Thomas Freitag hetzt als „kaltwütiger Herr Schüttlöffel“ gegen Ignoranz und Bildungsferne Zornig und gar nicht altersmilde

Thomas Freitag ist zu Gast im Kito Vegesack gewesen. Als „Herr Schüttlöffel“ hetzte er gegen Ignoranz und Bildungsferne. Geboten wurde ein Feuerwerk aus Ironie und feinem Sarkasmus.
29.09.2014, 00:00
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Von Alexander Bösch

Thomas Freitag ist zu Gast im Kito Vegesack gewesen. Als „Herr Schüttlöffel“ hetzte er gegen Ignoranz und Bildungsferne. Geboten wurde ein Feuerwerk aus Ironie und feinem Sarkasmus.

Mit einem vernehmlichen Knall hetzt Thomas Freitag alias der „kaltwütige Herr Schüttlöffel“ auf die Bühne im Kito. Dem Polizisten, der ihn zum Aufgeben überreden möchte, brüllt der erzürnte Idealist den Goethe-Vers „Über allen Wipfeln ist Ruh” durchs Megafon entgegen. Seit drei Tagen hat sich der verbitterte Bibliothekar in seiner von der Schließung bedrohten Bibliothek verbarrikadiert. Statt Geiseln hat er 5800 Bücher in seiner Gewalt.

Rote Backsteine liegen vor einer Kulisse von Bücherregalen: Beim Versuch, die Bibliothek zu stürmen, wurde die Mauer gesprengt. In einer Welt, in der selbst innerhalb der Satzzeichen nur noch Angeber wie das Ausrufezeichen den Ton angeben („Geiz ist geil!”) und Bibeln in Leihbüchereien so alt sind, dass Gott sie noch persönlich signiert hat, fühlt sich der Humanist und Kulturpessimist erster Stunde zunehmend unwohler. „Der kaltblütige Herr Schüttlöffel”, Thomas Freitags 16. Soloprogramm in 40 Jahren, ist ein Feuerwerk aus Ironie, feinem Sarkasmus und Querverweisen aus dem humanistischen Bildungsschatz.

Wer angesichts der Ausgangssituation an einen monothematischen Abend rund um kaputtgesparte Kultureinrichtungen und notorisch klamme Kommunen denkt, wird von dem 64-Jährigen jedoch schon bald eines Besseren belehrt. Der Hesse nutzt das Debakel seines Alter Ego lediglich als Aufhänger, um in bewährt scharfzüngiger Manier mal eben den Untergang des Abendlandes zu beklagen.

Wo soll es auch hinführen, wenn der Durchschnittsdeutsche von einem Gesamtwortschatz von 500 000 Wörtern gerade mal 10 000 verwendet? Wenn von der Shakespeareschen Wortgewalt bei der Kampfbeschreibung zwischen Tybalt und Mercutio in „Romeo und Julia” nur noch ein prolliges „Ich mach dich Krankenhaus!” übrig bleibt?

Hintergründige Pointen

Es dauert nicht mehr lange, bis der begnadete Parodist als weißbärtiger Zausel in die Rolle von Karl Marx schlüpft, der sein eigenes Werk „Das Kapital” inzwischen als überflüssig erachtet und nachdenklich seinen jüngsten Kauf in einer Plastiktüte präsentiert. Drei paar weiße Socken für 2,30 Euro: Da fragt sich der in die Gegenwart katapultierte Philosoph, ob es neben den viel gescholtenen Banken nicht auch die auf Schnäppchen versessenen Konsumenten sind, die den „Tiger Kapitalismus” füttern.

Die Ausbeutung von Ressourcen bei gleichzeitiger Verschwendungssucht nimmt groteske Ausmaße an, wie Freitag weiß. Deutsche Krabben werden in Marokko gepult und verbeugen sich gen Mekka, wenn man sie isst. Der windige Steuerberater wiederum stellt sich schon als Baby eine Bewirtungsquittung aus, wenn er gestillt wird.

Das Publikum, wahlweise als „Gaffer” oder „Schaulustige“ tituliert, erlebt einen zornigen, ganz und gar nicht altersmilden Thomas Freitag. „Ich mag das, wenn die Pointen hintergründig sind”, freut sich eine Dame, die Freitag schon in den späten 1970er-Jahren im Düsseldorfer Kommödchen bewunderte.

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