Kollision mit Lkw Zurück ins Leben nach schwerem Radunfall in Bremer Neustadt

Olivia Braun wurde bei einem Lkw-Unfall im April schwer verletzt. Wie sie versucht, in ihr altes Leben zurückzufinden.
12.09.2018, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Zurück ins Leben nach schwerem Radunfall in Bremer Neustadt
Von Kristin Hermann

Manchmal ist der Frust ganz plötzlich da. Ohne Vorwarnung, ausgelöst durch einen simplen Moment. Etwa, wenn Olivia Braun nicht wie früher zur Haltestelle sprinten kann, um die S-Bahn noch rechtzeitig zu bekommen, oder sie im Kino auf die Plätze am Rand angewiesen ist, weil sie ihr Bein ausstrecken muss. Heulsusentage nennt die 32-Jährige diese Phasen – die Trauer, weil ihr Bein nicht so will, wie sie es gerne hätte.

Das Gefühl, wenn sie in dem Spiegel die großflächigen Narben sieht und realisieren muss, dass die Haut nie mehr so glatt wird, wie sie einmal war. Meistens, versucht sie relativ schnell gegen diese Gefühle anzukämpfen, stark zu sein. Braun gehört zu den Unfallopfern, die dieses Jahr auf Bremer Straßen mit einem Lastwagen kollidiert sind und dabei schwer verletzt wurden.

Am 10. April ist sie im Feierabendverkehr unterwegs, als an der Ampelanlage Friesenwerder/Große Sortilienstraße in der Neustadt ihr Albtraum beginnt. Nachdem einige Fußgänger die Ampel überqueren, übersieht der Lastwagenfahrer beim Abbiegen die 32-Jährige auf ihrem Trekkingrad. Braun wird von ihrem Rad gerissen, landet zur Hälfte unter dem Lkw.

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Unbekannte Helfer

Plötzlich steht ein Rad des 40-Tonners direkt auf ihrem Bein. Die junge Frau ist bei vollem Bewusstsein. Ihre größte Angst: Der Fahrer hört sie nicht und überfährt sie. Immer wieder schreit sie aus Leibeskräften. „Zum Glück haben gleich viele Passanten eingegriffen“, sagt sie. Es sind einzelne Sätze an die sie sich noch erinnern kann.

Immer wieder ruft sie, dass sie ihr Bein nicht verlieren will, als sie auf den Bürgersteig gehievt wird. Es ist ihre größte Angst in diesem Moment. Ein Ersthelfer versucht sie zu beruhigen. „Er sagte, er sei Kieferchirurg und, dass er schätzt, dass man es wieder hinbekommen kann, ich aber auf keinen Fall nach unten schauen soll“, erinnert sich Braun.

Ein Gaffer am Unfallort zückt sein Handy und will Braun filmen. „Doch auch da haben mich direkt zwei Helfer beschützt und abgeschirmt“, sagt sie. Wer die Menschen sind, die sich damals so für sie eingesetzt haben, weiß die 32-Jährige bis heute nicht. Gerne würde sie ihnen persönlich Danke sagen. Oder die schwarze Sonnenbrille ihrem Besitzer zurückgeben, die man bei ihren Sachen gefunden hat.

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Den Fahrer des Lastwagens hat sie seit dem Tag im April nicht gesehen. „Er kommt aus Italien und der Kontakt läuft vor allem über die Anwälte“, sagt sie. Wütend sei sie nicht auf ihn. In der Reha-Klinik habe sie auch einige Lkw-Fahrer getroffen, mit denen sie über ihren Unfall gesprochen habe. „Unter ihnen herrscht unglaublich viel Angst, jemanden wie mich beim Abbiegen zu übersehen“, erzählt Braun. Das habe sie die andere Seite noch einmal besser verstehen lassen.

Doch was ihr passiert ist, lässt Braun nicht los. Deshalb hat es sie auch so bewegt, als sie vor einigen Wochen die Geschichte von Janine Schulz liest, selbst Unfallopfer und jetzt Aktivistin, die sich mit einer Petition für verpflichtende Abbiege-Assistenten bei Lastwagen einsetzt. Nicht selten enden Abbiegeunfälle auch tödlich. „Dieses Vorhaben würde ich gerne unterstützen, wenn solche Warnsysteme Unfälle wie unsere hätten vermieden werden können“, sagt sie.

