Denkmalserie

Zeugnis sachlicher Moderne

In dem Hochschulgebäude in der Werderstraße werden seit Jahren Seefahrtsleute ausgebildet. Das Gebäude verrät viel über die Vergangenheit.
13.08.2018, 08:56
Lesedauer: 5 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Neptun steht als Bronzeplastik vor dem Gebäude und reckt trotzig seine Forke, er stemmt sich mit aufgesperrtem Mund gegen die bedrängenden Gewalten der See. Der Gott der Ozeane beschützt symbolisch die Studenten, die sich in dem Haus dahinter zu technisch hochqualifizierten Seeleuten wie nautischen Schiffsoffizieren, Kapitänen oder Seefunkern ausbilden lassen. Sie lernen dort gemeinsam mit Studenten der Fakultät 1 (Wirtschaftswissenschaften) in der Fakultät 5 (Natur und Technik) der Hochschule Bremen (HBS) im Internationalen Studiengang „Ship Management“. Früher Hochschule für Nautik, davor Seefahrtsschule, erhielt in den 1950er-Jahren dieser Ausbildungsgang für Seefahrer in der Werderstraße einen neuen Standort.

Der Gebäudekomplex steht zwischen zwei Weserarmen und beherbergt heute außer den Dependancen der HBS auch das Olbers-Planetarium und die Sternwarte. „Der Architekt Bernhard Wessel, der das Gebäude 1955 bis 1958 errichten ließ, hing dem Traditionalismus an, der gesamte Bau repräsentiert die typische Architektur der 1950er Jahre“, sagt Eberhard Syring, Professor für Architekturgeschichte an der Hochschule Bremen. Er hat durch sein Buch „Bremen und seine Bauten: 1950 bis 1979“ eine umfassende Übersicht über die Architektur der Hansestadt gegeben und setzt dies derzeit fort: „Wir arbeiten an dem Fortsetzungsband, der bis in die Gegenwart reichen soll“, sagt Eberhard Syring, der in der Überseestadt nahe am Hafenmuseum arbeitet.

Lage an der Weser

„Dem Geist der Zeit entsprechend wurde der Bau sachlich gehalten, ohne Schmuck oder Verzierungen. Doch die weißen Balkone sind wiederum so winzig, dass sie fast wie Zierde wirken“, sagt er. Von roten Ziegeln verkleidet liegt der Gebäudekomplex in exponierter Lage an der Weser. Schon von weitem leuchtet an der Straßenseite eine weiße Kommandobrücke über das Weserufer - „ein maritimes Element, das zugleich der nautischen Ausbildung dient“, sagt Eberhard Syring. Denn in dieser Schiffsbrücke mit einer auskragenden Reling aus Leichtmetall wurden die technischen Einrichtungen der Navigation wie Kompassanlagen, Funkpeiler, Radar und Echolot untergebracht.

Der gesamte Bau an der Weserstraße setzt sich aus zwei Flügeln zusammen, von denen der eine die Unterrichtsräume und die Verwaltung beherbergt, der andere die Spezialräume zur nautischen Ausbildung. Isoliert steht das ehemalige Wohnheim für Studenten, das heute der Verwaltung dient. Zwischen den beiden Flügeln wird ein großzügiges Treppenhaus als Pausenhalle und Foyer genutzt. Maritime Motive in farbigen Glasfenstern erinnern an die lange Schifffahrtstradition in Bremen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde von Bremen aus vor allem Küstenschifffahrt in der Nord- und Ostsee betrieben, und die nautischen Kenntnisse erwarb man sich während der praktischen Fahrzeiten. „Im Höchstfall nahm der junge Steuermann während der Aufliegezeit im Winter Privatunterricht bei einem dafür geeigneten Kapitän. Es gab weder Ausbildungsvorschriften, noch wurde staatlicherseits ein Befähigungszeugnis für Kapitäne und Steuerleute verlangt“, wie der Oberseefahrschuldirektor Martin Berger in der Festschrift zur Übergabe des Baus im Jahre 1958 schreibt. Doch später wurden immer mehr bremische Schiffe hinaus in die Ozeane geschickt – eine solidere Ausbildung von Kapitänen und Steuerleuten wurde notwendig.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts regte der ehemalige Steuermann Daniel Braubach an, in Bremen eine Navigationsschule zu errichten. Von Bremen aus wurden nicht nur immer fernere Ziele über die Ozeane angesteuert, auch die Technik schritt schnell voran: Motorschiffe, ausgerüstet mit moderner Technik und Navigation, traten an die Stelle der alten Segelschiffe und wurden von technisch versierten, spezialisierten Führungskräften betrieben. Wenn Motoren statt Windkraft die Schiffe antreiben, sind Schiffsingenieure und Seemaschinisten gefragt, und auch das Funkwesen entwickelte sich weiter – Spezialisten für den Seefunk waren gefragt. Die neuen Seeleute mussten sich aber auch mit Ladungen und deren Stabilität, mit Radar und dem sich weiter entwickelnden Schifffahrtsrecht auskennen.

