Altstadt

ZENTRALBIBLIOTHEK: EIN HAUS VIELFÄLTIGER KULTUR AM WALL

Als die Zentralbibliothek an den Wall gezogen ist, war Erwin Miedtke schon über 30 Jahre im Dienst. Kurz nach der Feier zum Zehnjährigen des Standorts ist der stellvertretende Direktor der Stadtbibliothek jetzt in den Ruhestand gegangen.
19.10.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Liane Janz und Edwin Platt
ZENTRALBIBLIOTHEK: EIN HAUS VIELFÄLTIGER KULTUR AM WALL

Katrin Bartholdi gewährte zum Zehnjährigen des neuen Standorts der Zentralbibliothek Besuchern Blicke hinter die Kulissen der Ausleihe.

Roland Scheitz

6000 Rückkehrer in sechs Stunden

Als die Zentralbibliothek an den Wall gezogen ist, war Erwin Miedtke schon über 30 Jahre im Dienst. Kurz nach der Feier zum Zehnjährigen des Standorts ist der stellvertretende Direktor der Stadtbibliothek jetzt in den Ruhestand gegangen.

Bücher sind seine berufliche Welt gewesen, und sie bleiben seine private Leidenschaft: Nach über 42 Jahren im Dienst der Stadtbibliothek ist der stellvertretende Direktor, Erwin Miedtke, in Pension gegangen. Und so stand kurz nach der Feier zum Zehnjährigen der Zentralbibliothek am Wall eine weitere, diesmal interne Feier mit langjährigen Wegbegleitern an.

„Viele der Schritte, die Erwin Miedtke für die Stadtbibliothek getan hat, schienen zunächst einmal normal groß zu sein“, sagte Bibliotheksdirektorin Barbara Lison. „In Wirklichkeit waren sie aber oft Riesenschritte, die ganz große Spuren hinterlassen haben.“ Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz nannte Erwin Miedtke den „Innenminister“ des Hauses. Seine Auffassung von Teamarbeit, seine hohe fachliche Kompetenz und sein sorgsamer Umgang mit den Finanzen seien wegweisend für eine zeitgemäße Kulturpolitik gewesen. „Erwin Miedtke ist nicht nur ein Bibliotheks-, sondern auch ein leidenschaftlicher Büchermensch, für den die Stadtbibliothek nicht nur ein Ort der Unterhaltung, sondern ein Ort der Vermittlung von Wissen, Bildung und Kultur ist. “

Nachdem Miedtke ab 1. Juli 1972 in unterschiedlichen Bremer Bibliotheken tätig gewesen war, wechselte er 1991 in das Lektorat. Seit 2000 war er stellvertretender Direktor. Er leitete den Bereich „Bibliotheken, Medien, Information“ und galt als der Experte der Stadtbibliothek für literarische und künstlerische Themen. Für die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung leitet er seit zehn Jahren die Literarische Woche. Und natürlich war er dabei, als Barbara Lison beim Zehnjährigen der Zentralbibliothek am Wall die Torte anschnitt und sich Gäste durchs Haus führen ließen.

Hinter den Kulissen

Katrin Bartholdi erklärte das System der Medienrückgabe. Wenn Bibliotheksnutzer vor den Automaten stehen, bekommen sie nicht mit, was dahinter vorgeht. Ein kleines Transportband bringt Buch, CD, DVD oder Hörspiel vom Besucherraum in die Sortierung. Gescannt und sortiert wird dabei bereits, ob das Rückgabemedium in die Zentralbibliothek zurück geht, in eine der acht Zweigstellen gehört oder vorbestellt ist. Allein an einem Sonnabend, bei einer Öffnungszeit der Bibliothek von sechs Stunden, sind 6000 Rückgaben angenommen worden. Reservierte Medien oder Rückgaben aus Zweigstellen werden von einem Mitarbeiter in der Datenbank aufgerufen und in die Kisten zur Auslieferung in die jeweiligen Filialen sortiert oder zur Abholung dieser Vorbestellung bereitgestellt. Kurierfahrer liefern 20 Bücherkisten pro Tour an die verschiedenen Filialen aus.

Medien, die in der Zentralbibliothek bleiben, werden auf Sortierwagen nach Etagen der Zentralbibliothek und Wissensgebieten wie Erdkunde oder Medizin sortiert. Ab diesem Zeitpunkt ist jedes Medium bereits wieder für die Ausleihe in der Datenbank registriert. Auf den Rollwagen, von denen 30 bis 40 eng an eng stehen, werden die Medien feinsortiert, so dass sie, wenn sie per Fahrstuhl in ihre Abteilungen kommen, exakt so geordnet sind, wie sie in den Regalen stehen sollen. Wobei Romane offensichtlich von Lesern besonders gerne direkt von den Sortierwagen ausgeliehen werden, denn 30 Prozent gelangen vor der erneuten Ausleihe gar nicht erst ins Regal. 20 Beschäftigte sind in Wechselschichten ständig in die Medienrückgabe eingebunden, darunter studentische Hilfskräfte.

