Auftakt für die "BioStadt Bremen"

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München ist es schon seit 2006, Bremen will es jetzt werden: „BioStadt“– ein Label, das auf ökologisch angebaute regionale Produkte abhebt. Im Festsaal wurde jetzt die Regional-Offenisve gestartet.
09.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ralf Michel
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Gesünder essen in Bremen? An Obstverkäuferin Emine Sarakaya vom Wochenmarkt soll es nicht scheitern.

Frank Thomas Koch

München ist es schon seit 2006, Bremen will es jetzt werden: „BioStadt“ – ein Label, das auf ökologisch angebaute regionale Produkte abhebt. Im Festsaal der Bürgerschaft fand gestern die offizielle Auftaktveranstaltung für einen Prozess statt, an dessen Ende mehr Bio-Produkte in der Region erzeugt, gehandelt und verzehrt werden sollen. Mit Reden, die die Komplexität dieses Themas unterstrichen, aber auch mit dem spürbaren Bemühen, nach Jahren des Redens endlich konkrete Projekte auf den Weg zu bringen.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigte schon die Ideensammlung auf einer Tafel im Eingangsbereich des Festsaales. „Was erwarte ich von der BioStadt Bremen?“ lautete die Frage an die rund 80 Teilnehmer aus Initiativen, Verbänden und Unternehmen. Die ließen sich nicht lange bitten: Da wurden konkrete Vorgaben der Politik zum Anteil der Bio-Verpflegung in Kitas und Schulen gefordert, die „Ökologisierung von Schaffermahlzeit und Eiswette“, und dass die landwirtschaftlichen Flächen der öffentlichen Hand und der Kirchen unter biologische Bewirtschaftung gestellt werden sollen. Eine weitere Forderung richtete sich an Werder Bremen: „Bio rein – Wiesenhof raus!“

Durch die einführenden Referate zum offiziellen Startschuss für das auf drei Jahre ausgelegte Projekt „BioStadt Bremen – regional.nachhaltig.fair“ zog sich wie ein roter Faden ein Gedanke: Landwirte und Unternehmen, die auf Bio-Produkte setzen, müssen mit Herzblut dabei sein. „Wer es nur aus wirtschaftlichen Gründen versucht, wird scheitern“, betonte Martin Clausen, Geschäftsführer des „Naturkostkontor Bremen“.

Richtig sei aber auch, dass am Ende die Zahlen stimmen müssen. „Wir verstehen uns als Wirtschaftsunternehmen und stellen uns auch so dar“, sagte Ulrich Walter, Geschäftsführer von „Lebensbaum“, ein mittelständischer Betrieb aus Diepholz, der seit 35 Jahren Kaffee, Tee und Gewürze in Bio-Qualität vertreibt. Auf 60 Millionen Euro Jahresumsatz kommt seine Firma inzwischen.

Und so war das wichtigste Detail im Vortrag von Angelika Lintzmeyer aus dem Referat Gesundheit und Umwelt der Stadt München vielleicht genau diese eine Zahl: 34 Cent mehr pro Mahlzeit waren in Münchens Kindereinrichtungen für die Umstellung auf Bio-Kost zu berappen. Man hatte deutlich mehr erwartet, berichtete Lintzmeyer, sei anfangs von etwa einem Euro mehr ausgegangen. Doch zwei Jahre und 650 000 Biomahlzeiten später standen lediglich 34 Cent zu Buche.

34 Cent mehr pro Mahlzeit

Die allerdings wurden während der zwei Jahre von Sponsoren aufgebracht, die die Verantwortlichen der „BioStadt München“ mit ins Boot geholt hatten. Als das Projekt nach zwei Jahren auslief, es also keine Zuschüsse mehr gab, blieben aber 90 Prozent der Einrichtungen beim Bio-Essen, betonte Lintzmeyer.

Die Fachfrau aus München verdeutlichte außerdem, dass die Bremer, gerade was die gesunde Ernährung von Kindern betrifft, das Rad nicht neu erfinden müssten. Die „BioStadt München“ hat ihre Aktivitäten seit 2006 gut dokumentiert. Sie bietet im Internet unter www.biospeiseplan.de Speisepläne inklusive Kostenrechner an und hat ein Aktionsbuch zur Optimierung der gesunden Ernährung in den Kindereinrichtungen erstellt.

Für den Bremer Weg zur „BioStadt“ wurden gestern Nachmittag in Arbeitsgruppen unterschiedlichste Ansätze diskutiert: Mehr Bio in Kitas, Schulen, öffentlichen Einrichtungen, mehr Bio für Tourismus und Gastronomie, der gezielte Einsatz von Kampagnen und nicht zuletzt auch die Frage, wie biologische Produkte für alle erschwinglich sein können.

Euphoriebremse

Bemerkenswert dabei war, dass es die Teilnehmer keineswegs bei der für Auftaktveranstaltungen typischen Euphorie beließen, sondern gleich selbst auf die Bremse traten: Natürlich gebe es, so die einhellige Meinung, einen Zielkonflikt zwischen der Absicht, ökologisch angebaute Lebensmittel für Haushalte mit geringem Einkommen erschwinglich zu machen, und der Notwendigkeit, die produzierenden Landwirte anständig zu bezahlen.

Auch die Vorhaben, die heimische Gastronomie und am besten auch gleich noch die Touristen einzubeziehen, erhielten wohltuende Dämpfer: Man müsse sich doch fragen, warum ein Gastwirt überhaupt auf Bio-Essen umschwenken soll, wenn sein Laden auch so funktioniert, formulierte es ein Teilnehmer. Und die Touristen? Die würden das wollen, was die Einheimischen schätzen. „Das Ganze muss erstmal bei uns selbst funktionieren.“

Bremer Bio-Botschafter

Trotzdem fehlte es nicht an konkreten Vorschlägen, die „BioStadt Bremen“ ins Rollen zu bringen. Als Ansatzpunkte wurden große Feste wie Breminale, Karneval oder Freimarkt genannt. Bei der Vergabe von Konzessionen hierfür könnten Unternehmen bevorzugt werden, die auf Bio-Produkte setzen. In den Schulen müsse Kindern und Jugendlichen der Wert von Lebensmitteln vermittelt werden, zudem gelte es, das Personal in Mensen und Kantinen auf Bio zu schulen. Ins Blickfeld gerieten auch Prominente aus Bremen, die als „Gesichter der BioStadt“ für das Projekt werben sollten.

Das umfangreiche Paket an Ideen und Vorschlägen zu bearbeiten, ist nun Aufgabe der Projektleiterin Claudia Elfers aus dem Wirtschaftsressort. Die kündigte an, das Material sichten zu wollen, dann Schwerpunkte zu setzen und schließlich eine Lenkungsgruppe zu bilden, die die ersten konkreten Projekte innerhalb der nächsten vier bis acht Wochen auf den Weg bringen soll. Nachzulesen sei dies in Kürze unter www.biostadt.bremen.de auf der Homepage des Wirtschaftsressorts.

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