Seit zehn Jahren engagieren sich Bremer über den Verein „Human and Environment“ für Nigeria Zusehen, wo man helfen kann

Der Verein "Human and Environment" feierte in diesen Tagen sein zehnjähriges Bestehen. Seit 2002 setzen sich die mittlerweile über fünfzig Mitglieder von Bremen aus auf direktem Wege für die Menschen in Nigeria ein. Sie unterstützen sie über Beratung, Geld-, Sachspenden und Mikro-Kredite, vermitteln Patenschaften für nigerianische Kinder und engagieren sich für ein Krankenhaus. Mittelsmann zwischen den Welten ist der Ingenieur James Olusanmi.
20.09.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Anke Velten

Der Verein "Human and Environment" feierte in diesen Tagen sein zehnjähriges Bestehen. Seit 2002 setzen sich die mittlerweile über fünfzig Mitglieder von Bremen aus auf direktem Wege für die Menschen in Nigeria ein. Sie unterstützen sie über Beratung, Geld-, Sachspenden und Mikro-Kredite, vermitteln Patenschaften für nigerianische Kinder und engagieren sich für ein Krankenhaus. Mittelsmann zwischen den Welten ist der Ingenieur James Olusanmi.

Findorff-Bürgerweide. Seine ersten praktischen Erfahrungen mit sozialer Arbeit machte James Olusanmi Anfang der 1970er-Jahre ausgerechnet in Bremen. "Ich stand am Bahnhof und sah die ganzen Obdachlosen", erzählt der 67-Jährige. "Es war kalt, kurz vor Weihnachten, und ich fragte mich: Wo feiern diese ganzen Leute wohl Heiligabend?" Kurzentschlossen lud er sie zu sich nach Hause ein – ins Studentenwohnheim, unangekündigt und ohne offizielle Genehmigung. "Ich dachte mir: Da ist es sowieso leer, weil alle außer mir bei ihren Familien waren", erzählt er und lacht. Die unkonventionelle Feier war ein großer Erfolg, das Durcheinander danach groß – aber am nächsten Morgen wurde gemeinsam aufgeräumt und geputzt, und nicht nur der Hausmeister war komplett zufrieden: Für seine Initiative, die damals einmalig war, erhielt der Student aus Nigeria sogar einen offiziellen Dankesbrief des Bremer Senats.

Nicht wegschauen, sondern zusehen, wo man helfen kann: Das ist auch das Prinzip von "Human and Environment", dem kleinen Verein mit großem Namen und noch größerem Ziel: Menschen in Afrika das Leben zu erleichtern. Nach seinem Studium und beruflichen Tätigkeiten als Ingenieur in Europa, Kanada und Afrika hatte James Olusanmi den Kontakt nach Bremen nie verloren und sich einen Freundeskreis geschaffen, der über den Tellerrand hinausschaute. Gemeinsam gründeten der Mann aus dem Südwesten Nigerias und seine Bremer Freundinnen und Freunde im Jahr 2002 einen Verein, der sich in Bremen mit Kursen und Informationsveranstaltungen für das gegenseitige Verständnis zwischen den Kulturen einsetzt. Denn was es heißt, als Afrikaner in Bremen zu leben, hatte James Olusanmi am eigenen Leib erfahren. "Als ich Mitte der 1960er-Jahre hierher kam, waren wir nur eine Handvoll Afrikaner, Studentenwohnheime gab es damals nicht. Eine Unterkunft zu finden war damals unmöglich, und so habe auch ich wochenlang im Auto und sogar unter Brücken übernachtet."

In Nigeria engagieren sich die Bremer über die Partnerorganisation "Human Relation and Environmental Protection Foundation" für die arme ländliche Bevölkerung, und vor allem für die Verbesserung der Lebensumstände nigerianischer Frauen und Kinder. Gründer der Partnerorganisation und Mittelsmann zwischen den Welten ist James Olusanmi. In Bremen leitet die Kinderärztin Barbara Chavez Ramirez die Aktivitäten.

