig Kleinstbauern verschiedener Ursprungsländer auf ihren eigenen abgesteckten Beeten Gemüsesorten nach ihrem eigenen Geschmack an und versorgen sich gegenseitig mit guten Tipps und neuen Geschmackserlebnissen – wie dem brasilianischen "Couve mineira", der mitten in Walle vorzüglich gedeiht, wie Dorothea Becker berichten kann. Eine eigene Anbaufläche ist auch für die Kinder der Grundschule am Pulverberg reserviert, die hier unter dem Motto "wir pflanzen unser Essen selber" mit Unterstützung des Vereins tätig sind und sich bereits über die ersten zarten Sprösslinge freuen können.

Teil des "Markts der grünen Branche" wird eine Messe sein, bei der grüne Unternehmen und Institutionen sich und ihre Produkte und Themen präsentieren – darunter Lebensmittel, Kosmetik, Energie und Naturschutz. In einem Projektezelt stellen Bremer Gemeinschaftsgärten sowie verschiedene Bremer Initiativen und Betriebe vor, wie "Urban Gardening" heute schon in Bremen praktiziert wird. Die Veranstalter hoffen, dass auch das Veranstaltungsprogramm des parallel laufenden "Urban Gardening-Kongress" viele Bremerinnen und Bremer interessiert, betont Peter Brodersen vom Verein "ÖkoStadt Bremen". "In Bremen gibt es viele Brachflächen, die Schulen, Kindergärten oder andere Gemeinschaftsprojekte nutzen ließen."

Die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer können Vorträge und Diskussionsforen mit hochkarätigen Referenten erwarten, bei denen es zum Beispiel um die Wurzeln und die historische Entwicklung des landwirtschaftlichen Anbaus in der Stadt geht, um die Zukunft der Städte zwischen Schrumpfung und Verdichtung, um aktuelle Beispiele und ungewöhnliche Visionen wie den hessischen "Selbsterntegärten", bei denen Landwirte für Stadtmenschen kleine Felder vorbereiten. In Exkursionen können unter anderem der Bremer Hafenschulgarten, ein Biohof und eine Bioland-Gärtnerei besucht werden. Und natürlich geht es auch um das Thema "Praktisch Gärtnern" mit Profi-Tipps für den Gemüseanbau.

Anika ist mit ihrem Kartoffelpflanzsack dem Trend bereits einen Schritt voraus: Wenn sie und Mama Julia Junge das zarte Pflänzchen in den kommenden Monaten gut hegen und pflegen, steht der eigenen Ernte im Oktober nichts entgegen. Mindestens zwanzig, vielleicht sogar fünfzig Kartoffeln können die beiden dann pro Pflanzsack erwarten, prophezeit Dorothea Becker: So einfach kann Ökolandbau mitten in der Stadt funktionieren.

Der "Markt der Grünen Branche" findet am Sonnabend, 1. Juni, und Sonntag, 2. Juni, jeweils ab 10 Uhr im Rhododendronpark und der Botanika statt. Ausrichter ist die Botanika in Kooperation mit der Hanseatischen Naturentwicklung GmbH und den Vereinen ÖkoStadt Bremen und Sozialökologie.

Für die Teilnahme an den Foren und Kongressen ist eine Voranmeldung nötig: Kosten und Anmeldeformular im Internet unter www.natuerlichbremen.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+