Die Lebenshilfe und das Hansa Seniorenzentrum Haus Flethe betreuen Ältere mit und ohne geistige Behinderung Zusammenarbeit überwindet Grenzen

Ausfahrten, kreative Angebote, Sport und Spiel: Menschen mit und ohne geistige Behinderung verbringen einen Teil ihrer Freizeit miteinander. Möglich macht dies die enge Zusammenarbeit zwischen der Lebenshilfe und dem Hansa Seniorenzentrum Haus Flethe an der Kapitän-Dallmann-Straße.
04.12.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulf Buschmann

Ausfahrten, kreative Angebote, Sport und Spiel: Menschen mit und ohne geistige Behinderung verbringen einen Teil ihrer Freizeit miteinander. Möglich macht dies die enge Zusammenarbeit zwischen der Lebenshilfe und dem Hansa Seniorenzentrum Haus Flethe an der Kapitän-Dallmann-Straße.

Blumenthal. Anna Steinmann schaut sich das Angebot in Ruhe an. Sie scheint sich besonders für die kleinen Kärtchen mit den weihnachtlichen Grüßen zu interessieren. Gleich hinter ihr macht sich eine Dame mit ihrem Rollator auf zum nächsten der drei Tische. Die Frauen werden von Mitarbeiterinnen der Lebenshilfe betreut.

Dass sie an diesem Sonntagnachmittag zu Gast im Hansa Seniorenzentrum Haus Flethe an der Kapitän-Dallmann-Straße sind, kommt nicht von ungefähr. Die Einrichtung und ihre Bewohner feiern den 1. Advent. Weil das Seniorenzentrum und die Lebenshilfe mit ihrer Wohngruppe für Menschen mit geistigen Behinderungen schräg gegenüber seit Anfang 2011 kooperieren, ist es klar, dass die Frauen und Männer der Wohngruppe mit dabei sind.

Anna Steinmann indes wohnt dort nicht. "Sie ist eine Externe", erklärt Dorothea John von der Lebenshilfe. Die Ergotherapeutin leitet die neue Gruppe gemeinsam mit Ingeborg Pinkel, ebenfalls Ergotherapeutin im Haus Flethe. "Extern" bedeutet, dass Menschen wie Anna Steinmann noch in ihrer eigenen Wohnung leben, dafür aber eine persönliche Betreuerin oder einen Betreuer haben. Doch das alleine reicht der rüstigen Dame nicht. Deshalb kommt sie jeden Donnerstag nach Blumenthal, wenn sich die neue Gruppe trifft.

Bereits seit rund zwei Jahren bietet die Lebenshilfe in der Kapitän-Dallmann-Straße eine spezielle Gruppe für alte Menschen mit geistigen Behinderungen an. "Das gab es in der Form früher nicht", sagt John. Doch der Verband habe sich gezwungen gesehen, solch ein Angebot zu machen, weil jetzt die Nachkriegsgeneration in das entsprechende Alter komme. John: "Der Verband öffnet sich."

Um das Angebot zu vergrößern und gleichzeitig noch ein Stück mehr den Horizont für alle Beteiligten zu weiten, habe sie sich vor einigen Wochen einfach auf den Weg "schräg über die Straße gemacht" – die neue Gruppe war geboren. Inzwischen sind die über 20 Teilnehmer "eine verschworene Gemeinschaft", weiß Ergotherapeutin Pinkel. Sie ergänzt: "Das Angebot, das wir machen, ist auf alle Bedürfnisse abgestimmt." Im Mittelpunkt stehen Bewegungsspiele, Sport, Malen und Basteln oder auch gemeinsame Ausflüge.

Vorurteile und Missverständnisse

Dass sich beide Seiten so gut verstehen, freut die beiden Ergotherapeutinnen Pinkel und John. Das nämlich ist in der betreffenden Generation nicht selbstverständlich, wuchsen sie doch mit einem Berg von Vorurteilen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung auf. Auch heute noch müssen sie sich abfällige Bemerkungen wie "Bekloppte" anhören.

Die Grenzen zu anderen Menschen zu überwinden ist eines der Ziele dieser Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen, wie es sie außer in Blumenthal auch noch in Burg an der Bremerhavener Heerstraße sowie in Walle gibt. Doch nicht nur das, auch bei den Menschen mit geistiger Behinderung nimmt der Anteil der Älteren zu. Es sei ein Teil des demografischen Wandels, der jedoch in der öffentlichen Diskussion so gut wie gar nicht vorkomme, wissen John und Pinkel.

Bernd Schneider, Sprecher des Bremer Sozialressorts, bestätigt diese Sichtweise: "Das Problem ist tatsächlich neu." Hochbetagte Menschen mit geistiger Behinderung gebe es erst jetzt. "Schrecklicher Hintergrund", so Schneider, sei die Euthanasie der Nationalsozialisten, die im Zuge ihrer Weltanschauung "lebensunwerte" Menschen töteten.

"Da wird ein gesellschaftlicher Diskussionsprozess einsetzen", sagt Schneider. Die beiden Blumenthaler Einrichtungen sieht er in diesem Zusammenhang in einer Vorreiterrolle. Schneider freut sich: "Da wächst vor Ort Unterstützung für die Betroffenen." Auch Petra Brödner, Sprecherin der Lebenshilfe weiß, dass zwischen den konventionellen Seniorenheimen einerseits und Einrichtungen wie den Wohngruppen im Zuge der Zusammenführung von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, im Fachjargon Inklusion, "viel mehr Zusammenarbeit" notwendig sei.

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