Zirkusschule im Viertel

Mit einer Online-Show gegen den Frust

Wie viele freie Kulturschaffende leidet auch die Zirkusschule im Viertel unter den Kontaktbeschränkungen. Trotzdem trotzt das Team mit kreativen Ideen der Corona-Krise.
04.05.2020, 18:36
Lesedauer: 3 Min
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Mit einer Online-Show gegen den Frust
Von Sigrid Schuer
Mit einer Online-Show gegen den Frust

Ein Bild aus alten Zeiten, als kein Abstand notwendig und eine menschliche Pyramide im Zirkus noch möglich war

Walter Gerbracht

Keine Frage, die Corona-Krise hält gerade viele Eltern zu Hause besonders auf Trab, Stichwort Homeschooling. Aber auch die noch nicht schulpflichtigen Kinder zu Hause zu bändigen, ist gar nicht so einfach. Das ist auch die Erfahrung von Frederieke Behrens. Gemeinsam mit ihrem Mann Eddy Behrens, der seit 20 Jahren Zirkuspädagoge ist, betreibt sie seit acht Jahren die Zirkusschule im Viertel. Und die ist, wie so viele soziokulturelle Einrichtungen, momentan geschlossen. „Aber: Wir halten den Kopf trotz der desaströsen Lage weiter hoch“, sagt Frederieke Behrens am Telefon, die jüngst auch noch die corona-bedingte Absage von La Strada, des Internationalen Festivals der Straßenkünste, zu verkraften hatte. Von den zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Zirkusschule im Viertel haben gerade einmal zwei eine feste Anstellung. Das Team ist höchst kreativ, wenn es darum geht, die schwierige Zeit der Kontaktbeschränkungen zu überbrücken.

„Mit aller gebotenen Vorsicht und dem nötigen Abstand können die Kinder und Jugendlichen einmal pro Woche bei uns Zirkus-Requisiten ausleihen und zu Hause weiter trainieren“, erzählt Behrens. Normalerweise trainieren rund 200 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen vier und 16 Jahren in verschiedenen Kursen in der Cappella della Musica am Osterdeich. Doch nun wird ein Teil des Kursprogramms von den Kreativen virtuell fortgeführt, per Video-Schaltung über Zoom. „Das funktioniert ganz prima“, sagt Behrens, die auch Vorstandsmitglied im Landesverband freier darstellender Künste ist, der in Bremen rund 100 Mitglieder hat, darunter auch Institutionen. „Und da sich die Teilnehmenden sehen können, können sie auch voneinander lernen“, fügt sie hinzu. Verwendet werden beim Training aber auch Alltagsgegenstände, die sich sowieso in jedem Haushalt finden, etwa Sofakissen. Außerdem werden wöchentliche Online-Sprechstunden mit den Trainern angeboten.

In der Krise würden sogar manchmal neue kreative Potenziale entdeckt, erzählt die leidenschaftliche Zirkusmacherin. „Jemand aus unserem Team hat entdeckt, dass er doch zaubern kann, und vermittelt diese Zauberkunststückchen nun per Zoom weiter. Das ist schon eine tolle Abwechslung als Ausgleich zum Homeschooling“, sagt Behrens. Schließlich fördere der Zirkus Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein bei den Kids. „Wir alle wissen ja noch nicht, wie lange es noch dauern wird, bis wir uns alle wiedersehen können, deshalb planen wir in absehbarer Zeit auch, eine gemeinsame Online-Zirkusshow zu realisieren, entweder per Konferenzschaltung oder mit einer Collage von einzelnen Videos“, erzählt Behrens. „Das ist ja auch etwas Schönes für die Großeltern, die momentan ihre Enkelkinder nicht sehen dürfen“.

Was Zirkusmacherin Frederieke Behrens als besonders positiv empfindet: Von den Mitgliedern, von deren Beiträgen sich der gemeinnützige Verein finanziert, hat keines die Segel gestrichen. „Das ist einfach wunderbar!“, betont sie. Nur einige hätten ihre Zahlungen stunden müssen, sagt Behrens. Soweit die gute Nachricht. Jetzt hofft das Team der Zirkusschule im Viertel sehr, dass der Verein auch mit Unterstützung aus den Fördertöpfen sowie Kurzarbeitergeld bedacht wird. Die entsprechenden Anträge sind jedenfalls eingereicht. Die Zirkusschule bespiele mit ihrem Angebot gleich mehrere Felder: Kultur, Sport, Bildung und Soziales, betont Frederieke Behrens. Denn momentan brächen weitere, feste Einnahmequellen weg und das ist die schlechte Nachricht: Formate wie etwa der Zirkustag mit dem Kindergarten, Projektwochen in Schulen oder während der Ferien. Und auch der Zehn-Wochen-Zirkus, bei dem sich 15 Familien gemeinsam in zirzensischen Disziplinen psychomotorisch übten, könne momentan nicht stattfinden. Psychomotorische Disziplinen, das bedeute füreinander, miteinander und gegeneinander zu arbeiten, erläutert sie. „Das Konzept haben wir 2013 entwickelt und es ist sehr erfolgreich. Wir sind immer Monate im Vorfeld ausgebucht“, resümiert Frederieke Behrens und hofft, wie alle Kulturschaffenden, auf ein möglichst baldiges Licht am Ende des Tunnels.

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