Syrische Großfamilie in Bremen wiedervereint / Flüchtlinge wohnen in einem Haus in Burglesum

Zusammen in Sicherheit

„IS-Kämpfer haben meine Cousine erschossen.“ Darwish Barkal Bremen-Nord.
24.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Zusammen in Sicherheit
Von Jörn Hüttmann
Zusammen in Sicherheit

Ismail Barkal (von links) und seine Frau Khadija sind Anfang Februar mit ihren Kindern nach Burglesum gezogen. Der älteste Sohn Darwish (rotes Shirt) wohnt im Viertel.

Christian Kosak

Ismail Barkal öffnet die Tür. Drei kleine Kinder wuseln um seine Beine herum. Sein weißes Hemd passt farblich zur Fassade seines neuen Hauses in Burglesum, die Augen leuchten. Von drinnen dringen weitere Kinderstimmen nach draußen. Alle elf sind da und auch seine Frau Khadija Sheikh Mohamad – endlich. Nach langen Bangen hat der Rest von Barkals Familie den Weg von Syrien nach Bremen geschafft. Er und sein ältester Sohn Darwish sind nicht mehr allein.

Die Barkals sind Pistazienbauern. Das heißt, sie waren es. Die kurdische Familie stammt aus einem kleinen syrischen Dorf nahe der türkischen Grenze. „Bevor ich gegangen bin, haben wir über 600 Pistazienbäume gepflanzt“, sagt Darwish Barkal. Das war 2013. Wie es den Bäumen heute geht, weiß er nicht. Er musste fliehen, weil er nicht für die Islamisten kämpfen wollte. Damals war vor Ort noch die Al-Nusra-Front aktiv. Heute werden die Orte vom Islamischen Staat kontrolliert.

Hinter der Eingangstür in Burglesum reihen sich viele Hausschuhe an der kargen Wand auf. Von ganz groß bis ganz klein. Dann kommt rechts ein fast leeres Zimmer. „Das wollen wir noch mit Kissen einrichten, auf arabische Art“, sagt Darwish Barkal. Geradeaus im Wohnzimmer wartet der Rest der Familie – auf drei Sofas, nicht die neusten Modelle, aber gemütlich. Davor ein kleiner Tisch. An den Wänden eine Vitrine, ein Sideboard mit zwei alten Fernsehern – alles aus zweiter Hand.

„IS-Kämpfer haben eine meiner Cousinen erschossen, nur weil sie weggelaufen ist“, sagt der 22-jährige Darwish. Es war einer der Momente, die das Leben in der alten Heimat unerträglich gemacht haben. Einer der Momente, die den Vater nach dem ältesten Sohn als zweiten in die Flucht gezwungen haben. In Bremen trafen sich beide wieder. Ein erster Erfolg. „Wir sind als Flüchtlinge anerkannt, haben eine Aufenthaltserlaubnis“, sagt Darwish. Daran sei auch das Recht auf Familiennachzug geknüpft, erklärt er. Sein Vater nickt von der Couch rechts neben ihm. In Deutschland ist der älteste Sohn für die Kommunikation zuständig – eine Art inoffizielles Familienoberhaupt. Sein Deutsch ist nicht perfekt, aber sehr gut für die knappen zwei Jahre, die er zum Lernen Zeit hatte. Er hatte auch keine Wahl, denn ein Familiennachzug bedeutet viele Behördengänge. Und in den Amtszimmern wird Deutsch gesprochen.

Youssef, einer der kleineren Brüder, serviert Tee und Keksringe, die noch vom Zuckerfest zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan übrig geblieben sind. „Meine Mutter hat sie gebacken – 15 Kilogramm“, sagt Darwish. Auf der Couch albert Vater Ismail mit seiner jüngsten Tochter Shiraz herum. So kehrt Normalität ein im neuen Haus in Bremen-Nord.

Darwish kramt die Kopie eines türkischen Übergangsausweises heraus. Das Bild zeigt Ibrahim, den Zweitältesten. Nachdem die Familie mit der Hilfe von Schleusern die zehn Kilometer bis zur türkischen Grenze überwunden hatte, sei sie in der Nähe von Ankara bei Verwandten untergekommen, übersetzt Darwish für seinen Bruder. „Aber die Miete für die zwei Zimmer war sehr teuer“, sagt Ibrahim. „Deshalb habe ich zwei Monate auf einer Geflügelfarm gearbeitet.“ Bis zu 14 Stunden am Tag – bis sein Rücken schmerzte.

Gleichzeitig hat sich Darwish zusammen mit Brita Jansen von der Initiative „Help a Refugee“ in Bremen um die Papiere gekümmert. „Wir haben die Vorabstimmung mit der Ausländerbehörde organisiert“, sagt Jansen. Es sei alles gut gelaufen, nur die endgültige Entscheidung liege bei der deutschen Botschaft in der Türkei. Aber die Warteliste für Termine ist lang. „Seit August war bei der Ausländerbehörde in Bremen alles klar, aber meine Familie hat erst im Dezember einen Termin bekommen“, sagt Darwish Barkal.

Vater Ismail Barkal zeigt durch das Wohnzimmerfenster auf einen Plastikkübel im Garten. Ein Kübel mit einem etwa 50 Zentimeter hohen Baum. Er hält zur Erklärung sein Smartphone hoch, zeigt ein Foto von seinen alten Feldern. „Pistazienbaum“, überbrückt der vierjährige Ahmad die Sprachbarriere. Mittlerweile sind alle Kinder in Vorkursen untergekommen. Bei den kleinen schlägt der Deutschunterricht am besten an. Ismail Barkal und sein Sohn kommen in Fahrt: Olivenbäume, Aprikosen, Tomaten. Zwischen Wäscheleine, Gartenstühlen und einem kleinen Traktor für die Kinder hat Familie Barkal Erinnerungen aus der Heimat gepflanzt. „Wir wissen aber nicht, wie lange sie durchhalten“, sagt Darwish. „Hier gibt es zu wenig Sonne.“

Das Haus in Burglesum ist ein Glückgriff. „280 Quadratmeter auf zwölf Zimmer verteilt“, sagt Darwish Barkal. Aber es sei nicht einfach gewesen, es zu finden, erklärt Brita Jansen: „Solche Wohnungen gibt es in Bremen kaum.“ So war die Familie nach ihrer Ankunft Ende Dezember zuerst im Hotel Europa in Strom untergebracht. „Da kann man nicht einmal zu Fuß einkaufen gehen“, sagt Jansen. Schließlich hatte jemand in der Zentralstelle Wohnen des Amtes für soziale Dienste einen Tipp. Anfang Februar konnte die Familie einziehen.

Der Vermieter spricht Türkisch, genau wie die Barkals, das macht das Leben für alle etwas einfacher – auch für Darwish. Er kann nicht immer da sein, er wohnt mit Deutschen in einer WG im Viertel, um die Sprache noch besser zu lernen. Deutsch lernen, das sei für die ganze Familie das nächste Ziel, sagt der 22-Jährige. Der Schlüssel für das weitere Leben, um eine Arbeit zu finden. „Ich will Zahnmedizin studieren“, sagt Darwish. „Und mein Vater will wieder als Mähdrescherfahrer arbeiten, wie er es schon in Syrien gemacht hat.“

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