Bücher nach Fahrplan Zehn Quadratmeter Bremen: Besuch in der Busbibliothek

Insgesamt 4100 Bücher und andere Medien können in der mobilen Busbibliothek entliehen werden, die seit 40 Jahren ihre Runde durch Bremen dreht. Bibliotheksleiter Matthias Weyh erklärt das Konzept.
11.07.2016, 13:16
Lesedauer: 4 Min
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Von Kristina Bellach

Insgesamt 4100 Bücher und andere Medien können in der mobilen Busbibliothek entliehen werden, die seit 40 Jahren ihre Runde durch Bremen dreht. Bibliotheksleiter Matthias Weyh erklärt das Konzept.

Bücher kommen, Bücher gehen. Manche Exemplare verweilen nur fünf Minuten im Regal, schon sind sie wieder verliehen. In der Busbibliothek, die an einem Sommernachmittag in Kattenturm-Mitte steht, geht es zu wie im Taubenschlag.

"Das ist noch gar nichts", winkt Bibliotheksleiter Matthias Weyh ab. "Wenn es richtig voll ist, treten die sich hier auf die Füße." Das ist allerdings integraler Teil des vorzüglichen Erlebnis. "An Spitzentagen wird ein Viertel dessen, was wir hier haben, ausgetauscht", berichtet er. Das macht bis zu 1000 Ausleihen der insgesamt 4100 Medien.

In Findorff kämen schon mal 300 Leute in drei Stunden durch, immerhin sei das am Freitagnachmittag an einer der ältesten der 27 Haltestellen, und die Leute seien im Wochenendmodus. Normal seien etwa 60 Besucher pro Stunde und eine Stunde Haltezeit, aber selbst das ist nicht wenig auf engem Raum und ergibt über 2500 Leser im Jahr und 120.000 Ausleihen.

Flexible Zweigstelle der Stadtbibliothek

Seit 40 Jahren gibt es das Gefährt, das unter dem Motto "Wir kommen Ihnen entgegen" denen, die den Weg in einen der acht festen Standorte der Stadtbibliothek Bremen nicht schaffen, einen kleinen, aktuellen Ausschnitt des Bestandes in ihr Wohnviertel bringt.

Was Medien angeht, gibt es im Bus all das, was es in den großen Büchereien auch gibt. "Es ist im Prinzip eine normale Zweigstelle der Stadtbibliothek", erklärt Weyh. Mit den Unterschieden, dass diese Bücherei ihren Standort, die Öffnungszeiten und das Sortiment flexibel verändern kann, und dass Medien des Fahrplanes wegen etwas länger auszuleihen sind.

"Ah, mal wieder Gregs Tagebuch!" nimmt Weyh das Büchlein mit der Comicfigur von einem Mädchen in Empfang. Der Comic-Roman um den Schüler Greg sei der absolute Renner. "Wie auch alles, was ein Star Wars Logo drauf hat", sagt der Bibliothekar. "Oder die Sachen von Violetta bei den Mädels", ruft Kollegin Stefanie Knauf vom Ausleihtresen auf der gegenüberliegenden Seite.

Zurück zu Greg: Zehn Titel der Serie gibt es, in drei- bis vierfacher Ausfertigung besitzt die Busbibliothek fast alle. Nur leider sind die meisten im Umlauf. "Wir haben drei Bände da, alle anderen sind entliehen", sagt Weyh einer kleinen Leseratte. Ein prüfender Blick ins Regal, und wieder entschwindet ein Greg-Band in ein Kinderzimmer.

Tatsächlich sind die meisten Leser, etwa 65 Prozent, Kinder. "Das fängt bei den Erstlesern in der Grundschule an und bricht in der Oberstufe meistens ab", hat Weyh in 15 Jahren Busbibliothek erfahren. "Die meisten sehen wir erst wieder, wenn sie mit eigenen Kindern herkommen."