Auf welchen Wegen Medien in die Zentralbibliothek gelangen, war auch hinter den Kulissen zu erfahren. Inge Emskötter bearbeitet die Bereiche Medizin und Psychologie im Lektorat der Zentralbibliothek, der Abteilung, die alle Medien der Bremer Bibliotheken aussucht und bestellt. Jeder der Lektoren ist für Fachgebiete verantwortlich. Inge Emskötter liest Verlagsvorschauen, geht eigenständig auf Suche, bekommt Rezensionen und Empfehlungen von speziellen Dienstleistern, die Bücher an Bibliotheken empfehlen. Kriterien ihrer Buchauswahl sind erst einmal, ob das Buch für Freizeitinteressen, den Beruf oder die Weiterbildung geeignet ist. Das Budget und das Interesse der Kunden spielen weitere Rollen bei der Auswahl, wobei die Lektoren auch darüber entscheiden, wie viele der Medien jeweils angeschafft werden und wie die Aufteilung zwischen Zentrale und Filialen läuft. Sie klären, ob der Verlag bibliotheksgerecht ausliefert oder ob Bücher mit Folien eingebunden werden müssen und ihre Codierung in der Zentralbibliothek erhalten. Von all dieser Arbeit bekommen die Leser so gut wie nichts mit.

Kostüme für Kinderbibliothek

Freunde der Stadtbibliothek spendeten auch neue Möbel

Drachen, Löwen, Maikäfer und Clownsfische sind durch die Kinderbibliothek der Zentralbibliothek gewuselt. Was aussah wie eine Geburtstagsfeier des Bibliotheksmaskottchens Kessi, war der Besuch von 20 Mädchen und Jungen aus der Kita Bei den drei Pfählen.

Das Ganze hatte einen netten Anlass: Der Verein „Freunde für die Stadtbibliothek“ hatte der Kinderbibliothek in der Zentralbibliothek Kostüme und Sitzmöbel geschenkt. Der Verein fördert die Bibliothek seit mehr als 100 Jahren materiell und ideell. Bibliotheksdirektorin Barbara Lison dankte für die neuerliche Spende, die Birgit Krull und Rainer Kulenkampff vom Vorstand des Vereins an die Kinderabteilung der Bibliothek übergeben haben.

Nachdem die Kita-Kinder in die Kostüme geschlüpft waren und auf den neuen Sitzmöbeln Platz genommen hatten, bekamen sie etwas Spannendes zu sehen. Die Bibliotheksmitarbeiterinnen Janina Ivens und Lena Hübner gaben im Puppentheater eine exklusive Vorstellung des Theaterstücks „Der Zauberer Simsalabim“.

Es sammelt sich einiges an

Zentralbibliothek bewahrt Fundsachen bis zu vier Wochen auf

Auf einmal war sie weg. Nach einem Konzert der Reihe „Vokal lokal“ in der Zentralbibliothek am Wall wollte der Gast Lothar Dziomba aus Horn-Lehe seine Jacke vom Garderobenständer nehmen, aber sie war nicht mehr da. Stattdessen hing dort eine andere, die seiner zum Verwechseln ähnlich sah. Diese Jacke wartet jetzt im Fundraum der Bibliothek darauf, dass der Besitzer sie wieder abholt. Und sie ist nicht die einzige, die wartet.

„Das ist eine Ansammlung von Regenschirmen und Handschuhen und ein paar Jacken“, sagt Bibliothekssprecher Tobias Peters. Im Fundraum landen Gegenstände, die an den Garderoben, den Leseplätzen oder in den Schließfächern liegen bleiben. Viele Kindersachen, wie Teddys, Sheriffsterne, Schnuller oder Rasseln, seien dabei, erzählt Peters. Zum zehnten Geburtstag der Bibliothek waren Dinge ausgestellt, die als Lesezeichen benutzt und dann vergessen worden sind.

Was im Fundraum landet, liegt dort zunächst bis zu vier Wochen. „Dann wird geguckt, ob irgendwas von Wertigkeit dabei ist“, sagt Tobias Peters. Wenn möglich, versuchen die Bibliotheksmitarbeiter auch die Besitzer zu kontaktieren, beispielsweise wenn es sich bei den Fundsachen um wichtige Papiere handelt. Dinge, die nicht wertvoll erscheinen, werden nach vier Wochen entsorgt. In dem Raum hänge beispielsweise seit einem Jahr eine Winterjacke, die sehr hochwertig aussehe, sagt Peters. Die Sachen werden mit dem Funddatum versehen und eingelagert. Lothar Dziomba, der seine Jacke seit dem 5. Oktober vermisst, fragt ab und zu in der Bibliothek nach, ob seine Jacke inzwischen gegen die andere ausgetauscht worden ist. Bisher noch vergebens. Der Besitzer der verwechselten Jacke und Bibliotheksbesucher, die etwas liegen gelassen haben, können sich zu den Öffnungszeiten der Bibliothek montags, dienstags und freitags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs von 13 bis 19 Uhr, donnerstags von 9 bis 20 Uhr und sonnabends von 10 bis 16 Uhr am Infotresen melden.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+