Rot-Grün diskutiert über Umgang mit Parzellen

Zoff um Kleingärten

Immer wieder sind Grüne und SPD uneins, ob Grünflächen in Bremen bebaut werden sollen. Nachdem sich nun Kleingärtner offen für eine Bebauung zeigen, ist neuer Zwist in der Koalition entbrannt.
08.09.2017, 19:58
Lesedauer: 4 Min
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Zoff um Kleingärten
Von Sara Sundermann
Zoff um Kleingärten

Birgit Drechsler vom Landesverband der Gartenfreunde befürwortet inzwischen offensiv, dass brachliegende Parzellen im Bremer Westen bebaut werden können. Der Vorstoß sorgt für Zwist in der rot-grünen Koalition.

Christina Kuhaupt

Parzellen sind in Bremen beliebt, doch nicht alle Kleingärten sind gleichermaßen begehrt. Gerade im Bremer Westen finden sich für viele Gärten keine Pächter. Weil diese brachliegenden Gebiete verwildern und dann auch benachbarte Parzellen mit herunterziehen, spricht sich die Spitze der Kleingartenvereine inzwischen offen dafür aus, bestimmte Gebiete lieber zu bebauen, als sie weiter verrotten zu lassen.

SPD-Baupolitiker Jürgen Pohlmann wirbt schon länger dafür, in brachliegenden Parzellengebieten über eine Umnutzung nachzudenken: Dort könnten Wohnungen entstehen, sagt er. Nachdem Pohlmann mit seinem Vorstoß im Frühling zunächst die Kleingärtner, die sich nicht einbezogen fühlten, irritiert hatte, bringen diese nun sogar offensiv die Bebauung bestimmter Parzellen ins Gespräch.

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„Jedes Jahr wird die Fläche der Kleingärten größer, die verwahrlosen. Wir haben in Bremen jetzt 490 Parzellen, die seit zwei Jahren unverpachtet sind“, sagt Birgit Drechsler, Geschäftsführerin des Landesverbands der Gartenfreunde. Verwildernde Parzellen sorgen bei manchen Vereinen im Bremer Westen schon seit Jahren für Verdruss, so zum Beispiel beim Verein Union.

Dort stehen auf einigen ungenutzten Parzellen zudem marode Altbauten: Alte Kaisenhäuser, die zu Ruinen verkommen sind. Schon länger wird darum gerungen, wer für den Abriss dieser alten Häuser bezahlen soll. Im Waller Gebiet „Hohweg“ sind laut Antwort des Senats auf eine Kleine CDU-Anfrage 84 Kleingärten unverpachtet, im Bereich „In den Wischen“ in Gröpelingen sogar 148 Parzellen.

Grüne lehnen Bauen in Kleingartengebieten ab

Bei einem Teilgebiet zwischen Hohweg und Schwarzem Weg im Bremer Westen kann sich Birgit Drechsler inzwischen Wohnungsbau gut vorstellen: „Wir würden uns eine Nachnutzung für ungenutzte Parzellen wünschen, und wir sind nicht gegen Geschosswohnungsbau.“ Weshalb gerade Geschosswohnungen und nicht Reihenhäuser?

Aus Drechslers Sicht eine klare Sache: In mehrgeschossige Wohnhäuser würden Nachbarn einziehen, die selbst keine eigenen Gärten haben und dann Interesse zeigen könnten, bei den Vereinen nebenan eine Parzelle zu pachten. Die Grünen lehnen das Bauen in Kleingartengebieten ab – sie setzen sich dafür ein, dass in Bereichen mit vielen unverpachteten Parzellen Ausgleichsflächen für neue Baugebiete entstehen, es also dort grün bleibt.

„Statt wie bisher mit viel bremischem Geld in Niedersachsen Ausgleichsflächen für Bremer Bauvorhaben zu schaffen, sollten lieber Grünflächen in unserem Stadtgebiet erhalten und ökologisch aufgewertet werden“, fordert Maike Schaefer, Fraktionschefin der Grünen in der Bürgerschaft.

