Anker der Bremer Hafengeschichte Zu Besuch im Historischen Museum Bremerhaven

Seit fast 30 Jahren gewährt das Historische Museum Einblick in die Geschichte Bremerhavens. Und auch für die Zukunft gibt es Pläne.
04.01.2020, 19:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Helmut Stapel

Museen haben oft das Pech, dass sie nicht am richtigen Ort stehen oder zur falschen Zeit gebaut werden. Das Historische Museum Bremerhaven hat für beides die perfekte Konstellation. Es steht an der Keimzelle des Schiffbaus und der Hochseefischerei für Bremerhaven direkt an der Geeste und zeigt seit fast 30 Jahren die Geschichte der Seestadt.

„Mein Lieblingsausstellungsbereich ist die Fischerei“, schwärmt Direktorin Dr. Anja Benscheidt und zeigt auch gleich warum. Das beeindruckende gusseiserne Schwungrad der Kältemaschine aus den Geestemünder Eiswerken von 1929 ragt locker fünf Meter hoch in Richtung Hallendecke. „Beindruckend, oder?“, meint die Kulturhistorikerin und stellt sich schnell mal als Größenvergleich daneben. „Zur Herstellung von Platteneis für die Fischindustrie war diese Maschine tatsächlich noch bis 1986 in Betrieb.“ Und sie kann selbst heute noch mit großem Radau gestartet werden.

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Das Historische Museum Bremerhaven mit seinen 3300 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist keine tote Schausammlung der Geschichte. Das zeigt sich schon am Eingang, wo die Besucher in der Halle von einem plätschernden Fluss empfangen werden. Es ist eine Miniaturausgabe der Geeste. Sie fließt direkt vor dem Gebäude und hat die Bremer Hafengründung „Bremerhaven“ lange Zeit vom Königreich Hannover und später von Preußen auf der anderen Flussseite getrennt.

Gelebte Geschichte – anders kann man es nicht ausdrücken, denn der Blick fällt auch auf das immer noch existierende Wencke-Dock von 1860 am gegenüberliegenden Flussufer. Es steht für den Aufschwung des Schiffbaus im damaligen Bremen und Bremerhaven bis zum späteren Bau von weltberühmten Schiffen wie dem Fünfmaster „Preußen“. Das Historische Museum hält diese verschwundene Zeit mit einer begehbaren Werft fest: Vom Werftkontor über das Konstruktionsbüro und den Schnürboden bis hin zum Schiffbauplatz mit Nietkolonne.

Das Tor für die US-Army

Das gilt vor allem auch für die Wirtschaftswunder-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg und Bremerhaven als wichtigstem Tor für die US-Army nach Deutschland. Im ersten Stock des Museums steht ein Jeep in Olivgrün – auf der Motorhaube der typische weiße Stern. Motorroller, Puppe im Petticoat, Rock ’n’ Roll-Schallplatten und auch original Care-Pakete nehmen die Besucher mit auf eine Zeitreise.

„Wir bekommen viele Dinge von privater Seite gespendet“, erklärt Anja Benscheidt die Vielzahl von sehr persönlichen Exponaten im Museum. Dazu gehört auch die aktuell laufende Sonderausstellung über den Holzgroßhändler Pundt & Kohn, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Unterweser zu einem Hotspot für den Holzimport machte. „Eines der Gemälde zeigt das firmeneigene Segelschiff „Salier“ beim Laden von Holz in den Tropen. Die Familie hat dem Museum dieses seltene Motiv gestiftet“, erzählt die Direktorin.

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Die maritime Geschichte Bremerhavens seit der Gründung 1827 als Bremer Hafen und die weitere Entwicklung der Stadt spiegelt sich im Historischen Museum in vielen faszinierenden Facetten wider. Eine begehbare Hafenkneipe, ein komplettes historisches Fischgeschäft, das Wohnhaus von Werftarbeitern, meterhohe Schiffsmodelle – alles das wird hier präsentiert. Doch das Historische Museum ist mehr als nur ein begeisterter Sammler. „Anlässlich der Expo 2000 haben wir die Deutsche Auswanderer-Datenbank in die Dauerausstellung integriert. Besucher können bei uns an zwei Terminals unter fünf Millionen Einträgen nach ihren Vorfahren suchen“, erzählt Anja Benscheidt.

Zur Sail 2020 zeigt das Museum von Mai bis November eine große Sonderausstellung mit dem Titel „Faszination Windjammer. Sail Bremerhaven 1986-2020“. Zu sehen sind Schiffsmodelle, Gemälde, Fotos, persönlichen Andenken und viele Informationen zur Geschichte Bremerhavens. Immerhin fahren manche der hier gebauten Großsegler immer noch und kommen auch zur Sail – wie die russische Viermastbark „Kruzenshtern“, ehemals „Padua“, 1926 auf der Tecklenborg-Werft gebaut.

Großer Rückhalt durch Förderkreis, Sponsoren und Museumsbesucher

Dass sie selbst schon fast 30 Jahre an der Geeste ist, wundert sie ein bisschen. „Wir haben als einziges städtisches Museum in Bremerhaven seit der Eröffnung 1991 immer wieder mit finanziellen und personellen Problemen zu kämpfen. Großer Rückhalt für unsere Arbeit sind unser Förderkreis, Sponsoren und unsere Museumsbesucher“, sagt Anja Benscheidt. Im Jahr 2018 sind die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr von 26.600 auf fast 31.000 gestiegen.

Anja Benscheidt will den erfolgreichen Kurs des Historischen Museums unbedingt beibehalten und möchte die Dauerausstellung um die Zeitspanne zwischen 1960 bis zum Jahr 2000 erweitern. „Das Material dafür haben wir längst in unserer Sammlung – aber der Platz fehlt. Wir brauchen dringend einen Anbau, um auch die spannende jüngere Entwicklung der Stadt Bremerhaven zu zeigen“, fordert die Direktorin.

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