Zeitzeugin erinnert sich an die Nazi-Zeit: Gleichgültigkeit in der Bevölkerung war groß Zwangsarbeiter in Huckelriede eingepfercht

Neustadt. Die Schläge waren das Schlimmste. Immer wieder haben die Soldaten mit den langen Stöcken ausgeholt und auf die ausgemergelten Menschen eingedroschen, die in einer langen Reihe am Huckelrieder Deichschart an ihnen vorbeiliefen.
28.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Die Schläge waren das Schlimmste. Immer wieder haben die Soldaten mit den langen Stöcken ausgeholt und auf die ausgemergelten Menschen eingedroschen, die in einer langen Reihe am Huckelrieder Deichschart an ihnen vorbeiliefen. „Wir Kinder fanden das ganz schrecklich und konnten es nicht verstehen“, sagt Rita Schweers und blickt auf die leere Straße.

In ihrer Erinnerung sieht die 78-Jährige immer noch die Frauen und Männer an sich vorbeiziehen und über den Buntentorsteinweg in den Kirchweg abbiegen. Etwa hundert Zwangsarbeiter auf ihrem mühevollen Marsch zum Flughafengelände. „Sie liefen schon ganz krumm vor Schwäche, doch die Soldaten haben trotzdem immer wieder zugeschlagen“, erinnert sich die Zeitzeugin und kneift die Augen zusammen. Damals war sie sechs Jahre alt, und es war Krieg.

Ihre kindliche Ratlosigkeit ist heute einem Grauen gewichen, das mit jedem Puzzlestück, das sie über die Wahrheit herausfindet, größer wird. Ein Zeitungsbericht über zwei Huckelrieder Initiativen, die an die Naziverbrechen im Stadtteil mit Gedenksteinen und einem Lehrpfad erinnern wollen, hat sie selbst auch zu Nachforschungen veranlasst.

Was die Grundschülerin damals in der Nazi-Zeit nicht verstehen konnte, erscheint ihr heute in anderem Licht. „Mir ist ganz anders geworden, als ich im Internet herausfand, was man heute alles darüber weiß“, so die 78-Jährige.

In ihrer Familie sei die Sprache damals nie darauf gekommen, wer diese Männer und Frauen sind, die von den Soldaten geprügelt wurden. „Das war ein absolutes Tabuthema“, erzählt Schweers. Nur eines wusste sie damals: Die geschundenen Menschen kamen aus Baracken, die genau dort standen, wo heute „Am Dammacker“ in Sichtweite zum Kiosk die vierstöckigen Neubauten am Werdersee stehen.

John Gerardu geht davon aus, dass es wahrscheinlich inhaftierte Deutsche aus dem 1941 eingerichteten „DAF-Lager“ (Deutsche Arbeiterfront), die als „asozial“ galten, sowie osteuropäische Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten gewesen sein müssen, die Rita Schweers als Kind am Deichschart gesehen hat. Gerardu engagiert sich seit Jahren für den Verein „Erinnern für die Zukunft“, der in Bremen das Onlineportal für die Recherche von Naziverbrechen „Spurensuche-Bremen.de“ betreibt. Er steht in Kontakt zu den Huckelrieder Initiativen, die mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beschäftigt sind.

Kaum Hilfe für Zwangsarbeiter

„In Bremen hat es 75 000 Zwangsarbeiter gegeben, und etliche davon waren auf dem Kasernengelände in Huckelriede untergebracht“, weiß der Niederländer. Die brutalen Märsche zum Flughafengelände führten seiner Einschätzung nach zum Flugzeugbauer Focke-Wulf. Andere Zwangsarbeiter mussten für einen Neustädter Straßenbaubetrieb am Buntentorsteinweg schuften oder nach Bombenangriffen Trümmer beseitigen.

Letztere Aufgabe mussten auch 800 Jüdinnen aus Polen und Ungarn erledigen, die zwischen 1942 und 1944 als Häftlinge einer KZ-Außenstelle von Neuengamme in ehemaligen Pferdeställen der HindenburgKaserne und weiteren Baracken an der Boßdorfstraße eingepfercht waren.

Historiker sind sich einig, dass die Bevölkerung zumindest die bewachten Märsche durch die Stadt mitbekommen haben muss. „Von Versuchen, den Menschen zu helfen, ist allerdings nichts bekannt“, sagt Gerardu. Angst sowie Gleichgültigkeit habe das Klima bestimmt, bestätigt auch Schweers. Die Mutter einer Schulkameradin habe dennoch Brot für gefangene Russen fallen gelassen – und damit beinahe eine Anzeige der Nachbarin riskiert, weiß sie aus Erzählungen.

Als die Baracken gegen Kriegsende geräumt wurden, stieg allerdings das Interesse der Anwohner schlagartig: „Die Menschen liefen dorthin und holten alles heraus, was noch brauchbar war“, erinnert sich Schweers.

Ihre Mutter habe zwei Oberschränke mitgebracht, die bis heute bereits der zweiten Generation als Stauraum für Werkzeug dienen. Verwerflich findet Gerardu das keineswegs. „Mich wundert eher, dass manche Leute uns bis heute bei unseren Versuchen, an die Nazi-Verbrechen zu erinnern, Steine in den Weg legen wollen“, sagt der Wahlbremer. In der Neustadt sei das jedenfalls nicht immer ganz einfach, auch wenn das Mahnmal für die gequälten und getöteten Menschen nun am Sonnabend eingeweiht werden kann (siehe unten). Auch der Lehrpfad zu weiteren Erinnerungsorten von Naziverbrechen nimmt im Stadtteil langsam Gestalt an. Er soll zunächst wie berichtet das „Rote Haus“ der Kommunistischen Partei, das später von der Nazi-Organisation SA als Folterstätte genutzt wurde, sowie eine ehemalige jüdische Badeanstalt in der Vohnenstraße umfassen.

Diese Nachricht ist wiederum für Hans-Peter Schweers eine erschütternde Neuigkeit: „Ich bin fast direkt neben dem roten Haus am Buntentorsteinweg aufgewachsen, habe aber von der Übernahme nichts mitbekommen.“ Genau wie ihr Ehemann bekümmert Rita Schweers eines ganz besonders: „Am meisten macht mich betroffen, wie wenig ich damals wusste, was um mich herum geschah.“ Umso höher schätzt sie den Einsatz der Initiativen, die sich in Huckelriede darum bemühen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. „Ich kann nur hoffen, dass die Jugend daraus lernt, damit sich so etwas nicht wiederholen kann.“

Die Einweihung des Mahnmals ist für Sonnabend, 30. Januar, um 11 Uhr an der Ecke Am Dammacker/Franz-Grashof-Straße vorgesehen. Als Gastredner ist Bürgermeister Carsten Sieling angekündigt. Zeitzeugen, die etwas über die Lager in Huckelriede oder das „Rote Haus“ am Buntentorsteinweg 95 wissen, können sich an John Gerardu unter Telefon 55 51 70 oder JohnGerardu@gmx.de wenden.

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