Kritik an Wortwahl des Bürgermeisters

Zeitenwende: Ein Begriff ‒ viele Erklärungsversuche

Bürgermeister Sieling hat den Begriff Zeitenwende im Zusammenhang mit der Haushaltskonsolidierung bekräftigt. Der WESER-KURIER hat nachgefragt, was die Bremer Gesellschaft von Sielings Wortwahl hält.
09.01.2018, 21:20
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Von Sabine Doll und Frank Hethey
Zeitenwende: Ein Begriff ‒ viele Erklärungsversuche

Bremen steht vor einem Neuanfang. So sieht es Bürgermeister Carsten Sieling. Er kündigte auf dem Neujahrsempfang des WESER-KURIER an, dass Bremen verstärkt investieren wird.

Karsten Klama

Die Soziologin Sabine Ritter hält die Verwendung des Begriffs Zeitenwende im Zusammenhang mit der Haushaltskonsolidierung Bremens für einen Fehlgriff: „Von Zeitenwenden spricht man in solch einem Zusammenhang, wie Bremens Bürgermeister Carsten Sieling es getan hat, definitiv nicht. Das ist ein zu großes Wort dafür. Auch wenn die Haushaltskonsolidierung und ein starkes Wirtschaftswachstum sicher eine Art Neuanfang oder auch einen Umbruch für Bremen bedeuten, was die finanziellen Spielräume betrifft“, sagt die Studiendekanin im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Bremen. „Eine Zeitenwende meint aber größere Umstürze und Umbrüche – tatsächlich auch im Sinne von Revolution sowie Umwälzungen der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Haushaltskonsolidierung wird in diesem analytischen Sinne sicher nicht revolutionär wirken“, ist die Uni-Forscherin überzeugt.

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Als Beispiele für massive gesellschaftliche Umwälzungen nennt Ritter den Zusammenbruch des Ostblocks inklusive der ehemaligen DDR, die Entwicklung von Langzeitarbeitslosigkeit und die dadurch ausgelöste neue Armut in Deutschland. „Die Soziologie verwendet den Begriff Zeitenwende auch in dem Zusammenhang, was nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Weimarer Republik passiert ist“, betont Ritter. Die Flüchtlingsbewegung aus Ost nach West zum Ende des Zweiten Weltkriegs werde ebenfalls in einem Standardwerk der Soziologie als Erscheinung dieser Zeitenwende bezeichnet. „In diesem Zusammenhang ist der Begriff Zeitenwende für die Konsolidierung des Bremer Haushalts sicher zu hoch gegriffen“, so die Soziologin.

Warnung vor einen leichtfertigen Umgang

Vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit dem Begriff der Zeitenwende warnen auch Historiker. Ereignisse von epochaler Bedeutung könnten Zeitenwenden markieren, sagt Jan Werquet vom Focke-Museum. „Oft stehen sie – wie etwa die Revolution von 1918 – für einen tief greifenden politischen und gesellschaftlichen Wandel.“ Dabei gibt der Experte für Stadtgeschichte aber eines zu bedenken: „Meist erschließt sich die Tragweite dieser Ereignisse erst im Nachhinein aus einer historischen Perspektive.“

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Für den Historiker Jörn Brinkhus erfüllen nur zwei Begebenheiten aus der neueren Geschichte Bremens die Voraussetzungen, um sie als Zeitenwenden zu titulieren: der Beitritt zum Zollverein 1888 als „sehr bremen-spezifische Zäsur“ und die politischen Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg. „Der Beitritt zum Zollverein bedeutete eine Abkehr vom bisherigen Freihandel“, erklärt der Wirtschaftsexperte vom Staatsarchiv Bremen. Erst damals habe sich Bremen der Industrialisierung geöffnet. Das Ergebnis sei nicht nur eine weitreichende Veränderung der Wirtschaftsstruktur gewesen. Auch indirekt waren die Folgen zu spüren: „Die Urbanisierung nahm ebenso zu wie die Bevölkerungszahl, damit gingen starke soziale Veränderungen einher.“

Eine zweite Zeitenwende sieht Brinkhus im politischen Neustart nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Bis dahin habe die patriarchalische, von der Ständeordnung geprägte alte Senatsverfassung gegolten – mit Achtklassenwahlrecht und Senatoren auf Lebenszeit. „Dieses Regierungssystem kam 1918/19 zu einem Ende, als die parlamentarische Demokratie einzog.“

„Wichtige Transformationsphase“

Nicht unbedingt als eine Zeitenwende will Brinkhus die Gründung der Universität Bremen 1971 verstanden wissen. Dennoch: „Bremen wurde plötzlich attraktiv als Zuwanderungsort für ganz neue Gruppen von Menschen, häufig mit linker Gesinnung“, sagt er. Als „wichtige Transformationsphase“ beurteilt auch Werquet vom Focke-Museum die 1970er-Jahre. Die Strukturkrise mit dem Ende der beiden Großwerften AG Weser und Vulkan sieht Brinkhus nicht als epochales Ereignis. Damit schließe sich aber der Bogen, der bereits 1888 mit der Industrialisierung begonnen habe.

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