Sortiment wie Publikum: eine kuriose Mischung

Das Publikum des Bücherbusses sei kuriose Mischung, sagt Weyh. Fast jeder ist hier anzutreffen, vom Kleinkind bis zum Greis, vom Student bis zur Hausfrau. Ein bisschen spiegelt sich das in den Regalen wider, wie die Ecke mit den Bestsellern zeigt: "Im Gespräch" von Henning Scherf steht hier Einband an Einband mit der Biografie der Toten Hosen, die wiederum neben Thilo Sarrazins Ergüssen und Spiegel-Empfehlungen weilt.

Hinter der Comic-Leserin wartet bereits ein anderes Mädchen, ganz in Pink. Angelina heißt es, und möchte gerne Bibi und Tina verlängern lassen. Es folgt eine Dame, die Werke von Paul Coelho und Monica Lierhaus sowie haufenweise Schmonzetten auf DVD zurückbringt.

Doch der kleine, dickliche Kerl, der genüsslich sein Eis leckt, muss vorerst draußen bleiben: "Liebe Leute, ihr seid hier drin herzlich willkommen, aber das Eis lasst ihr bitte draußen", schickt Weyh ihn vor die Tür.

Nach einer Seniorin, die im Regal nach weiteren ungelesenen Fantasy-Romanen sucht, stöbert ein Junge im DVD-Ständer. Im Gegenzug zu dem Stapel, den er neu einsammelt, lässt er eine abzugebende Narnia-DVD auf Weyhs Tresen gleiten. "Hey, da fehlt was", stellt der 46-Jährige fest. Wo eine DVD sein sollte, herrscht gähnende Leere.

"Wir gucken zu Hause", verspricht die Mutter des Jungen. "Können Sie die solange verlängern?" Weyh schiebt die leere Hülle zurück. "Die nimmste wieder mit und bringst sie nächstes Mal komplett wieder, ok?" Unter dem Grinsen derer, die nach Lesestoff stöbernd den Vorfall mitbekommen haben, tappt der Kleine von dannen.

Ordnung und Übersicht sind ein Muss

Vergessene Medien, Diskussionen über Säumnisgebühren kommen vor. Aber sonst? "Dadurch, dass es so eng ist, haben wir eine starke soziale Kontrolle. Ich würde sagen, dass sogar die Klaurate geringer als in anderen Zweigstellen ist." Das einzige, was wirklich schwierig ist: Falschparker – und die 16 Tonnen Bücherbus, eine finnische Spezialanfertigung, sicher durch den Straßenverkehr zu bewegen.

Auf so kleinem Raum, der rechts in der Kinder-Abteilung noch durch Tröge, die Bücher frontal präsentieren, beengt wird, muss übersichtliche Ordnung herrschen. Gelbe Punkte am Buchrücken markieren Erscheinungen dieses Jahres, orangefarbene Punkte die Bücher, die im letzten Jahr erscheinen sind.

Links sind Ausleihe und der Bereich für Erwachsene, rechts für Kinder und Jugendliche sowie die Abgabe. Links gibt es Zeitschriften und englische Romane, rechts einen Ständer mit Konsolenspielen und graue Plastikkisten mit Kinderfilmen.

Vor der Abgabe steht alles, was kleine Kinder und Grundschüler interessiert, zumindest unten: Haustiere, Donald Duck, Fußball, Dinos und Piraten. Die oberen Regale bevölkern Exemplare für Eltern: Mathe, Religion und Sexualerziehung.

Rechter Hand die Jugendromane, auch hier gilt, je höher im Regal, desto älter die Zielgruppe. Und das mit wenigen Kategorien: Abenteuer, Fantasy und Herzschmerz. Davor steht ein blauer Hocker. "Das ist ein ganz wichtiges Instrument", verrät Bibliotheksleiter Matthias Weyh. "Selbst Erwachsene kommen nicht unbedingt an die obersten Regale."

"Fallen die Bücher nicht alle aus den Regalen?" ist eine der Fragen, die Weyh und seine Kollegen oft hören. "Nein", antwortet er, "alle Böden haben zwölf Grad Neigung nach hinten, damit das nicht passiert." Nur die Schubladen mit den CDs kommen ab und an mal ins Rutschen.

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