Wirtschaftswissenschaftler Jochen Tholen: Keine Fantasie bei der Entwicklung Bremen-Nords Zeugen einer "verqueren" Politik

BWK-Gelände, Science Park an der Jacobs University, vor einigen Jahren das Haven Höövt und Vegesacks Fußgängerzone - diese und andere Projekte sollen Bremen-Nord nach vorne bringen. Doch was sich Politik und Verwaltung so schön am grünen Tisch ausgedacht haben, funktioniert nach Überzeugung des Bremer Wirtschaftswissenschaftlers Jochen Tholen vom Institut für Arbeit und Politik ganz und gar nicht. Er attestiert den Verantwortlichen in Sachen Fortentwicklung des nördlichen Stadtbezirks wenig Fantasie.
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BWK-Gelände, Science Park an der Jacobs University, vor einigen Jahren das Haven Höövt und Vegesacks Fußgängerzone - diese und andere Projekte sollen Bremen-Nord nach vorne bringen. Doch was sich Politik und Verwaltung so schön am grünen Tisch ausgedacht haben, funktioniert nach Überzeugung des Bremer Wirtschaftswissenschaftlers Jochen Tholen vom Institut für Arbeit und Politik ganz und gar nicht. Er attestiert den Verantwortlichen in Sachen Fortentwicklung des nördlichen Stadtbezirks wenig Fantasie.

Von Ulf Buschmann

Bremen-Nord. Waren das schöne Zeiten: Von Farge-Rekum bis nach Grambke gab es so viele kleine, mittelständische und große Unternehmen, dass jeder Mensch in Bremen-Nord Arbeit fand. Eine Studie der damaligen Arbeiterkammer kam in den 1960er Jahren zu dem Schluss, dass es viel zu wenig Arbeitskräfte in Bremen-Nord gebe. In den Stadtteilen Blumenthal, Vegesack und Burglesum herrschte Vollbeschäftigung.

Kaum zehn Jahre später begann der Abstieg: Firmen schlitterten in die Pleite oder rationalisierten. Tausende von Menschen verloren ihren Job. Von 1971 bis Anfang der 1990er Jahre seien mehr als 20000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse den Bach heruntergegangen, ist in der Studie "Teilstadt Bremen-Nord" des damaligen Bremer Ausschusses für Wirtschaftsforschung zu lesen.

Tenor: Weil die meisten Arbeitnehmer in anderen Stadtteilen oder im Umland arbeiteten, sei Bremens Norden eine Schlafstadt. Sogenannte Einpendler waren damals schon so gut wie Fehlanzeige. Eine Trendwende ist bis heute nicht zu beobachten, im Gegenteil: Durch die Pleite des Bremer Vulkan wurde der Aderlass auf dem Arbeitsmarkt noch größer - naturgemäß mit Auswirkungen auf ganz Bremen und das Umland.

Immer wieder Flopps

"Gegensteuern" hieß in den 1970er und 1980er Jahren, vor allem aber vor 15 Jahren die Devise des Senats: Die Große Koalition hatte sich auf die Fahnen geschrieben, den Bremer Norden mit wohnortnahen Arbeitsplätzen zu versorgen. Doch nicht in der industriellen Produktion, sondern ehr im Dienstleistungssektor, in Wissenschaft und Forschung sowie im Tourismus sollten das Heil liegen. Davon rücken der Senat und die Wirtschaftsförderer bis heute nicht ab.

Doch was sich Politik und Verwaltung in den zurückliegenden Jahren ausgedacht haben, hat sich immer wieder als Flopp erwiesen. Und Wirtschaftswissenschaftler wie Jochen Tholen vom Institut für Arbeit und Politik von Universität Bremen und Arbeitnehmerkammer attestiert den angeblichen Fachleuten und Vertretern der politischen Kaste wenig Fantasie bei der Entwicklung der drei Stadtteile Vegesack, Blumenthal und Burglesum.

Doch nicht nur das, auch die aktuellen Forderung, mehr Fachkräfte nach Bremen-Nord zu locken, findet der Wirtschaftswissenschaftler weltfremd. "Es gibt keinen abgeschotteten Arbeitsmarkt Bremen-Nord", sagt Tholen. Jeder lokale Arbeitsmarkt habe heute einen Durchmesser von 100 Kilometern. Vor allem aber hänge ein etwaiger immer wieder ins Feld geführter Fachkräftemangel stark davon ab, wie sich einzelne Branchen oder auch Sektoren entwickelten. Tholen: "Es gibt keine Statik, alles ist prozesshaft."

Ebenso wenig wie es nicht nur nach Meinung Tholens, sondern vieler seiner Kollegen keinen lokalen hiesigen Arbeitsmarkt gebe, existiere ein eigenständiger Wirtschaftsraum Bremen-Nord. "Das ist Blödsinn", ist der Wissenschaftler überzeugt. Kein Wunder, dass er den Bemühungen, nördlich der Lesum eigene Strukturen zu schaffen, als Holzweg von Politik und Wirtschaftsförderern ansieht.

Das gelte, so Tholen, für Projekte wie das Einkaufszentrum Haven Höövt genauso, wie für die Vermarktung der einstigen Flächen der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) und den Sience Park in der Nachbarschaft der Jacobs University Bremen. Tholen weist darauf hin, dass die Stadt "Flächen ohne Ende" habe, die längst nicht alle für Industrie und Gewerbe genutzt würden. Speziell zum Science Park hält er gegen die offizielle Politik, dass die Jacobs University viel zu klein sei. Selbst der Technologiepark an der Universität Bremen mit ihren 19000 Studierenden sei nicht komplett ausgelastet. Der Science Park werde "ewig am öffentlichen Tropf hängen", ist der Wirtschaftswissenschaftler überzeugt.

Die anstehende Vermarktung des einstigen BWK-Geländes sei ein ebenso Zeichen der "verqueren" Politik des Senats in Sachen Bremen-Nord. Tholen erinnert an andere Gegenden in Europa, wo die Vermarkter und Entwickler den Trend zum Wohnen am Wasser längst aufgenommen hätten. Nach einer wohl notwendigen Bodensanierung, so die Idee des Wirtschaftswissenschaftlers, von der Weser aus Gräben in das ehemalige Industriegrundstück zu treiben und dort ähnliches anzubieten.

Was Tholen ebenfalls gegen den Strich geht, ist der Sedanplatz in Vegesack. "Wie dieser Platz verhunzt wurde, ist grandios", findet er. Dass so ein Platz mit Leben erfüllt werden kann, macht Tholen am Findorffmarkt fest. Er sei geschickterweise als zentraler Wochenmarkt für Bremen entwickelt und vermarktet worden. Nach der Wiederbelebung der Kloake Torfhafen habe sich unweit der Bürgerweide ein beliebtes Kleinod entwickelt.

Der Sedanplatz gehört nach Überzeugung von Tholen zu "Bremen-Nords natürlichem Zentrum" Vegesack. Vor diesem Hintergrund sieht der Wirtschaftswissenschaftler derzeit keine realistische Chance, das ehemalige Blumenthaler Zentrum wieder zu beleben: "Das ist weg." Man müsse nicht in jedem Stadtteil ein Zentrum bauen.

Ein Lichtblick für Bremen-Nord ist aus Tholens Sicht Burglesum. Rund um den Marktplatz und entlang der Hindenburgstraße hätten sich allerlei kleine aber feine Geschäfte etabliert.

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