Großeltern wurden verfolgt

Zur Stolpersteinverlegung von Tel Aviv nach Bremen

Joachim Warmbold wohnt nun seit 36 Jahren in Tel Aviv. Die Großeltern des gebürtigen Bremers wurden im Nationalsozialismus als Juden verfolgt. Nun reist der 70-Jährige für die Stolpersteinverlegung zurück.
18.11.2019, 21:03
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers
Zur Stolpersteinverlegung von Tel Aviv nach Bremen

Joachim Warmbold aus Tel Aviv kniet vor den Stolpersteinen seiner Großeltern Julius und Mathilde Eichholz.

Christina Kuhaupt

Herr Warmbold, heute wurden die Stolpersteine für Ihre Großeltern in Findorff verlegt. Bei den Steinen geht es auch darum, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Können Sie etwas über das Leben Ihrer Großeltern erzählen?

Joachim Warmbold: Ich habe meine Großeltern nicht kennengelernt, aber versuche das zu erzählen, was ich weiß. Meine Großeltern stammen aus verschiedenen Viehhändlerfamilien aus Ganderkesee. Julius ist nach Delmenhorst gezogen und hat dort ebenfalls als Viehhändler gearbeitet.

Die beiden hatten vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter. Tochter Minna ist meine Mutter gewesen, sie war die Jüngste von allen. Die Söhne hatten, das finde ich ganz interessant, sehr, sehr deutsche Namen. Der Älteste war Siegfried, der zweite war Hermann, der dritte war Fritz. Ich erinnere mich noch an Fotos, wo sie in Uniform porträtiert waren. Die Söhne waren alle im Ersten Weltkrieg.

Was ist aus den Kindern geworden?

Siegfried ging relativ früh nach New York. Hermann nach Südamerika. Fritz wurde Schneidermeister in Hamburg bei einem Herrenausstatter. Er verliebte sich in eine nichtjüdische Hamburgerin. Die beiden wurden denunziert, und er kam ins Zuchthaus. Fritz wurde später abtransportiert und starb im Konzentrationslager. Eine mit meiner Familie befreundete Frau hat herausgefunden, wie er gestorben ist. Bei einem Fluchtversuch wurden Hunde auf ihn gehetzt und haben ihn zerrissen. Als ich das erfahren habe, lebte meine Mutter noch. Ich habe es ihr nicht gesagt.

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Was ist mit Ihrer Mutter während der Nazizeit passiert?

Meine Mutter hatte insofern Glück, als dass sie noch vor der Machtübernahme einen Nichtjuden aus der evangelisch-lutherischen Gemeinde geheiratet hatte. Weil sie die Ehe mit einem sogenannten Arier führte, wurde sie nicht sofort auf alle möglichen Deportationslisten gesetzt. Meine Eltern wohnten im Haus an der Vogelweide in Findorff. Als Delmenhorst „judenfrei“ gemacht wurde, holten sie meine Großeltern zu sich ins Haus.

Wie ging es für Ihre Großeltern weiter?

Mein Großvater wurde unmittelbar nach der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 verhaftet. Da wurden die Delmenhorster Juden festgenommen. Er wurde wieder frei gelassen, hat die Verhaftung aber nur um wenige Monate überlebt und starb während eines Bombenangriffs an einem Herzleiden. Meine Großmutter wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Dort ist Ihrer Großmutter gestorben?

Bekannt ist ihre Ankunft im Lager. Eine Freundin unserer Familie hat sie dort noch getroffen. Theresienstadt war ein sogenanntes Musterlager für Juden und wurde von den Nazis zu Propagandazwecken benutzt. Man filmte über das angeblich schöne Leben mit Konzerten und Kulturveranstaltungen. Aber die Lebensverhältnisse dort waren natürlich fürchterlich. Es gab nichts zu essen, und wenn man alt und krank war, lebte man dort nicht lange, das ist klar. Man weiß nicht, wie sie gestorben ist oder wo sie begraben ist. Man weiß nichts.

Haben Sie eine frühere Erinnerung daran, wie Sie von dem Tod ihrer Großeltern erfahren haben?

