Flaschenpost im Ostentor

Zu Gast in einem Bremer Kiosk in Zeiten der Coronakrise

Wer gerade etwas braucht, geht in den Supermarkt. Oder ins Ostertor, in einen Kiosk, der zu klein ist für große Distanz. Zwischen Bier und Nudelsalaten lernt man hier, wie Bremer dem Leben mit Corona begegnen.
22.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Zu Gast in einem Bremer Kiosk in Zeiten der Coronakrise
Von Nico Schnurr
Zu Gast in einem Bremer Kiosk in Zeiten der Coronakrise

Warum die Flaschenpost noch auf hat? Klare Sache, sagt Inhaber Olli Reich: „Wir haben Bier, Erbsensuppe, Klopapier, Zeitungen, alles notwendig jetzt, wir sind Versorger.“

Christina Kuhaupt

Donnerstagmorgen, das Viertel wirkt verlassen wie an Weihnachten. Leben in Zeiten von Corona, das bedeutet hier auch: kein Müll auf der Straße, keine Bierlachen, keine Scherben. Am Vorabend hat niemand gefeiert, alles dicht. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, wer etwas braucht, geht in einen der Supermärkte. Oder in den Ostertorsteinweg, in einen Kiosk, wo an diesem Morgen zwei Männer vor einem Kaffeeautomaten stehen und sich abwechselnd Bilder zur Lage der Nation auf ihren Handys zeigen. Gerade kleben ihre Blicke an einem Foto aus der Neustadt. Ein Schaufenster, in dem mexikanisches Bier beworben wird, der Slogan dazu: „Vier Corona kaufen, ein Päckchen Toilettenpapier gratis.“ Großes Gelächter.

Wer wissen will, wie die Bremer dem Coronavirus begegnen, kann zwischen den regelmäßig geplünderten Nudelregalen der Supermärkte nach Antworten suchen, in den leeren Gassen der Altstadt, in den noch immer gut besuchten Parkanlagen. Oder in der Flaschenpost, dem Laden von Johanna und Olli Reich, der in dieser Krise natürlich mehr ist als nur ein Kiosk. Zwischen Zeitungen und Lottoscheinen, Flaschenbier und Nudelsalaten lernt man viel darüber, wie die Bremer mit dem neuen Alltag umgehen.

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Die Flaschenpost ist ein Laden, der auch Menschen vertraut vorkommt, die ihn zum ersten Mal betreten. Im Grunde ein sehr gewöhnlicher Kiosk, vielleicht besser sortiert, wahrscheinlich etwas heimeliger als andere. Hängeleuchten tauchen den Laden in warmes Licht. An der Decke baumelt ein Kronleuchter. Ansonsten Standardprogramm: aufgetürmte Snacks, deckenhohe Kühlschränke, Ikea-Regale voll mit Wein und Schnaps.

„Warum habt ihr noch auf?“, fragt ein Kunde an diesem Vormittag. Inhaber Reich, den hier alle nur Olli nennen, weil ein kleiner Kiosk der falsche Ort für Distanz ist, antwortet mit großer Selbstverständlichkeit: „Wir haben Bier, Erbsensuppe, Klopapier, Zeitungen, alles notwendig jetzt, wir sind Versorger.“

„Alle sind ein bisschen in Trance“

Kurz vor 9 Uhr. Die Tür ruckelt, eine Kundin kommt rein, geschätzt Ende 20, schwarze Windjacke, schwarze Leinenhose. Sie geht in den hinteren Teil des Kiosks, wo die Magazine liegen. Die Kundin wühlt eine Weile, dann eilt Olli zur Hilfe.

„Was suchst du?“, fragt er.

„Rätselhefte“, antwortet sie, „ich brauche ein bisschen Ratespaß im Home-Office.“

Olli legt sofort los: „Ort der Körperreinigung mit drei Buchstaben?"

„Ach komm“, sagt sie, „Bad.“

„Innige Zuneigung, fünf Buchstaben?“

Schweigen. Die Kundin starrt in die Luft.

Olli löst auf: „Liebe natürlich.“

„Ach“, sagt die Kundin, „ich war noch bei drei Buchstaben und dachte an etwas anderes.“

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Gelächter, die Frau nimmt zwei Hefte mit. An der Kasse erzählt sie von Uni-Aufgaben und den Tücken des Home-Offices. Johanna, ebenfalls Inhaberin und Frau von Olli, ruft ihr hinterher: „Halt durch!“

Die nächste Kundin tritt ein, vielleicht Mitte 40. Sie steuert die Kühlecke an. Die Frau schaufelt Eis aus der Truhe, erst zwei, dann mehr. Am Ende liegt ein Haufen Eis am Stiel vor Johanna an der Kasse.

„Mensch, wir haben doch auch die nächsten Tage noch auf!“ Antwort der Kundin: „Das sind keine Vorräte, ich esse halt gerade so viel Eis, irgendwie muss man ja durch den Tag kommen.“

„Ach, wie meine Kinder“, sagt Johanna, „eine Eisvernichtungsmaschine.“

Und zum Abschied: „Halt durch!“

Als die Frau den Kiosk verlassen hat, füllt Johanna Desinfektionsmittel in kleine Flaschen ab. Ein Kunde am Kaffeeautomat will etwas abhaben. „Finger weg“, sagt Johanna, „das Zeug ist kostbar geworden.“ Reporter-Frage an die Inhaber: Hat sich sonst etwas verändert? Während sie die Kasse reinigt, erklärt Johanna, dass sie den Kiosk früher dichtmachten. Um 21 Uhr sei nun Schluss, damit der Laden nicht zum Anlaufpunkt für die Verrückten werde, die trotz aller Mahnungen weiter feiern wollen, als wäre alles wie immer. Ob sich die Kiosk-Kunden in Zeiten von Corona anders verhalten?

