Ein Zuhause auf Zeit

Kinderheim plant neues Angebot in Bremen

Ein niedersächsisches Kinderheim will in Bremen ein neues Angebot für Kinder schaffen, die das Jugendamt aus ihren Familien genommen hat. Die Sozialbehörde will nun das Konzept des Trägers prüfen.
16.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Kinderheim plant neues Angebot in Bremen
Von Sara Sundermann
Kinderheim plant neues Angebot in Bremen

Pädagogische Mitarbeiterinnen des Kinderheims „Kleine Strolche“ bei einem gemeinsamen Ausflug in der Natur mit den von ihnen betreuten Kindern.

Kleine Strolche

Spezialisiert auf die besonders harten Fälle, so beschreibt das Kinderheim „Kleine Strolche“ ein neues Angebot, das die Einrichtung in Bremen aufbauen will. Das private Kinderheim mit Sitz im Landkreis Diepholz hat kürzlich in Bremen ein Beratungsbüro eröffnet. Nun will es zusätzlich sogenannte Bereitschafts-Erziehungsstellen für Kinder in Not in der Stadt schaffen.

Ziel sei es, Kindern, die vom Jugendamt aus ihren Familien genommen werden, ein Zuhause auf Zeit zu bieten – bis rechtlich geklärt ist, wo das Kind auf Dauer leben kann, schildert „Kleine Strolche“-Geschäftsführer Bernhard Schubert. In einer Bereitschafts-Erziehungsstelle leben die Kinder mit pädagogischen Fachkräften in deren Privatwohnungen.

Erzieherinnen, Therapeuten oder Kinderkrankenschwestern nehmen also die Kinder für begrenzte Zeit bei sich zu Hause auf und leben mit ihnen für einige Wochen oder Monate in einem familiären Ambiente zusammen. Im Blick habe man dabei speziell die ganz kleinen Kinder mit besonders schwieriger Vorgeschichte, sagt Schubert: Babys, deren Körper mit Bissspuren übersät sind, nicht von einem Hund, sondern von menschlichen Bissen. Kinder, die in Folge einer Mangelernährung abgemagert sind.

Lesen Sie auch

Die „Kleinen Strolche“ wollen für solche Kinder eine Alternative zu einem stationären Heim bieten. Im Heim würden Kinder von verschiedenen Mitarbeitern im Schichtdienst betreut, sagt Schubert: „Das bedeutet, das Kind wird von einer Person ins Bett gelegt, und wenn es aufwacht, wird es von jemand anderem gewickelt. Alle acht Stunden sieht es ein anderes Gesicht.“ Gerade für Babys sei aber eine feste Bezugsperson sehr wichtig.

Allerdings: Auch jetzt schon können Kinder in Bremen nach der Inobhutnahme direkt in eine Pflegefamilie kommen statt in ein stationäres Heim, darauf verweist die Sozialbehörde. „Das Mittel der Wahl in Bremen ist bei solchen Inobhutnahmen die Übergangspflegefamilie“, sagt Behördensprecher Bernd Schneider. Die zentrale Institution Pflegekinder in Bremen (PIB) vermittelt Kinder auch für kurze Zeit in Übergangs-Pflegefamilien. Es gebe auch Pflegefamilien mit hohen fachlichen Qualifikationen, so dass auch beispielsweise traumatisierte Kinder fachlich gut betreut werden könnten, sagt Schneider.

Die erste stationäre Aufnahmestelle für Kinder, die aus den Familien genommen werden, ist in Bremen neben Übergangs-Pflegefamilien auch das Hermann Hildebrand Haus, ein Kinderheim in Oberneuland. Die Einrichtung hat 30 Plätze und ist in der Regel ein Ort für die erste Zeit nach der Inobhutnahme. Zuletzt wurden im Hildebrand Haus laut Einrichtungsleiter Ulrich Kenkel etwa 100 bis 150 Kinder im Verlauf eines Jahres aufgenommen.

