Nachmittagsbetreuung für Grundschulkinder

Es hakt bei den Horten

Viele Bremer Familien haben Probleme, eine Nachmittagsbetreuung für ihr Grundschulkind zu finden. Es gibt zu wenig Ganztagsschulen, auch Hortplätze fehlen vielerorts. Eltern berichten, was das für sie bedeutet.
23.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Es hakt bei den Horten
Von Sara Sundermann
Es hakt bei den Horten

Parallel im Homeoffice arbeiten und Schulaufgaben begleiten: Für Anett Ganswindt und ihren Mann ist das seit November Alltag, weil ihr Kind keine Hortbetreuung hat.

Christina Kuhaupt

Den Schulen der Stadt droht wegen der Notbremse des Bundes die Schließung. Zugleich melden sich Eltern mit Problemen zu Wort, die Bremen auch nach der Pandemie weiter beschäftigen werden. Dazu gehört die fehlende Nachmittagsbetreuung für viele Grundschulkinder. Bremen ist beim Ganztagsausbau weit von den eigenen Zielen entfernt. Perspektivisch sollen alle Grundschulen zu Ganztagsschulen werden, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Auch die Hortplätze reichen vielerorts nicht, immer wieder stehen Eltern ohne Platz für ihr Kind da, kritisieren Elternvertretungen und Opposition.

Lesen Sie auch

Anett Ganswindt berichtet davon, dass sie und zwölf weitere Familien, die für ihre Kinder einen Platz im Hort des Kinder- und Familienzentrums Engelekestraße in Habenhausen haben, seit November ohne Nachmittagsbetreuung auskommen müssen. Die Erzieherin, die sonst 20 Kinder und auch die Tochter von Anett Ganswindt betreut, falle seit November aus, weil sie zur Risikogruppe gehöre, erzählt die Mutter. Eine Vertretung für sie gebe es nicht. Für Härtefälle wird die Betreuung zwar weiter ermöglicht, doch zu denen zählt Familie Ganswindt nicht. „Wir sind seitdem auf uns gestellt, mein Mann und ich haben aber beide eine volle Stelle“, schildert die 37-jährige Projektmanagerin.

Lesen Sie auch

Homeoffice und nebenbei Hausaufgabenbetreuung, arbeiten am späten Abend, wenn das Kind schläft, das läuft bei den Ganswindts nun seit einem halben Jahr. „Mein Mann und ich teilen uns die Tage auf, wer das Kind nicht hat, macht lange Arbeitstage, Wochenenden gibt es für uns nicht mehr so richtig“, schildert die Bremerin. Sie kritisiert: „Wenn Betreuung wegfällt, scheint das im Hort weniger schlimm zu sein, da gibt es ja keinen Rechtsanspruch auf Betreuung.“

Die Eltern, die seit November ohne Betreuung da stehen, sollen weiter Beiträge für den Hort zahlen, mit Ausnahme der Monate Januar bis April, für die der Senat die Gebühren für alle Eltern ausgesetzt hat. „Wir zahlen unsere Beiträge, bekommen aber keine Leistung“, sagt Anett Ganswindt. Für Familie Ganswindt geht es um rund 150 Euro pro Monat. Als einige Familien wegen der fehlenden Betreuung nicht weiter zahlen wollten, seien die Beiträge von der Performa Nord unter Androhung von Pfändung eingefordert worden, erzählt die Mutter. Die Bildungsbehörde teilt auf Anfrage mit, der Grund für die entfallene Betreuung seien Personalausfälle, dafür gebe es formal keinen Beitragserlass.

Lesen Sie auch

„Unsere Personaldecke ist dünn, wir haben in vielen Einrichtungen personelle Probleme, insbesondere durch Corona“, sagt Wolfgang Bahlmann, Geschäftsführer von Kita Bremen, zu dem auch der Hort in der Engelekestraße gehört. Hinzu komme: Man ziehe in der Pandemie kein Personal aus einer Einrichtung ab, um in einer anderen auszuhelfen, weil die Vertretungskraft dabei viele neue Kontakte mitbringen würde und damit das Infektionsrisiko steige. „Insofern sind unsere Häuser bei Ausfällen derzeit mehr auf sich gestellt.“ Insgesamt sieht Bahlmann ein Problem in der Nachmittagsbetreuung, weil es in einzelnen Stadtteilen zu wenig Hortplätze gebe.

