Zeitung in der Schule Die Medienprofis der Koblenzer Straße

Das Projekt Zeitung in der Schule stärkt den Klassenzusammenhalt und fördert verborgene Talente. Es ermöglicht Jugend­lichen eine neue Sicht auf die Welt und öffnet Türen, meinen Schüler aus Osterholz-Tenever.
03.09.2020, 14:06
Lesedauer: 4 Min
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Die Medienprofis der Koblenzer Straße
Von Catrin Frerichs

Auf dem Schulhof an einem heißen Vormittag im Juni, rollen Siebtklässler mehrere Banner aus. Auf unbedrucktem Zeitungspapier haben sie mit bunten Farben alle Vorteile aufgeschrieben, die sie mit dem Projekt Zeitung in der Schule, kurz Zisch, verbinden. „Zisch integriert“, steht auf einem, „Zisch öffnet Türen“ auf einem anderen „Zisch weckt Interesse“. Und: Zisch bildet, motiviert, informiert und fördert die Meinungsbildung, finden die Schüler.

Zeitung in der Schule ist eigentlich ein Projekt zur Förderung der Lese- und Medienkompetenz. Seit 2003 richtet der WESER-KURIER Zisch aus, fast 70 000 Schüler ab Klasse 3 bis zur Berufsschule haben seither teilgenommen. Sie lernen, wie Journalisten zu recherchieren und zu schreiben, kritisch gegenüber Nachrichten zu sein und Abgabetermine einzuhalten.

Aber es ist noch viel mehr, findet Sonja Ben Chaladia, Deutsch- und Französischlehrerin an der Oberschule an der Koblenzer Straße in Osterholz-Tenever. Seit fünf Jahren nimmt sie mit ihren Klassen am Projekt teil. Für sie ist Zisch ein Segen, ein Höhepunkt im Schuljahr. „Das Projekt verbindet die Klasse“, sagt sie. Es bringe die Schüler aus ihrem Stadtteil heraus, öffne Türen im wahrsten Sinne des Wortes. Und Zisch bringt Talente zutage, die in den Jugendlichen schlummern.

Viele Türen haben sich für Ben Chaladia und die Kinder der Koblenzer Straße bereits geöffnet: In ihrem ersten Projektjahr 2015 hat die Lehrerin mit ihrer damaligen Klasse 8 b eine Seite über die Band Revolverheld gestaltet, fächerübergreifend im Deutsch- und Kunstunterricht. Sie hat sich reingehängt und das Gespräch zur Band gesucht. Immer wieder. Sie hat den Manager angemailt, telefoniert, genervt. „Ich bleibe dran“, hat sie gegenüber der Projektredaktion immer wieder bekräftigt.

Am Ende hatte die Lehrerin Erfolg: Der Gitarrist der Band, Niels Kristian Hansen, der damals noch Grötsch hieß, erklärte sich bereit, ein paar Schülern ein Interview für Zisch zu geben. „Nein“, sagte Ben Chaladia. Wenn schon, dann sollte es ein Interview mit der ganzen Klasse sein. Und so rief eines Morgens der Gitarrist im Klassenzimmer an und beantwortete die Fragen aller Schüler. Im Kunstunterricht malten die Jugendlichen Tuschebilder zu den Texten der Songs. Die Zischseite gewann einen Zisch-Award, den der WESER-KURIER in dem Jahr ausgeschrieben hatte.Der Preis: ein Fotoshooting mit einem Fotografen des WESER-KURIER. Ben Chaladia suchte sich den Fundus des Theaters am Goetheplatz für das Shooting aus. Nicht nur die Bilder, auch „die Erinnerungen daran bleiben für immer“, sagt sie.

Als Ben Chaladia vor zwei Jahren eine neue fünfte Klasse übernahm, hat sie sie gleich bei Zisch angemeldet – als Mittel zur Stärkung des Klassenzusammenhalts. Sie wählte das Oberthema „Respekt“. Während des Projekts entstand ein eigener Schulsong, den die Fünftklässler in den Makemedia Studios des Landesinstituts für Schule in Findorff aufnahmen. In diesem Jahr trafen die jetzigen Siebtklässler Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte – der mit ihnen im Rathaus ein intensives Gespräch über Klimaschutz und Stadtentwicklung führte – und versprach, gemeinsam mit ihnen eine zusätzliche Strophe des Respektsongs einzusingen. Theater und Rathaus werden zu außerschulischen Lernorten. Und: „Es geht dabei auch um Wertschätzung“, sagt die Lehrerin.

Seit Corona läuft vieles anders als sonst im Schulalltag: Regelunterricht findet nicht statt, Kommunikation läuft über E-Mail, Whats­app-Gruppen und Klassenchats. Schüler müssen viel in Eigenregie erledigen.

Im Videounterricht im Fach Deutsch hatte Ben Chaladias mit der Klasse die Vorteile von Zisch gesammelt. In der Woche der Abschlussprüfungen fiel der Unterricht an der Oberschule für alle anderen Jahrgänge aus. Und doch kam eine Gruppe von Siebtklässlern in die Schule, um die Zischbanner zu gestalten. Wenn fünf Jungs freiwillig an einem Freitagmorgen um kurz nach 8 Uhr in der Schule sind und bis 12.15 Uhr bleiben, obwohl sie keinen Unterricht haben, müssen sie sehr motiviert sein. Mohamed Arab, Marvin Osagie, Alex Bolbat, Julien Vieregge und Noel Kortehane­berg aus der Klasse 7 b waren es offenbar. Ein paar Tage zuvor war Schülerin Sham ­Younes bereits um 7 Uhr in die Schule gekommen, um vor Unterrichtsbeginn noch an ihren Papierbahnen zu arbeiten, erzählt Ben Chaladia. Gemeinsam mit der Referendarin Joanna Najs-Riesenkönig half sie den Jungen, die Bahnen zu beschreiben.

Der Einsatz der Schüler beeindruckt die Lehrerin. Gerührt war sie auch beim Durchsehen der Langzeitarbeiten. Diese sind Teil des Projekts. Jeder Schüler legt eine Mappe an und sammelt drei Monate lang Artikel zu einem selbst gewählten Thema wie Politik, Tiere in Not, Umwelt, Gerechtigkeit. Dazu schreibt er eigene Texte. Die Arbeit wird benotet. „Die Mappe einer Schülerin hatte 58 dicht beschriebene Seiten; eine andere Schülerin hat 79 Seiten dicht beschrieben und mühevoll verziert“, berichtet Ben Chaladia. Die Schüler schreiben, dass sie durch Zisch mehr Durchblick haben, jetzt Texte schneller zusammenfassen und Artikel besser verstehen können.

„Wenn ich ehrlich bin, dachte ich am Anfang nur an eine gute Note“, schreibt eine Schülerin im Schlusswort ihrer Mappe. „Als ich mit meinem Thema begann, war es mehr als nur eine Aufgabe. Ich habe gemerkt, dass die Welt nicht so schön ist, wie ich immer dachte. Die Zeitungsartikel haben mir eine andere Sicht der Welt gezeigt, und das ist auch gut so.“

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