Lesen Sie auch

Etwa die Hälfte komme später in eine Pflegefamilie, die andere Hälfte kehre in ihre Familie zurück, meist mit begleitenden Hilfen und Maßnahmen, beschreibt Kenkel. Wenn die rechtliche Klärung länger dauere, sei es gerade für sehr kleine Kinder in der Tat besser, wenn sie nach Möglichkeit von einer festen Person betreut würden, sagt auch der Heimleiter: „Acht Wochen sollte der Aufenthalt hier möglichst nicht überschreiten.“

„Kleine Strolche“ plant, drei bis fünf Bereitschafts-Erziehungsstellen in Bremen aufzubauen, die insbesondere für 0- bis 6-jährige Kinder gedacht sind. Drei solcher Bereitschafts-Erziehungsstellen betreibt das Kinderheim derzeit in Niedersachsen. „Wir bekommen mehr Anfragen als wir Plätze haben, gerade aus dem Bremer Raum“, sagt Schubert.

Das Modell von „Kleine Strolche“ setzt darauf, Fachkräfte, die eine pädagogische oder therapeutische Ausbildung haben, zuerst in mehreren Modulen fortzubilden und dann fest einzustellen. Anders als Pflegefamilien bekämen die Betreuungspersonen nicht nur eine Aufwandsentschädigung, sondern ein festes Gehalt in Anlehnung an den Tarif des öffentlichen Dienstes, sagt Schubert.

Lesen Sie auch

Dafür werde Kompetenz und Nervenstärke erwartet: „Wir bieten Jugendämtern ein hochspezialisiertes Angebot für Fälle an, bei denen viele Pflegefamilien abwinken“, so Schubert. Das könnten beispielsweise Babys sein, deren Atmung und Herzschlag am Monitor überwacht werden müsse. Oder deren Betreuung besonders belastende Situationen mit sich bringe: „Wir haben Zwillinge aufgenommen, von denen ein Baby ein Schütteltrauma hatte“, erzählt Schubert.

„Der eine Zwilling war so schwer verletzt, dass er sein Leben lang behindert sein wird, während sein Bruder sich normal weiterentwickelte.“ Es sei nicht klar gewesen, wer das Baby geschüttelt habe: „Beide Eltern haben abgestritten, dass sie es waren, beide hatten weiter ein Besuchsrecht – es kann für die Betreuungsperson sehr belastend sein, wenn Misshandler die Kinder weiter sehen dürfen und Kinder dann bei dem Besuch bestimmter Personen Stress-Symptome zeigen.“

Zudem sei die Fähigkeit zu einem professionellen Umgang mit Nähe und Distanz unerlässlich: „Die Fachkräfte retten quasi ein Kind und bringen es ins Leben zurück, und dann geben sie es vielleicht nach zehn Monaten wieder ab – da muss man loslassen können.“ Ausgewählt würden für diese Arbeit deshalb nur Personen ohne unerfüllten Kinderwunsch und mit mehrjähriger Berufserfahrung: „Für diesen Bereich kommen keine Berufsanfänger infrage.“

Lesen Sie auch

Die Sozialbehörde stellt klar: „Wenn die „Kleinen Strolche“ in Bremen Erziehungsstellen anbieten wollen, müssen sie ein Betriebserlaubnisverfahren durchlaufen, in dem die fachliche und wirtschaftliche Eignung des Trägers beurteilt und das Konzept genau geprüft wird“, sagt Behördensprecher Schneider. Er bestätigt, dass es erste Kontakte mit dem Träger gebe: „Ein Konzept liegt uns seit ein paar Tagen vor.“ In Bremen wurden zuletzt laut Statistischem Landesamt etwa 500 bis 600 Kinder pro Jahr in Obhut genommen. Bundesweit haben Jugendämter nach dem Fall „Kevin“ deutlich mehr Kinder aus den Familien genommen. 2006 wurde in Bremen der zweijährige Kevin von seinem Ziehvater getötet.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+