Bereits zwölf Operationen

Wer die Geschichte von Olivia Braun hört, neigt schnell dazu, diesen einen Satz zu sagen: „Da haben Sie ja wirklich Glück gehabt.“ Oft hat Braun über die Bedeutung der Aussage in den vergangenen Wochen nachgedacht. Glück hatte sie allemal. Ihr Fahrradhelm rettete ihr vermutlich das Leben, es wurde „nur“ ihr Bein verletzt. Trotzdem kann sie diese Worte manchmal nur schwer ertragen.

„Ich will mein Bein auch betrauern dürfen“, sagt sie. Yoga, Tanzen gehen, Radfahren – all das ist nicht mehr so unbeschwert möglich, wie vorher und der Weg zurück ist lang. Zwölf Operationen liegen bereits hinter Braun, weitere könnten folgen. Die 32-Jährige weiß nicht, wann und ob ihr Bein wieder voll funktionstüchtig wird.

Wochenlang lag sie im Krankenhaus, bevor die Reha-Klinik kam. Wenn Braun über ihre Operationen erzählt, benutzt sie medizinische Fachbegriffe, kann jeden Nerv richtig benennen. Ein Muskel musste ihr aus dem Rücken entnommen werden, um ihr in ihr Knie verpflanzt zu werden. „Die linke Seite ist quasi mein Ersatzteillager“, sagt Braun und muss selbst darüber lachen.

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„Mit so etwas wollte ich mich mit 32 Jahren eigentlich nicht beschäftigen müssen“, sagt sie. Schritt für Schritt muss sie wieder laufen lernen, jeden Tag eine Handvoll Tabletten gegen die Schmerzen schlucken. „Im Moment definiere ich mich über mein Knie. Daran muss ich mich gewöhnen und daran möchte ich arbeiten, dass ich nicht mehr „die mit dem Knie“ bin, sagt sie.

Braun ist keine eitle Frau. Aber auch die Optik spielt nach ihrem Unfall eine große Rolle. In der Reha hat sie gelernt, sich an die Blicke im Freibad zu gewöhnen. Sie nennt sich selber scherzhaft „Miss Frankenstein“. Fäden halten ihre Wunden noch zusammen. Mit etwas Glück kann die plastische Chirurgie noch etwas an den äußeren Narben machen, sagt Braun. Seit langer Zeit traut sie sich seit einigen Tagen wieder Strumpfhosen anzuziehen.

Und noch etwas hat sich die 32-Jährige vor einigen Tagen getraut: Ihr Fahrrad bei der Polizei abzuholen. Ihr Vorderrad ist komplett zerbeult, der Reifen hat sich von der Radgabel gelöst. „Da habe ich wirklich noch einmal realisiert, was bei dem Unfall eigentlich für eine Kraft gewirkt hat“, sagt sie. Seit dem Unfall ist sie vorsichtiger geworden, guckt bei Kreuzungen und Ampeln mehrfach, ob sie die Straße wirklich sicher überqueren kann. „Das wird vermutlich noch eine ganze Weile so bleiben“, sagt sie. Trotzdem will Braun wieder auf ein Fahrrad steigen. Sie hofft, im kommenden Jahr ihr Bein wieder nahezu vollständig beugen zu können. Dann hofft sie auch, wieder in ihren Beruf einsteigen zu können.

Keine Rückkehr zum Unfallort

An den Unfallort ist die technische Projektleiterin bisher nicht zurückgekehrt. Braun will ihn am liebsten mit professioneller Unterstützung aufsuchen. Seit dem Vorfall spricht sie regelmäßig mit einer Psychologin. Auch Gespräche mit Freunden und ihrer Familie in Süddeutschland hätten ihr geholfen. „In so einer Zeit merkt man, wer wirklich zu einem steht und darüber bin ich unheimlich dankbar“, sagt sie. Voraussichtlich wird Braun Schmerzensgeld für den Unfall erhalten. Was sie damit machen will, weiß sie jedoch schon jetzt: „Eine große Party mit allen Freunden und der Familie, die für mich da sind.“

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