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„Alle sind ein bisschen in Trance, das bleibt nicht aus“, sagt Johanna. Olli ergänzt: „Das geht schon an die Psyche, das merkt man allen an.“ Ob sich das in einem veränderten Kaufverhalten ausdrückt? Olli überlegt. Dann sagt er: „Die Leute kaufen vor allem mehr Zigaretten.“ Auch das ist natürlich eine Art, mit einer grassierenden Lungenseuche umzugehen.

Auftritt Peter, ungefähr 60, Stammkunde wie so viele hier.

„Ha! Peter traust du dich noch rein?“, ruft Johanna.

Peter hustet.

„Kriegst du noch Luft?“

Peter keucht: „Sicher!“

Johanna weiß, was der Mann will, keine Frage nötig. Sie greift ins Regal hinter sich, zieht eine Schachtel Zigaretten heraus und lässt sie über den Tresen wandern. Peter nimmt die Schachtel, bedankt sich und hustet.

Und Johanna ruft ihm hinterher: „Peter, halt durch!“

Nachbarschaftshilfe, auch schon vor Corona

Seit mehr als 15 Jahren führt das Paar den Kiosk, der trotz des Namens nichts mit dem Lieferdienst für Getränke zu tun hat. Olli war vorher Klempner, Johanna hatte ein Geschäft mit polnischen Wurstwaren. Sie verkaufte ihren Laden über Nacht am Telefon, als Ollis Bruder den beiden anbot, im Ostertor eine neue Filiale seiner Kiosk-Kette aufzumachen. Man kann wirklich nicht sagen, dass es dem Viertel je an Kiosken gefehlt hat. Schon vor 15 Jahren nicht, heute noch viel weniger. Beim Kiosk von Johanna und Olli Reich liegen die Dinge aber anders.

Die beiden, er 47, sie 43, haben einen Ort daraus gemacht, an dem die Kunden auf ein „Wie geht’s?“ nicht mit einem „Ganz gut“ antworten. Hier hört man als Antwort auf so eine Frage Sätze wie: „Seitdem ich auf dem Sofa schlafe geht es besser, auch mit dem Rücken. Der tat doch immer so weh.“ Olli, ein Typ in Klamotten, die auf lässige Weise sagen, dass ihm Klamotten völlig egal sind, behauptet, 500 seiner Kunden gut zu kennen, ihre Namen, Gebrechen und Geschichten. Man glaubt ihm sofort. Die Flaschenpost ist schon eine Art Nachbarschaftshilfe gewesen, bevor Nachbarschaftshilfen wegen Corona wieder in Mode kamen. Und in Zeiten von Corona ist sie das erst recht.

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Kurz vor 10 Uhr. Eine alte Frau tastet sich langsam in den Laden vor. Sie wird hier auch blinde Moni genannt, weil sie, nun ja, Moni heißt und blind ist. Die Frau muss nicht viel sagen, „das Übliche und habt ihr noch Nudelsalat?“ Johanna sucht die Sachen zusammen und bietet der blinden Moni an, ihr die Einkäufe in den nächsten Wochen in die Wohnung zu bringen. Die alte Frau bedankt sich, sie werde sich das überlegen.

„Halt durch, Moni!“

Eine junge Frau hastet in den Kiosk, sie wirkt aufgelöst. „Mein Kätzchen, mein Kätzchen!“ Die Frau vermisst ihr Haustier, sie möchte im Laden einen Zettel aushängen. Johanna: „Kleb’ den ruhig über die Veranstaltungshinweise, findet ja alles eh nicht statt.“

Ein Mann in Zimmermannsmontur kommt mit großen Schritten in den Laden. Er hat seinen Schal um den Mund gebunden, geht zur Kasse und ruft: „Olli, gib mir die Kalaschnikow!“ Niemand wundert sich. Olli dreht sich um und zieht eine Flasche Wodka aus dem Regal.

„Bleib’ gesund!“

Noch eine Reporter-Frage an den Inhaber: Was kann man aus dieser Coronakrise lernen? Während Olli Lottoscheine sortiert, fallen ihm grundsätzliche Gedanken zur Globalisierung ein. „Tut uns allen mal ganz gut, dass wir einen aufs Dach kriegen“, sagt er, „Geburtstag feiern in Rom, die Erdbeeren aus Spanien, das Steak aus Argentinien. Wir leben doch total überdreht, jetzt müssen wir halt alle mal ein paar Gänge rausnehmen.“

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Kurz vor 11 Uhr. Nun wird es auch an der Kasse politisch, es geht um die Ansprache der Kanzlerin. Ein Kunde ist offenbar nicht einverstanden, „Merkel ist wie Werder, lakalutschi, alles lakalutschi“. Sieht Johanna anders. Sie sagt den großen Satz: „Ich bin so wie Angie, ich trage hier die Verantwortung.“ Und dann ruft sie drei Männern zwischen Kühlschrank und Kassentresen zu: „Hey, hey, hey! Keine Kundenansammlung hier!“

Einer der Männer verlässt den Laden.

Johanna ruft: „Halt durch!“

Der Mann antwortet: „Ja, normal.“

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