Viele Deutsche wollen als Freiwillige arbeiten, tun es aber nicht Zurückhaltung beim Ehrenamt

Obwohl in Deutschland 23 Millionen Bürger ehrenamtlich arbeiten, ist das Potenzial der Freiwilligenarbeit längst nicht ausgeschöpft. Jeder vierte nicht engagierte Bürger möchte freiwillig helfen. Viele Anwärter zögern allerdings wegen beruflicher Verpflichtungen. Das ist allerdings nicht der einzige Hinderungsgrund.
22.09.2014, 00:00
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Zurückhaltung beim Ehrenamt
Von Alexander Tietz

Obwohl in Deutschland 23 Millionen Bürger ehrenamtlich arbeiten, ist das Potenzial der Freiwilligenarbeit längst nicht ausgeschöpft. Jeder vierte nicht engagierte Bürger möchte freiwillig helfen. Viele Anwärter zögern allerdings wegen beruflicher Verpflichtungen. Das ist allerdings nicht der einzige Hinderungsgrund.

In Deutschland schlummert ehrenamtliches Potenzial, das bislang nicht genutzt wird. Jeder vierte nicht engagierte Bürger ist laut einer Studie des Allensbach-Instituts für Demoskopie im Auftrag der Bundesregierung für eine Freiwilligentätigkeit offen. Mehr als die Hälfte der etwa 1500 befragten Personen ab 16 Jahren verbindet mit dem Ehrenamt den Wunsch, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen.

„Die Studie zeigt, dass das Potenzial an Freiwilligenarbeit noch längst nicht ausgeschöpft ist“, sagt Christoph Sonnenberg-Westeson, Pressesprecher der Freiwilligen-Organisation VoluNation. In Deutschland engagieren sich nach Angaben von VoluNation bereits 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Legt man die Studie des Allensbach-Instituts zugrunde, könnten zwölf Millionen Bürger im Alter zwischen 20 und 65 Jahren hinzukommen. Trotz der Bereitschaft verwirklichen viele ihren Wunsch jedoch nicht, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die Studie gibt einen Anhaltspunkt, warum das so ist: Neun Prozent der Nicht-Engagierten geben gesundheitliche Probleme und zeitliche Einschränkungen als Ursache an. 51 Prozent aller Befragten, Engagierte und Nicht-Engagierte, führen außerdem an, aus„beruflichen und familiären Gründen keine Zeit“ für ein Ehrenamt zu haben beziehungsweise das Engagement nicht ausweiten zu können.

In Bremen lässt sich der Zusammenhang zwischen Beruf und mangelndem Engagement nicht ziehen. Laut dem jüngsten Freiwilligensurvey aus dem Jahr 2009 sind etwa 177 000 Menschen in der Hansestadt ehrenamtlich aktiv. Davon geht die Mehrheit, etwa zwei Drittel aller Helfer, einem Beruf, einer Ausbildung oder einem Studium nach. Nur jeder 20. Helfer ist hingegen arbeitslos. Für Frank Mayer, Koordinator bei der Freiwilligenagentur Bremen, ist das Engagement in der Hansestadt „ein Beleg, dass Beruf und ehrenamtliches Engagement vereinbar sind“.

Auch familiäre Gründe scheinen dem Ehrenamt nicht entgegenzustehen. Davon zeugen die Entwicklungen des Engagements erwerbstätiger Frauen in Niedersachsen. Während Männer mit 44 Prozent bereits im Jahr 1999 engagiert waren, kamen Frauen nur auf eine Quote von 24 Prozent. Inzwischen helfen nach Angaben des Freiwilligensurveys 2009 im Land bereits 39 Prozent der erwerbstätigen Frauen. „Über das ehrenamtliche Engagement holen sich Frauen verstärkt die Anerkennung, die sie auch im Beruf anstreben“, erklärt Almut Maldfeld, Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums Hannover.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände teilt mir, Familie, Beruf und Ehrenamt ebenfalls für vereinbar zu halten. Die Wahrnehmung eines Ehrenamts sei zwar grundsätzlich eine Privatangelegenheit, erklärt ein Sprecher. Aber „solange die Arbeitsleistung nicht unter dem Ehrenamt leidet, wird kein Arbeitgeber etwas dagegen haben“. Die Wirtschaft begrüße ausdrücklich das soziale Engagement ihrer Mitarbeiter, so der Sprecher.

Die Freiwilligenorganisation VoluNation vermutet, das ehrenamtliche Potenzial in Deutschland werde nicht ausgeschöpft, weil Vereine und Freiwilligenagenturen bei der Anwerbung der Helfer noch Reserven hätten, sagt Pressesprecher Christoph Sonnenberg-Westeson. „Es genügt nicht, einen guten Internet-Auftritt zu haben und darauf zu hoffen, dass potenzielle Helfer von allein aktiv werden.“ Anwärter müssten persönlich angesprochen werden, sagt Sonnenberg-Westeson.

Oftmals ist der direkte Kontakt jedoch schwer herstellbar. Menschen auf der Straße anzuwerben gleiche „dem Prinzip Gießkanne“, sagt Frank Mayer von der Bremer Freiwilligenagentur. Eher seien Freunde und Bekannte, die bereits ehrenamtlich tätig seien, in der Pflicht. Die Freiwilligen-Agentur versucht jedoch, Ehrenamtliche durch Projekte mit Unternehmen zu gewinnen, so Mayer.

Ein Beispiel ist die Kooperation mit dem in Bremen ansässigen Lebensmittelkonzern Mondelez Deutschland. Jedes Jahr betätigen sich die Mitarbeiter eine Woche ehrenamtlich in Bremer Jugendeinrichtungen, Schulen oder Kindergärten. „Mit den Projekten möchten wir den Gemeinden an unseren Standorten etwas zurückgeben und uns persönlich engagieren“, erklärt eine Sprecherin. Frank Mayer von der Bremer Freiwilligenagentur hofft, „dass ein paar Mitarbeiter langfristig beim Ehrenamt hängen bleiben“. Kommentar Seite 2

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