Ich gehöre zu der Generation, wo solche Sachen nicht immer auf dem Tisch lagen. Wir sprachen nicht ständig darüber. Es wurde zum Thema, wenn irgendwelche Nazigeschichten in den 50er- und 60er-Jahren durch die Presse gingen.

Welchen Einfluss hatte die Geschichte Ihrer Familie auf Ihre Kindheit in Delmenhorst?

Ich erinnere mich, wie mir gesagt wurde: „Mit diesen Kindern kannst du problemlos spielen. Bei jener Familie gehst du bitte nicht ins Haus, denn das sind alte Nazis.“ Auch an der Schule wussten wir bei bestimmten Lehrern: Die waren keine Nazis und hatten sich gegen Hitler und sein Regime ausgesprochen. Das war meinen Eltern natürlich sehr sympathisch. Bei anderen war klar, die sind Parteimitglieder gewesen und waren bei den Aufmärschen dabei und unterrichten trotzdem weiter.

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Sie leben in Tel Aviv. Warum sind Sie ausgewandert?

Da kamen viele Gründe zusammen. Während des Libanonkrieges 1982/83 zwischen Israel und dem Libanon kam der israelische Botschafter zu Besuch in die jüdische Gemeinde in Bremen. Es gab riesige Demonstrationen gegen den Krieg. Leute riefen: Israel raus aus dem Libanon! Irgendwann wurde es dann:Juden raus! Das fand ich unangenehm. Außerdem hatte ich viele Freunde und Bekannte, die gemeinsam nach Israel gegangen sind. Und ich hatte eine Stelle bekommen an der Uni in Tel Aviv für Deutsch als Fremdsprache. Ich war nicht einverstanden mit der israelischen Politik, aber damals hatten wir durchaus Hoffnungen auf Besserung.

Was sagen Sie zu antisemitischen Tendenzen in Deutschland?

Es gab immer Antisemitismus in Deutschland, er ist aber sicherlich offener geworden. Heute spricht man aus, was man früher hinter vorgehaltener Hand gesagt hat.

Noch mal zu den Stolpersteinen zurück. Wie kam es dazu, dass für Ihre Großeltern ein Stein verlegt wurde?

Ich wurde von der Bremer Initiative angesprochen und fand die Idee fantastisch. Es war auch heute sehr bewegend, die vielen Jugendlichen und Nachbarn zu sehen, die dazu gekommen sind.

Es gibt auch Kritik an den Stolpersteinen, die maßgeblich von Charlotte Knobloch, der ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, geäußert wurde. Es sei unangemessen, mit den Füßen auf den Namen der Menschen herumzutreten.

Das ist ihre Auffassung. Für mich geht es um die Erinnerung. Ich bin nicht der Meinung, dass durch die Steine das Gedenken an die Deportierten und Verstorbenen entehrt wird. Ich finde es eine ausgezeichnete Art, Menschen zumindest für ein oder zwei Sekunden darauf hinzuweisen: An diesem Ort war etwas Besonderes.

Die Fragen stellte Helke Diers.

Info

Zur Person

Joachim Warmbold, 70 Jahre alt, ist Enkel von Julius und Mathilde Eichholz, die im Nationalsozialismus als Juden verfolgt wurden. Er lebt seit 36 Jahren in Tel Aviv und ist zur Stolpersteinverlegung in seine Geburtsstadt Bremen gereist.

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Zur Sache

Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Erinnerungsprojekt des Bildhauers Gunter Demnig an Opfer des Nationalsozialismus. Er lässt seit über 25 Jahren die zehn Zentimeter großen Betonquader mit Messingtafel in den Gehweg vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer ein. Die Tafel gibt Auskunft über Namen, Alter und Schicksal. Die Passanten können über die aus dem Pflaster herausschauende Tafel mit den Augen buchstäblich stolpern. Die Steine sollen dem Vergessen entgegenwirken und die Erinnerung zurücktragen. Bis heute hat Demnig laut Angaben des Bremer Projekts in Europa an rund 1300 Orten über 70 000 der Gedenksteine verlegt, allein 685 in Bremen. In diesen Tagen kommen 18 weitere in der Neustadt, in Findorff und Walle hinzu.

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