Bei Claudia Ricke und ihrem Mann droht für das älteste ihrer drei Kinder der Verlust des Hortplatzes. „Momentan haben wir noch einen Platz für unseren Sohn, der in die dritte Klasse geht“, schildert Claudia Ricke. Doch nach den Sommerferien falle der Platz weg. Die Schule ihres Sohnes wachse, die Zahl der Plätze im benachbarten Hort sei dagegen begrenzt, schildert sie. Es gebe 178 Anmeldungen, aber nur 140 Plätze im Entdeckerhort auf dem Gelände der Philip-Reis-Grundschule in Horn, die ihr Sohn besucht. „Die Plätze werden jetzt nach Alter an die jüngsten Kinder vergeben, die Viertklässler fallen raus“, schildert die 42-jährige Angestellte. Das wirkt sich auf ihr Berufsleben aus: „Ich kann meine Arbeitszeit nicht wie mit meinem Arbeitgeber vereinbart aufstocken, sondern muss sie senken.“

Lesen Sie auch

Nach Angaben der Zentralelternvertretung (ZEV) sind das nicht die einzigen Fälle: Auch in Oberneuland drohe ab Juli für 22 Familien der Wegfall ihres Hortplatzes, weil der Hort der evangelischen Gemeinde schließe.

Ein weiteres Problem: Viele Bremer Grundschulen sind offene Ganztagsschulen, bieten also Ganztag für einen Teil der Kinder an. Doch nicht jedes Kind, das eine Nachmittagsbetreuung braucht, bekomme sie dort auch, sagt Martin Stoevesandt vom Zentralelternbeirat: „Wir haben etwa ein Dutzend offene Ganztagsschulen, an denen es nicht genug Ganztagsplätze gibt.“

Lesen Sie auch

„Man spielt mit der Zukunft der Kinder und Eltern“, sagt Yvonne Averwerser, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. „Wir haben nicht genug Ganztagsschul-Plätze und hinken mit dem Ausbau massiv hinterher, die Horte sind zum Teil eingestampft, und auch hier reichen die Plätze nicht aus. Und gleichzeitig kommen neue Kinder hinzu.“ Zudem sei es ungerecht, dass viele Eltern wegen fehlender Ganztagsschulplätze auf Horte ausweichen und dafür deutlich mehr Geld zahlen müssten.

Info

Zur Sache

Nachmittagsbetreuung für Grundschulkinder

In der Stadt Bremen gab es nach Angaben der Bildungsbehörde im Januar mehr als 2470 Hortplätze, die von Kindertagesstätten angeboten werden. Für die Hortbetreuung zahlen Eltern Beiträge, für Ganztagsschulplätze meist nur eine Pauschale für das Mittagessen.

Bremen will perspektivisch alle Grundschulen zu Ganztagsschulen machen. Ab 2025 soll es zudem nach dem Willen der Bundesregierung einen Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung für jedes Grundschulkind geben. Derzeit sind laut Behörde 51 von insgesamt 87 Grundschulen der Stadt Bremen im Ganztagsbetrieb, das entspricht knapp 59 Prozent.

2016 hatte sich die Landesregierung als Zwischenziel vorgenommen, zehn Grundschulen in den Ganztagsmodus zu bringen. Von diesen zehn Schulen waren zuletzt sechs im Ganztag angekommen, an vier Standorten gab es provisorische Nachmittagsangebote. Neben den Ganztagsschulen und Horten setzt die Behörde für die Nachmittagsbetreuung auch auf Schülertreffs. Die SPD-Bildungspolitikerin Gönül Bredehorst dringt darauf, die verbliebenen vier Grundschulen müssten nun umgehend umgewandelt werden. „Das darf man nicht mehr auf die lange Bank schieben.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+