Bremen

Zentrum für Humangenetik: Protest gegen Schließung

Bremen. Manchmal muss es im Zentrum für Humangenetik (ZHG) ganz schnell gehen. Wenn zum Beispiel die Universitätsklinik Rostock einen Blutkrebspatienten hat, für den Diagnostik und Therapieplanung anstehen.
27.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Zentrum für Humangenetik: Protest gegen Schließung
Von Frauke Fischer
Zentrum für Humangenetik: Protest gegen Schließung

Leitet das Zentrum für Humangenetik: Professor Jörn Bullerdiek. Morgen will der Akademische Senat der Uni beschließen, ob die Einrichtung zugemacht wird.

Karsten Klama

Manchmal muss es im Zentrum für Humangenetik (ZHG) ganz schnell gehen. Wenn zum Beispiel die Universitätsklinik Rostock einen Blutkrebspatienten hat, für den Diagnostik und Therapieplanung anstehen. Dafür kann die zügige Entschlüsselung genetischer Marker entscheidend sein. Auch mit Bremer und Hamburger Krankenhäusern und Praxen arbeiten die Biologen und Mediziner am ZHG zusammen. Sie betreuen Selbsthilfegruppen, deren Mitglieder an schweren Erbkrankheiten leiden, Menschen mit genetischen Risiken und Krebspatienten. Das könnte sich ändern: Der Akademische Senat der Universität will am morgigen Mittwoch entscheiden, ob das Institut geschlossen wird. Es geht laut Vorlage um erhoffte Kürzungen von 170 000 Euro im Jahr.

Dagegen regt sich Protest. Jörn Bullerdiek, der das ZHG leitet, wurde nach seinen Worten von den Schließungsplänen im November „einigermaßen überrascht“. In rund 30 Jahren, sagt der Humangenetiker, habe sich das ZHG durch Forschung, Lehre und Kooperationen einen Ruf weit über die Hansestadt hinaus aufgebaut. In Deutschland gebe es vier, fünf Institute mit vergleichbarer Spezialisierung, schätzt er. Vor allem in der Erforschung der Gebärmuttermyome gehöre das Zentrum zu den Top 5 weltweit. Ein Ranking hat das im Jahr 2005 bescheinigt. An dem Spitzenplatz habe sich nichts geändert, so Bullerdiek.

Mehrere Partner des ZHG appellieren an Universität und Wissenschaftsbehörde, die Schließung zu verhindern. Vom Diako, vom Klinikum Bremen-Mitte und vom Albertinen-Krankenhaus in Hamburg kommt Unterstützung: Die Mediziner halten die Forschungsergebnisse und Laborergebnisse des Instituts für die Therapieplanung für unverzichtbar. Die Bremer Krebsgesellschaft versichert, die Universität habe guten Grund, stolz darauf zu sein, „eine solche international renommierte Forschungseinrichtung“ zu haben, deren Arbeit nicht zuletzt auch krebskranken Menschen in der Region zugute komme. Durch eine Schließung „würde Kompetenz, die jahrelang erarbeitet wurde, unwiederbringlich verloren“ gehen.

Betroffen über die Schließungspläne äußert sich auch die Huntington-Selbsthilfegruppe. Deren Mitglieder, die an der sehr seltenen, vererbbaren Krankheit leiden, nutzten die Beratung und Diagnostik im ZHG. Eine Schließung würde für viele Familien auch aus dem Umland zu längeren Anfahrtswegen und Wartezeiten führen, fürchten sie.

Die Bedeutung der Forschungseinrichtung hebt auch der Chefarzt des Instituts für Pathologie der Elbe Kliniken Stade hervor. „Die wissenschaftliche Community verdankt der Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ZHG zahlreiche wichtige Erkenntnisse zur Entstehung von Tumoren“, sagt Professor Burkhard M. Helmke.

Die hoch spezialisierten Mitarbeiter mit größtenteils unbefristeten Verträgen ließen sich nicht einfach in andere Bereiche der Biologie verlagern, betont Bullerdiek. Das beträfe nicht nur die Forschungs- und Lehrtätigkeit vor allem in der Biologie, sondern auch die Einwerbung von Drittmitteln. 500 000 bis 600 000 Euro pro Jahr generiere das ZHG durch Untersuchungen für Kooperationspartner. Bei rund 700 000 Euro liegen nach Bullerdieks Angaben die jährlichen Ausgaben für Material und Personal. Auf Null ließen sich die Kosten wegen der langfristigen Verträge auch durch eine Schließung nicht bringen, so der Institutsleiter. Erst bis zu den Jahren 2025 oder 2030 würde der Großteil der Mitarbeiter gehen, einige erst 2035.

Der ZHG-Leiter gibt sich selbstbewusst. „Innerhalb der Biologie ist die Humangenetik mit großem Abstand der leistungsfähigste Bereich“, sagt er mit Blick auf Abschlussarbeiten, Dissertationen und andere weltweit beachtete Publikationen des Teams. Wie gut die Forscher etwa auf dem Gebiet der Früherkennung von Hodenkrebs sind, ist in internationalen Fachblättern ebenso nachzulesen wie in Ratgebermagazinen und Zeitungen. Kooperationspartner wie das Albertinen-Krankenhaus in Hamburg hätten die Zusammenarbeit als werbewirksamen Mehrwert erkannt und publik gemacht.

Ein weiteres Argument für den Fortbestand des Zentrums für Humangenetik sind laut Bullerdiek die erfolgreichen Ausgründungen „mit derzeit fast 100 Arbeitsplätzen in Bremen und Bremerhaven“. Auch habe man erfolgreich Patente angemeldet. Und was die Ausbildung angeht, sagt er: „Die Humangenetik wird als eines der wichtigsten biomedizinischen Zukunftsfächer angesehen.“ Sie sei schon jetzt „ein Jobmotor für Biologen“. Die Humangenetik in Bremen sei deshalb bei Studierenden „extrem beliebt“. Auch die dort ausgebildeten Biologie-Laboranten hätten sehr gute Berufsaussichten.

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