Erwachsenenbildung

Teilnehmer erarbeiten sich neue Perspektiven

Im Zwei-Jahres-Kurs am Zentrum für Arbeit und Politik (Zap) können sich Erwachsene berufsbegleitend weiterbilden und den Hochschulzugang erwerben. Zehn Frauen und Männer haben soeben ihr Zertifikat geschafft.
10.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Teilnehmer erarbeiten sich neue Perspektiven
Von Anne Gerling
Teilnehmer erarbeiten sich neue Perspektiven

Sie haben im Zwei-Jahres-Kurs hart gearbeitet, aber auch viel gelacht: Miho ­Sakai (vorne, v.l.) und Hakan Özbek sowie (hinten, v.l.) Heidi Matan, Kursleiter Frank Meng, ­Mohammad Soroush, Basem Khouri, ­Martin Brzostowski, Yania Blandon und Maria Gerka.

Anne Gerling

Sie sind am Ball geblieben, zwei Jahre lang – trotz Corona. Für diese Ausdauer sind zehn Bremerinnen und Bremer nun belohnt worden: Nach 400 Unterrichtsstunden in der Abendschule, an etwa acht Sonnabenden im Jahr und bei drei einwöchigen Bildungsurlauben haben sie nun die zweijährige Weiterbildung „Sozialwissenschaftliche Grundbildung für Arbeitnehmerinnen“ am Zentrum für Arbeit und Politik (Zap) erfolgreich abgeschlossen. Dieses berufsbegleitende und laut Zap bundesweit einmalige Angebot, bei dem grundlegende sozialwissenschaftliche Kenntnisse und wissenschaftliche Arbeitstechniken vermittelt werden, gibt es seit mittlerweile 33 Jahren.

„Ich habe gemerkt: Es geht nicht weiter. Wenn ich mich nicht weiterbilde, bleibe ich immer auf der Stelle stehen“, erklärt Hakan Özbek seine Motivation, sich für den sogenannten Zwei-Jahres-Kurs am Zap anzumelden. Der 45-Jährige aus der östlichen Vorstadt kam 2003 als Asylbewerber nach Bremen. Er hat hier und in Hamburg Imbissbuden betrieben, einen kleinen Supermarkt eröffnet und es schließlich mit einer Änderungsschneiderei probiert. „Ich wollte immer studieren und bin sehr dankbar für das Zertifikat, das mir jetzt etwas sehr Gutes bringt“, sagt er. Denn: Das Zertifikat, das er nun am Zap erworben hat, gilt als Hochschulzugangsberechtigung für verschiedene sozialwissenschaftliche Studienfächer wie Politikwissenschaften, Soziologie, Soziale Arbeit, Philosophie oder Kulturwissenschaften. Özbeks Bewerbung liegt schon bei der Hochschule Bremen.

Basem Khouri aus Gröpelingen ist Aramäer und hat in Syrien als Übersetzer und Dolmetscher gearbeitet, bis er mit seiner Frau und zwei Kindern im Mai 2013 während des Krieges nach Deutschland flüchtete. „Ich möchte arbeiten“, sagt der 50-Jährige, der sich bei der Kirche und verschiedenen Initiativen ehrenamtlich engagiert und soeben auch noch eine Weiterbildung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg absolviert hat. Nun hat er eine Beschäftigung als Schulassistent in Aussicht: „Ich hoffe, das klappt.“

Auch aus Polen, Japan, Nicaragua, dem Iran und Israel waren bei diesem Durchgang Teilnehmer dabei – ein so internationaler Kurs ist auch für Dozent Frank Meng durchaus eine Besonderheit. Dass die ursprünglich 13 Teilnehmer außerdem verschiedene Qualifikationen vom Master bis zum Hochschulabschluss mitbrachten und zwischen 25 und 65 Jahre alt sind, habe Unterricht und Diskussionen umso spannender gemacht, findet Teilnehmerin Heidi Matan: „Wir sind eine Gruppe, die sowieso erst mal eine Herausforderung ist. Jeder kommt aus einem anderen Land und die deutsche Sprache ist nicht für alle so einfach. Deshalb bin ich auch stolz auf uns als Gruppe, dass wir das geschafft haben.“ Dies sei auch Dozent Frank Meng zu verdanken, findet Maria Gerka: „Es ist toll, wie er es geschafft hat, uns zusammenzuführen. Am Anfang habe ich mich gefragt, wie er das mit dem Kurs schaffen will, denn es gab Verständnisschwierigkeiten, gerade beim Lesen von Texten. Manche haben anfangs nur mit dem Handy gespielt und nicht aufgepasst.“

Daraus entstand eine engagierte Gruppe, in der auch viel gelacht wird. Beim gemeinsamen Abschlussprojekt „Wenn ich könnte, wie ich wollte“, das ab den Osterferien in Videokonferenzen erarbeitet werden musste, ging es um die Kluft zwischen der Einstellung zur Umwelt und dem täglichen Verhalten, wie Dozent Meng erzählt: „Wenn man Leute zu Umweltthemen befragt, zeigen sie sich sehr offen – beim Handeln sieht es dann aber ganz anders aus. Da finden wir ganz viele Erklärungen, warum wir doch Auto fahren oder nicht zur Demo gehen. Das zieht sich durch die Geschichte der Umweltwissenschaften.“

Für das Modul sollten Menschen aus verschiedenen Milieus und Stadtteilen interviewt werden. Da die aus Gröpelingen stammenden Kursteilnehmer Martin Brzostowski und Miho Sakai aber extrem gut vernetzt seien und in ihrem Stadtteil viele Interviewpartner für das Vorhaben gewinnen konnten, sei daraus am Ende praktisch ein reines Gröpelingen-Projekt geworden.

Info

Zur Sache

Der Zwei-Jahres-Kurs im Zap

Der nächste Durchgang des zweijährigen weiterbildenden Studiums „Sozialwissenschaftliche Grundbildung für Arbeitnehmerinnen“ am Zentrum für Arbeit und Politik (Zap), Celsiusstraße 2, startet im Oktober – sofern die Corona-Pandemie es zulässt. Interessierte können sich per E-Mail an zap@uni-bremen.de von Dozent Frank Meng zu dem Angebot informieren und beraten lassen. Die diesjährigen Absolventen präsentieren ihr Abschlussprojekt am 11. November ab 18 Uhr in der Arbeitnehmerkammer Bremen, Bürgerstraße 1.

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