Für die Pflege der Grünfläche fehlt Personal

Wenn Bäume auf dem Areal ungenutzter Parzellen gepflanzt würden, könnte dies die Attraktivität der Gebiete erhöhen, sagt sie. Das allerdings sieht Drechsler kritisch: „Wir wären auch nicht gegen einen Park, aber das Problem ist dann wieder der Unterhalt.“ Sie bezweifelt, dass das Umweltressort dafür sorgen könne, dass eine solche Grünfläche dann auch gut gepflegt werde.

Dafür fehle es an Personal. Deshalb sagt sie: „Wohnungsbau wäre besser als noch eine Parkanlage.“ Doch dem Bauen im Parzellengebiet erteilen sowohl die Grünen als auch das grün geführte Bauressort eine klare Absage: „Wir haben in Bremen Gebiete für 27.000 neue Wohnungen identifiziert“, sagt Jens Tittmann, Sprecher der Baubehörde. Dies reiche aus.

Die Flächen mit ungenutzten Parzellen seien zudem als grüne Lunge für die Stadt und für den Klimaschutz wichtig. Bisher habe es einen Konsens zwischen SPD, Grünen und Kleingärtnern gegeben, dass Kleingärten nicht bebaut werden sollen, sagt Tittmann: „Birgit Drechsler hat Senator Joachim Lohse vor einem Jahr das Versprechen abgenommen, keine Parzellen zu bebauen.“

Einseitiger Alleingang

Dieses Versprechen habe Lohse auch gegeben. Über den jetzigen Vorstoß von Kleingärtnern und SPD für die Bebauung sei man im Bauressort „sehr irritiert“, so der Sprecher. „Jürgen Pohlmann und Birgit Drechsler haben zuletzt beide bei einer Gesprächsrunde für den Kleingartenentwicklungsplan vor vier Wochen durch Abwesenheit geglänzt“, moniert Tittmann.

Den Bebauungsvorschlag beschreibt der Ressortsprecher als einseitigen Alleingang von SPD-Baupolitiker Pohlmann ohne Rücksprache mit Bausenator und Staatsrat. Jürgen Pohlmann äußert sich deutlich zum generellen Nein der Grünen zur Bebauung: „Das ist nicht der richtige Stil.“

Gebraucht würden keine „Basta-Positionen“: „Wir haben in Bremen mehr Parzellen als benötigt werden und müssen ideologiefrei über Lösungen nachdenken.“ In allen Segmenten des Wohnungsbaus würden mehr Flächen zum Bauen gebraucht: für Geschosswohnungen und Eigenheime, sagt Pohlmann und betont: „Es geht nicht darum, etwas dicht zu betonieren, im Gegenteil: Wir wollen die Kleingärten bedarfsgerecht erhalten.“

Schon länger ein Streitthema

Dafür sei es auch wichtig, Leerstand zu reduzieren. Der Umgang mit Grünflächen und Wohnungsbau ist schon länger ein Streitthema zwischen SPD und Grünen. Die SPD will immer wieder Grünflächen wie die Osterholzer Feldmark, Brokhuchting oder eben jetzt Teile von Parzellen bebauen, die Grünen sind dagegen und möchten Naturgebiete erhalten.

Die CDU als größte Oppositionspartei ist klar dafür, die Bebauung brachliegender Parzellen zu prüfen. Das unterstreicht ein aktueller Antragsentwurf der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Die Christdemokraten stellen sich im Kleingartengebiet aber keine Geschosswohnungen vor: Solche Gebiete seien ideal für Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäuser. Es müsse aber „äußerst sensibel verfahren werden, damit die Bebauung nicht dazu führt, dass engagierte Parzellenbesitzer im direkten Umkreis vertrieben werden“.

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