Vogel erläutert Konzept der Zeitschrift der Straße Zum Nutzen der Zivilgesellschaft

Altstadt. Die Verkäuferinnen und Verkäufer stehen an belebten Ecken der Stadt, vor Supermärkten im Viertel und halten einen Fächer in der Hand: die Zeitschrift der Straße. Mit dem Projekt fördern Hochschulen zivilgesellschaftliches Engagement – darin liegt der Unterschied zu klassischen Straßenzeitungen.
21.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Solveig Rixmann

Die Verkäuferinnen und Verkäufer stehen an belebten Ecken der Stadt, vor Supermärkten im Viertel und halten einen Fächer in der Hand: die Zeitschrift der Straße. Mit dem Projekt fördern Hochschulen zivilgesellschaftliches Engagement – darin liegt der Unterschied zu klassischen Straßenzeitungen. Die Lösung zukünftiger gesellschaftlicher Probleme liege in sozialen Innovationen, hat Michael Vogel von der Hochschule Bremerhaven im Haus der Wissenschaft betont.

Der Wirtschaftsprofessor, Bildungswissenschaftler und Initiator der Zeitschrift der Straße stellt heraus, dass Hochschulen zunehmend zu Akteuren der Zivilgesellschaft werden müssen – und zeigt am Beispiel der Zeitschrift der Straße, wie das konkret aussehen kann. Straßenmagazine sind in den 90er-Jahren aus sozialen Selbsthilfeprojekten heraus entstanden. „Bremen hat da einen ganz eigenen Weg gewählt“, sagt Michael Vogel. Die Zeitschrift der Straße widmet seit ihrer Gründung im Jahr 2010 jede Ausgabe einer Bremer Straße oder einem Quartier. Die Nummer über den Flughafen gehört zu den neueren. Verkaufen kann die Zeitschrift jeder. Aber: „De facto kommen nur Bedürftige.“ Sie kaufen die Ausgaben für 90 Cent das Stück und verkaufen sie für zwei Euro weiter. Das Projekt erfüllt den sozialen Zweck, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer etwas zu tun haben und sich etwas dazu verdienen. Für das Projekt stellt die Innere Mission ein Büro und Streetworker zur Verfügung, Ehrenamtliche koordinieren den Vertrieb. Auch die Hochschulen und ihre Studierenden haben einen großen Anteil an der Zeitschrift der Straße. Es sei nicht so, dass Hochschulen soziales Engagement nicht fördern würden, sagt Michael Vogel, aber der Bereich sei wirklich unterentwickelt. Die Kernaufgaben der Hochschulen sind Lehre, Forschung und Service. Der Fokus der Hochschulen liegt dabei stark auf technologischen Innovationen, meint er.

Der analytische Blick der Hochschulen auf die Welt fördere aber kein Engagement und keine Werthaltung. „Dafür ist es nötig, zum Beispiel soziale Probleme direkt, persönlich kennenzulernen.“ Es braucht keine großen Projekte. „Man kann auch künftige Sozialinnovationen durch das entsprechende Heran-Entwickeln von Studierenden im kleinen Maßstab und dezentral fördern“, sagt Michael Vogel. Eine Möglichkeit wäre, in den Lehrplan aufzunehmen, dass sich Studierende in Organisationen in der Gesellschaft engagieren.

Die Ressourcen anderer Institutionen sind oft Gründe für Kooperationen. So war es auch bei der Zeitschrift der Straße: Die Mittel an der Hochschule Bremerhaven waren knapp, trotzdem wurde nach einem Praxisprojekt gesucht, um die Tourismus- und Betriebswirtschaftsstudierenden für die sozialen Probleme der Stadt zu sensibilisieren. Die Hochschule brauchte dafür Partner mit entsprechendem Zugang und Know-how.

Das Besondere: Die Zeitschrift der Straße ist auch ein Lernprojekt. Studierende der Hochschule für Künste entwickelten das Design der Zeitschrift und machten Fotos sowie die Typografie. Journalismusstudierende der Hochschule Bremen schreiben die Texte. Die Tourismus- und Betriebswirtschaftsstudierenden aus Bremerhaven organisieren die Vermarktung und Finanzierung. „Die machen das, was sie im Studium sowieso machen würden – nur auch noch mit einem sozialen Zweck.“

Gegenseitiges Lernen

Die Zivilgesellschaft ist der Raum zwischen den Bereichen Staat, Markt und Familie, in dem gesellschaftliche Selbstorganisation läuft, ein wichtiger Teil einer gelebten Demokratie. Damit Schulen und Hochschulen Schüler und Studenten hervorbringen, die Sozialinnovationen entwickeln, müsse sichergestellt werden, dass zwischen der staatlichen Institution Hochschule und der Zivilgesellschaft ein reger Austausch stattfindet, meint Michael Vogel. Aber eine solche Zusammenarbeit ist nicht die Regel. „Dahinter steckt, dass jeder Sektor seine eigene Logik hat, nach der er arbeitet.“ Auch bei der Zeitschrift der Straße gibt es für die Institutionen ein Spannungsfeld: Beispielsweise durch die Frage nach der eigenen Rolle im Projekt.

Aber die beteiligten Institutionen sehen für sich gleichzeitig einen Nutzen in der gemeinsamen Arbeit. „Jede Gruppe von Studierenden lernt an dem, was sie tut, und gleichzeitig leistet sie einen Beitrag zur Zivilgesellschaft.“ Sie setzen sich mit sozialen Problemen auseinander, lernen, wie soziale Probleme entstehen, und sammeln Erfahrung in Engagement, was sie möglicherweise prägt und es künftig einfacher macht, die Barriere, sich zu engagieren, zu überschreiten. Die Prüfungsleistungen werden zugunsten der Gesellschaft gemacht und nicht nur vom Professor gelesen.

Michael Vogel hat drei Thesen zu den Herausforderungen der Gesellschaft in der Zukunft. Das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern bleibt weiterhin niedrig. Das verstärkt Verteilungskämpfe und verschärft soziale Probleme. Außerdem geht er davon aus, dass die ökologische Krise nicht ein technologisches Problem ist, sondern ein soziales. „Die Lösung liegt da in unserer Art, wie wir leben.“ Seine dritte These ist, dass globale Vernetzung – von Ländern und Unternehmen – zunehmend einen lokalen Anpassungsdruck erzeugt. Wenn beispielsweise die Wirtschaft in China schwächelt, hat das Auswirkungen auf die Börsenkurse in Deutschland. Zukünftige Generationen müssen darauf vorbereitet sein. „Die Lösungen der darin enthaltenen Probleme liegen im Bereich sozialer Innovationen“, sagt Vogel. Es brauche also neuartige Lösungen sozialer Probleme „die wirksamer, effizienter, nachhaltiger oder gerechter sind als existierende Lösungen und deren Wert vor allen Dingen der Gesellschaft als ganze zukommt“. Ein kleiner Baustein auf dem Weg dorthin ist die Zeitschrift der Straße.

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