Traditionsimbiss von Kiefert Zukunft für Pavillon gesucht

Bremen. Die Denkmalpfleger wollten den legendären Kiefert-Pavillon am Bahnhof unbedingt erhalten. Jetzt wollen ihn Auszubildende der Bremer Straßenbahn AG sanieren.
03.02.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Zukunft für Pavillon gesucht
Von Jürgen Hinrichs

Die Denkmalpfleger waren entzückt und wollten den legendären Kiefert-Pavillon am Bahnhof damals unbedingt erhalten. Tatsächlich wurde der Imbiss aber abgebaut und eingelagert. Jetzt wollen Auszubildende der Bremer Straßenbahn AG den Pavillon wieder auf Vordermann bringen.

Die Bude ist ein bisschen Bremen. Fast 70 Jahre lang stand sie am Bahnhof, ein Treffpunkt und der Ort für die Mahlzeit zwischendurch. Der Wurst-Pavillon von Kiefert war an dem Platz nicht wegzudenken, musste eines Tages aber trotzdem weichen, weil zur Jahrtausendwende alles neu wurde am Bahnhof. Seitdem ist der Traditionsimbiss eingelagert, zurzeit bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), die ihn nun sanieren will. Was mit dem Pavillon danach geschieht, ist offen.

Michael Hünig kann sich noch gut erinnern: „Immer, wenn ich mit der Bahn zu meiner Liebsten nach Schwachhausen fuhr, habe ich am Bahnhof Station gemacht und bei Kiefert eine Wurst gegessen.“ Kiefert, das war Kult, sagt der BSAG-Vorstand. Und schon ein bisschen komisch für ihn, dass die Bude jetzt nicht mehr am Bahnhof steht, sondern bei ihm auf dem Hof.

Hünig führt zu einem Platz unter der Autobahnbrücke am Flughafendamm. Der Pavillon hat dort immerhin ein Dach über dem Kopf, bleibt ansonsten aber weitgehend ungeschützt, nicht anders als früher am Bahnhof. Die heiße Schinkenwurst mit Brötchen hat an dem Imbiss zuletzt 3,60 Mark gekostet, verrät ein altes Werbeschild. Doch Wurst war es nicht allein. Es gab auch Mockturtle, Konfitüren, Kuchen und Gebäck, wie man von den Inschriften am Dach ablesen kann. Außerdem Reiseproviant, Getränke und Spezialitäten. Das ganze Programm.

Der Pavillon wirkt erst einmal, als würde ihm nichts fehlen. Als könnte es gleich wieder losgehen mit der Wurstbraterei. „Ausgeschlossen“, sagt Hünig, „da würden schon die Ämter nicht mitmachen.“ Wegen der Hygiene und anderer Vorschriften, meint er. Sorge bereitet ihm ganz grundsätzlich die Statik: „Wir mussten damals beim Transport höllisch aufpassen, dass uns der Imbiss nicht zusammenbricht.“

Die Statik – das wird das Erste sein, was die BSAG anpackt. Ein neues Projekt für die Auszubildenden des Verkehrsunternehmens, das eigentlich viel früher beginnen sollte. „Wir hatten noch etwas Anderes laufen“, erklärt Hünig, „ein alter Reisebus von Borgward, der in den vergangenen zwei Jahren restauriert wurde. Das hat länger gedauert als erwartet.“

Nun also der Pavillon. Es wird dabei ein bisschen auch um Rekonstruktion gehen, denn längst nicht mehr alles an der Bude entspricht dem Original von 1931. Die rot-weiße Dachkrempe zum Beispiel, ein prägendes Detail, das trotzdem besser wieder verschwinden sollte, heißt es in einer Expertise des Landesdenkmalpflegers. Die Behörde hatte sich vor 15 Jahren ausführlich mit der kulturhistorischen Bedeutung des Pavillons beschäftigt.

Unter Schutz stellen lasse sich das plexiglasbewehrte Oval leider nicht, schreibt der Denkmalpfleger in seinem vierseitigen Bericht. Der Grund: Bei dem kleinen Bauwerk handelt es sich um ein widerruflich auf öffentlichem Grund genehmigten fliegenden Bau, der sich letztendlich den Kategorien des Denkmalschutzgesetzes entziehe. „Dessen ungeachtet ist der Pavillon unseres Erachtens aber unbedingt erhaltenswert“, so das Ergebnis der Untersuchung.

Die Experten verwiesen damals auf die Geschichte des Verkaufspavillons. Wie Otto Kiefert, Gründer der Firma Kiefert, auf den Gedanken kam, den Reisenden am Bahnhof eine „Rund-um-die-Uhr-Versorgung“ anzubieten – „ein lokales Zeugnis der Entwicklung des modernen Bahnreisewesens“, befand der Landesdenkmalpfleger. Nicht irgendeiner entwarf dann den Pavillon – es war Eberhard Gildemeister, der unter anderem auch die Pläne für die Firmenzentrale der Nordwolle zeichnete, aus dem später das „Haus des Reichs“ wurde.

Das Urteil über den Gildemeister-Pavillon fiel bei den Denkmalpflegern geradezu schwärmerisch aus: „Die großzügige Verglasung, die gerundeten Schmalseiten des Baus, die Betonung der Horizontalen, das filigrane, weit vorspringende, flache Flugdach, der Eindruck von Leichtigkeit und konstruktiver Klarheit...“.

Das ist die Form und noch nicht der Inhalt. Der Bau und noch keine Bratwurst. Doch auch dazu hatte die Behörde eine Meinung: „Dass der Pavillon ein erhaltenswertes Soziotop darstellt, wovon man sich bei einer Bratwurst leicht überzeugen kann, sei nur nebenbei bemerkt.“ Mit der Wurst hat es freilich ein Ende. Der Kiefert-Pavillon braucht eine neue Nutzung.

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