Den Frauen in Nigeria galt die erste Bremer Spende: Der Verein hatte die Idee, eine Nähwerkstatt in James Olusanmis Heimatort Oshogbo einzurichten, um Frauen ein Einkommen und den Menschen in der malariageplagten Region praktische Hilfe zur gesundheitlichen Prävention anzubieten. Die Bremer wurden über die Presse aufgerufen, dafür gebrauchte Nähmaschinen zu spenden. Rasch kamen 160 Maschinen zusammen, zum großen Teil ausgemusterte Modelle mit Tretantrieb: Perfekt für das Land, in dem auf die elektrische Versorgung nicht immer Verlass ist, erklärt James Olusanmi. Die Nähwerkstatt existiert nach wie vor, hier produzieren die Frauen in reiner Handarbeit und mit authentischen Stoffen dekorative und praktische Dinge nach dem Geschmack ihrer europäischen Zielgruppe: Zum Beispiel Kinderschürzen oder Babylätzchen, die die Bremer dann auf Märkten und Messen anbieten. Die bunten Nackenkissen in Blütenform waren gerade ein Renner auf der HanseLife, erklärt James Olusanmis Tochter Diana. Der Verein vertreibt außerdem Batikstoffe, schwarze Seife aus der Asche von Kakao- und Kokosschalen, und kleine Töpfchen mit naturbelassener Sheabutter, die eine kleine nigerianische Frauenkooperative in einem komplizierten traditionellen Verfahren aus der Sheanuss gewinnt. Besonders stolz ist der Verein auf seine "Mikro-Kredite", die seit 2004 an kleine Kooperativen vergeben werden. Rund 80 Prozent der bislang rund 2000 Kreditnehmer sind Frauen, die sich mit der Starthilfe aus Deutschland Existenzen als Köchinnen, Friseurinnen oder Handwerkerinnen aufbauen, erklärt Barbara Chavez Ramirez. Mit der Kreditaufnahme gehen sie verpflichtend ein Sparprogramm ein, über das sie kleine Rücklagen aufbauen sollen. Sämtliche Transaktionen verlaufen bargeldlos. Ein ungewöhnliches Modell für Menschen, die häufig des Lesens und Schreibens nicht mächtig und mit Bankgeschäften nicht vertraut seien. Dennoch sei es "wie eine Lawine" eingeschlagen, erzählt James Olusanmi und weiß: "Die Leute kommen, weil sie uns kennen und weil sie uns vertrauen."

Begleitend bietet der Verein Workshops an, in denen Bäuerinnen und Marktfrauen die Grundlagen der Buchhaltung trainieren oder lernen, wohlschmeckende Brote aus einer Mischung aus Maniok- und Weizenmehl zu backen. Über Sach- und Geldspenden unterstützt der Verein ein Krankenhaus in Ibadan, in dem die Ärmsten der Armen kostengünstig behandelt werden. Und für mittlerweile zwanzig nigerianische Kinder wurden Paten in Deutschland gefunden. Sie stellen mit einem Monatsbeitrag von 20 Euro sicher, dass die Kinder genug zu essen haben und ihre Familie sich den Schulbesuch leisten kann. Vor vier Jahren wurde der Verein für dieses Engagement beim bundesweiten Wettbewerb der Stiftung "Bürger für Bürger" als Landessieger Bremen ausgezeichnet. Das neueste Projekt von James Olusanmi ist die Errichtung von kleinen Biogasanlagen, die aus Abfällen Energie erzeugen: Ein Umweltprojekt, das gleichzeitig die Versorgung der Menschen verbessert.

Inzwischen ist die Mitgliederzahl des Vereins auf etwa 55 Menschen gestiegen. Doch es dürften ruhig noch mehr sein. Denn nach wie vor ist die Situation vieler Menschen in dem mit geschätzten 150 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Land Afrikas desolat: "Rund 60 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, sie haben keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen. Es gibt eine unglaubliche Zahl an alleinstehenden Frauen, die sich und ihre Kinder kaum ernähren können, und eine hohe Müttersterblichkeit", erklärt Diana Olusanmi. Der kleine Verein kann nicht alle Probleme lösen, weiß Barbara Chavez Ramirez, die zwei Monate pro Jahr in Nigeria verbringt. "Doch die Leute dort schätzen so sehr, dass es hier Menschen gibt, die sich für ihr Schicksal interessieren." Von ihren Aufenthalten komme sie jedes Mal "ganz kleinlaut nach Bremen zurück", berichtet die 64-Jährige Kinderärztin im Ruhestand. "Denn hinterher ist mir immer wieder klar, wie gut wir es hier haben."

Weitere Informationen über den Verein gibt es im Netz unter www.human-and-environment.com. Wer sich für die Produkte aus Nigeria oder die Übernahme einer Patenschaft interessiert, der kann Kontakt zu Barbara Chavez Ramirez aufnehmen unter: info@human-and-environment.org oder unter der Telefonnummer 3466122. Das Büro des Vereins in der dritten Etage des Kulturzentrums Lagerhaus an der Schildstraße 16-20 ist immer dienstags zwischen 10 und 12 Uhr besetzt.

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