Der Bedarf an solchen Fachleuten stieg, und die Bremische Navigationsschule von 1798, die von Braubach geleitet wurde, hieß später Steuermannschule und dann Seefahrtschule. Sie hatte wechselnde Räume, zum Beispiel im Haus Seefahrt in Bremen-Nord, und ab 1877 in einem Schulgebäude der Neustadt, das jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Als 1946 in Bremen wieder eine Seefahrtschule eingerichtet wurde, fand der Unterricht zunächst notdürftig in Baracken statt, ab 1949 dann in einer Schule.

Doch der Entschluss, in der Werderstraße einen Neubau zu errichten, stand fest. Der Bremer Architekt Bernhard Wessel erhielt den Auftrag und baute ein zweiflügeliges Gebäude mit drei und vier Geschossen, von einem Flachdach bedeckt und mit Rotstein verblendet. Im oberen Geschoss wurden das Olbers-Planetarium und die Sternwarte integriert. Zur Sparsamkeit gezwungen, beschränkte sich Bernhard Wessel auf handfeste Zweckmäßigkeit. Jeder Quadratmeter sollte genutzt werden. Das Raumprogramm sah ein technisches und wissenschaftliches Institut vor, mit rechteckigen Klassenräumen, deren Tischräumen auf ein Podium ausgerichtet waren.

Gebäude mit Strahlkraft

Der Architekt Bernhard Wessel schreibt in der Festschrift zum Bau, der Zeitpunkt der Grundsteinlegung im Jahre 1955 sei „kennzeichnend für den Willen der Freien Hansestadt, unter Opfern und allein aus eigenen Mitteln ein im Krieg zerstörtes Institut neu zu erbauen, dessen Wirken und Ausstrahlung weit über den Bereich des kleinsten Bundeslandes hinausgeht.“ Im Jahre 1958 wurde der fertige Bau unter dem Namen „Hochschule für Nautik“ seiner Bestimmung übergeben. Damit war Bremen wieder in die Lage versetzt, den nautischen und technischen Nachwuchs für seine größer werdende Flotte auszubilden.

Doch die Internationalisierung der Studiengänge machte auch vor der Hochschule für Nautik nicht Halt: 1998 wurde der Fachbereich Nautik in den Internationalen Studiengang Ship Management Bachelor of Science (Nautik) in der Fakultät 5 überführt. Heute wird der unter Denkmalschutz stehende Gebäudekomplex an der Werderstraße nicht nur von Studenten genutzt, sondern auch von anderen Teilen der Bevölkerung. Denn das Olbers-Planetarium im Obergeschoss gehört zu den meistbesuchten Kleinplanetarien Deutschlands. Von oben lässt sich mittels Teleskopen ein Blick auf den Himmel werfen, der in frühen Zeiten auch den Seefahrern zur Orientierung gedient hat.

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Zur Sache

Worüber wir in der Serie schreiben.

Es muss nicht immer gleich eine prunkvolle Kirche sein, die als Kulturdenkmal erhaltenswert erscheint. In den Bremer Stadtteilen gibt es auch unscheinbare Zeugen von Militär-, Industrie-, Schul- und Automobilgeschichte, Gartenkultur, Handwerkskunst und vielem mehr. Wir haben uns auf die Suche begeben und unerwartete Denkmäler entdeckt, die uns einen genaueren Blick Wert waren.

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