25. Exemplar ist in Bremen erschienen "Zeitschrift der Straße" in neuer Optik

Am Montag ist die 25. Ausgabe von "Die Zeitschrift der Straße" in Bremen erschienen. Zum kleinen Jubiläum gibt es ein neues Erscheinungsbild - entworfen von Studenten, die auch das Marketing übernehmen.
03.02.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Anke Landwehr

In seinem Pass steht ein anderer Name, doch in dem Artikel wird er ausschließlich „Moin-Moin“ genannt. Diese Worte hat ihm, der vor 20 Jahren aus der Türkei nach Bremen kam, damals ein Deutscher zugerufen. Er fühlte sich noch schrecklich fremd in einem Land, dessen Sprache er nicht sprach. Mit dem „Moin, Moin“, schien ihm, war er erstmals wahrgenommen worden; er rief und ruft es noch jetzt jedem zu.

Die Geschichte über den Dönerverkäufer steht in „Die Zeitschrift der Straße“, deren 25. Ausgabe am Montag erschienen ist. Mit dem Jubiläumsexemplar haben Änderungen Einzug gehalten, die sich auf den ersten Blick ankündigen: Es gibt jetzt ein Titelfoto, worauf bisher verzichtet worden war. Ein Mann schaut, knapp an der Kamera vorbei, in eine unbestimmte Ferne. Er steht auf dem Ziegenmarkt – dem Ort, der in der aktuellen Ausgabe näher beleuchtet wird.

Vor vier Jahren, in der ersten „Zeitschrift der Straße“, war es der Sielwall gewesen. Seitdem sind viele andere Straßenzüge gefolgt. „So wird auch ein bisschen Bremer Sozialgeschichte geschrieben“, meinte am Montag Pastor Uwe Mletzko vom Verein für Innere Mission in Bremen, der das Straßenmagazin herausgibt. Es unterscheide sich komplett von ähnlichen Publikationen, weil die Themen über Hartz IV und Obdachlosigkeit hinausgingen.

Mletzko und die übrigen am Gelingen der Zeitschrift Beteiligten hatten in das Sträßlein „Auf der Brake“ hinter dem Siemenshochhaus eingeladen, der neuen Adresse der „Zeitschrift der Straße“ nach dem Umzug aus dem Lloydhof. Gleich nebenan befindet sich das Café Papagei, Anlaufstelle für Obdachlose. Laut Bertold Reetz, der die Gesamtleitung für die Zeitschrift hat, sind es im Wesentlichen sie, die das Blatt auf der Straße verkaufen – von den zwei Euro gehört einer ihnen. Die zweitgrößte Gruppe rekrutiere sich aus Abhängigen, „die von Beschaffungskriminalität weg wollen“. Dahinter kommen Bulgaren, Rumänen und Slowenen, die ohne staatliche Hilfe für ihren Unterhalt sorgen müssen. Gemeinsam ist allen, dass sie Probleme mit der Strukturierung ihres Alltags haben, wie Reetz es formuliert. So gab es in den zurückliegenden vier Jahren rund 500 Verkäufer, von denen nur relativ wenige bei der Stange blieben.

Die 2014 vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnete Straßenzeitung ist in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Künste (HfK) entstanden. „Es ist ein Sozial- und zugleich Lernprojekt“, sagt Initiator und Mitbegründer Michael Vogel, Professor an der Hochschule Bremerhaven. Derzeit sind die HfK, die Hochschulen Bremen und Bremerhaven sowie die Universität mit im Boot, demnächst wird noch die Kunstschule Wandsbek dazu stoßen. Das neue Erscheinungsbild des Blattes geht auf Studierende zurück. Von ihnen stammen auch Texte und Fotos, und sie übernehmen das Marketing.

Auf Wunsch der Verkäufer erscheint die Zeitung jetzt zehn- statt sechsmal im Jahr (die nächste am 2. März, Thema ist der Walfischhof), auf Wunsch von Lesern ist die Schrift vergrößert worden. Die Chefredaktion übernehmen Tanja Krämer und Philipp Jarke. Armin Simon, der diese Aufgabe bisher ausgeübt hat, geht nach Karlsruhe. Scherzte Pastor Mletzko: „Das verstehen wir Bremer gar nicht. Der Karlsruher SC ist ja nicht mal in der ersten Bundesliga.“

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