Galerie Conny Wischhusen Bremen Zwei Generationen, eine Kamera

Analoge Fotografie ist nicht jedermanns Sache – Ihre schon: Sven Willms und Ernst Matzke. Sie zeigen in ihrer Ausstellung, was man auch heute noch analog bewerkstelligen kann.
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Heutzutage drückt man nur auf den Knopf, und die Kamera nimmt einem alle Arbeit ab: Der eingebaute Computer wählt die richtige Belichtungszeit, und der Autofokus stellt automatisch scharf. Und wie die Aufnahme geworden ist, lässt sich auf dem Display der Kamera sofort überprüfen. Dass es beim Fotografieren einmal anders zuging, können sich junge Menschen heute kaum noch vorstellen.

„Und mit einer alten Rollei zu fotografieren, ist eine ganz besondere Herausforderung“, sagt Ernst Matzke, „das quadratische Format von sechs mal sechs Zentimetern fordert eine bewusste Gestaltung des Bildes, und man hat nur zwölf Fotos pro Film zur Verfügung.“ Seitdem die digitale Fotografie die analoge so gut wie vollständig verdrängt hat, ist es kaum noch vorstellbar, welchen Aufwand Fotografieren mit Zelluloidfilm bedeutete: „Bevor es zur Aufnahme kam, musste man mit dem Belichtungsmesser die Lichtverhältnisse genau ausmessen. Viele meiner Bilder entstanden in den 1960er Jahren nachts in London oder in U-Bahnen, was die Schwierigkeiten noch erhöhte“, sagt Ernst Matzke, der 1938 geboren wurde und als Art Direktor und Creative Director einer Werbeagentur gearbeitet hat. Einige seiner Bilder aus solch‘ frühen Zeiten hat er zusammen mit dem in Bremerhaven lebenden Künstler Sven Willms in einem Raum der Atelier-Galerie Conny Wischhusen ausgestellt. „Alle Bilder sind mit nur einer Kamera aufgenommen“, sagt Galeristin Conny Wischhusen, „und es ist spannend, zu vergleichen, wer die Kamera wie benutzt hat.“ Der Clou der Sache: Matzkes weit jüngerer Kollege Sven Willms nahm dieselbe Rolleiflex in die Hand, mit der er vor mehr als 50 Jahren fotografiert hat. „Ich wurde regelrecht süchtig nach dieser Kamera“, sagt Sven Willms, der seine Bilder in einem Fachlabor entwickeln ließ.

Gestaltete Weltausschnitte

Was sehen zwei Menschen durch dieselbe Kamera, die Weltausschnitte aus weit auseinander liegenden Zeiten festhält? Sven Willms kommt aus der Graffiti-Szene und interessiert sich vor allem für das Leben junger Menschen und Straßenszenen. Seine Fotos sind sorgfältig inszeniert. Ernst Matzke hingegen hielt eher den Moment fest. Seine Aufnahmen sind spontan entstanden, aus dem Augenblick heraus. „Ich habe zum Beispiel in der Londoner U-Bahn so getan, als wenn ich mir die Schuhe zubinden müsste und dabei aus der Perspektive von unten fotografiert“, sagt Matzke. Erstaunlich, dass dennoch Aufnahmen entstanden, auf denen die Komposition absolut stimmig ist und die Lichtverhältnisse ausgewogen sind. Seine Perspektive, meist nicht aus Augenhöhe, sondern oft von unten, zeigt zum Beispiel einen Jungen, der einen Seehund liebevoll am Kopf streichelt. Damit verbunden ist ein gewisser demütiger Blick, das Gegenteil einer Perspektive „von oben herab“. Frauen, die beim Plausch eng zusammenstehen, sind unaufdringlich in einem sensiblen Spiel von Licht und Schatten festgehalten.

Diese Sensitivität bei zugleich ausbalancierter Komposition zeichnet auch die Fotografien von Sven Willms aus, der erst im Jahre 2005 zu fotografieren begann: Ein Mädchen sitzt nachdenklich sinnend vor einem Hauseingang, ein Girlie mit rot gefärbten Rattanzöpfen hockt vor einem Zug. „Ich möchte die urbane Kultur wiedergeben“, sagt Sven Willms, der an der analogen Fotografie einen Narren gefressen hat, während Ernst Matzke inzwischen in die Malerei übergewechselt ist. „Ich male heute mit Acryl vorwiegend abstrakte Bilder“, sagt er, „doch als ich einmal in Bremen zugleich 120 Fotografien zusammen mit Gemälden von mir ausgestellt habe, rannten die Leute sofort zu den Fotos.“

Zur Vernissage hat er seine alte Rollei mitgebracht, ein schweres Gerät, das es heute nur noch antiquarisch gibt. „Doch in Japan existiert ein großer Markt für diese alten Kameras mit dem ungewöhnlichen Bildformat“, weiß Matzke, „sie werden dort zu sehr hohen Preisen gehandelt.“

Ernst Matzke erinnert daran, dass Fotografieren damals noch richtige Arbeit war: „Wir mussten zwei Kameras mit mehreren Wechselobjektiven sowie ein Stativ in zwei Koffern mit uns herumschleppen“, erinnert er sich, und um Menschen aufzunehmen, ohne dass sie es merken, verwendete er auch einen Umlenkspiegel. Da ihm die Qualität der Bilder aus den Fotolaboren nicht ausreichte, entwickelte er sie schließlich selber, was damals noch mit dem längeren Baden des Papiers in Entwicklerlösung, Fixieren, Wässern und anschließendem Trocknen verbunden war. „Aber diese handwerkliche Arbeit hatte ihren eigenen Reiz, und man hat damals viel bewusster fotografiert als heute“, sagt Ernst Matzke.

Weitere Informationen

Die Ausstellung mit Fotografien von Ernst Matzke und Sven Willms ist noch bis Freitag, 26. Oktober, in der Galerie Conny Wischhusen, Am Dobben 117, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags, 12 bis 16 Uhr, und freitags, 15 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter Telefon 0177/68 68 2 94.

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