25 Jahre Deutsche Einheit Zwei Leben - doppeltes Glück

Die Wende war ihre Chance: Als 13-Jährige erlebte unsere Redakteurin Antje Stürmann die Öffnung der Grenze.
02.10.2015, 00:00
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Zwei Leben - doppeltes Glück
Von Antje Stürmann

Es sind vor allem Freudentränen, an die ich mich erinnere, wenn ich an die Öffnung der Mauer denke. An diese für mich als 13-Jährige unfassbaren Worte, die alles in meinem Leben veränderten: Die Grenze ist offen. Seitdem ist nichts mehr, wie es war und werden sollte. Ich bin in zwei Staaten aufgewachsen – in der Deutschen Demokratischen Republik und im vereinigten Deutschland. Ich verlor den Boden unter den Füßen.

Dass der Wandel eine Riesenchance war, wurde mir erst später bewusst. Mein erstes Leben endete am 9. November 1989 in einem Dorf nahe Wittenberg, einer Stadt in Sachsen-Anhalt. Draußen war es dunkel, in der Diele brannte warmes Licht. Ich saß am Tisch über ein Buch gebeugt. Meine Ohren nahmen die Worte auf, sie rauschten durch den Kopf. Ich konnte mit ihnen nichts anfangen, denn mein Land war durch einen „Schutzwall“ aus Beton und Stahl vom Westen getrennt. In der Wohnstube waren meine Eltern plötzlich still. Dann schalteten sie von Sender zu Sender. Sie wollten diese Worte immer wieder hören: Die Grenze ist auf. Ab sofort gibt es keine Kontrollen mehr. Dann die unbändige Freude. Meine Mutter rief: „Wir können reisen.“

Meine Eltern warteten sicherheitshalber ein paar Tage, ehe sie mich und meine beiden Schwestern in den Skoda setzten und mit uns zum Grenzübergang Bad Hersfeld fuhren. Die nächsten Verwandten auf westdeutschem Boden wohnten in Hessen. Es war der Bruder meines Opas mit seiner Frau. Die beiden besuchten meine Uroma in Sachsen-Anhalt oft. Aus Gelsenkirchen kam sooft es ging die Schwester meiner Oma mit ihrer Familie in den Osten. Ich hatte sie alle genauso lieb wie die Tanten aus Leipzig oder den Onkel aus Wismar. Besuchen durften wir Kinder die Westverwandtschaft nie. Als kurz vor der Wende meine Mutter in den Westen reisen durfte, behielt uns der Staat als Pfand zurück.

Ein riesiger Riss in der Familie

Wie durch das Land ging auch durch unsere Familie räumlich ein riesiger Riss aus Beton, Stahl und staatlicher Bevormundung. Die Westverwandtschaft musste eine vorgegebene Menge Geld in Ostmark umtauschen. Sie wurde an der Grenze gefilzt, auf der Heimreise gestoppt und befragt. Die Erwachsenen schimpften, für uns Kinder klangen diese Geschichten abenteuerlich. Bei der Vorstellung, dass meine Uroma am Grenzübergang im Zug vor Aufregung das Salamibrot auspackte während die Grenzsoldaten beim Anblick ihrer überdimensionierten Unterwäsche große Augen bekamen, mussten wir alle lachen.

Mit den Einschränkungen arrangierten wir uns. Wir wussten, in den Urlaub geht es an die Ostsee, in den Harz oder in die Tschechoslowakei. Mallorca und Italien waren im Geografieunterricht kein Thema, folglich für uns auch nicht wichtig. Wir freuten uns, wenn der Onkel von seiner Tour als Fernfahrer Navelina-Orangen mitbrachte oder Bananen. Südfrüchte wurden bei uns zelebriert. Kurze Zeit nachdem wir Bundesbürger waren, konnte meine jüngste Schwester keine Bananen mehr sehen. Im Konsum gab es eben nur zwei Sorten Schokolade. Für meinen ersten Stern-Kassettenrekorder gaben meine Eltern schweren Herzens einen Monatslohn aus.

Dafür bekamen in der Schule alle Kinder warmes, frisch gekochtes Mittagessen und in der ersten großen Pause eine Flasche Milch. Nach der Schule gab es schon damals zahlreiche Arbeitsgemeinschaften wie „Die jungen Eisenbahner“, Handball oder Russisch. Es gab für jeden einen Hortplatz, und die Schulleitung organisierte eine Betreuung in den Ferien. Die Sommer verbrachten wir quasi jeden Tag am See. Im Winter liefen wir Schlittschuh. Sport wurde in der DDR groß geschrieben. Wer bei den jährlichen sportlichen Wettkämpfen Medaillen errang, erntete bei Mitschülern und Lehrern Respekt. Als Kind hatte ich das Gefühl, dass man sich besonders um mich kümmerte. Ich habe wunderbare Erinnerungen an Ferienlager, Sportfeste, Besuche im staatlichen Zirkus und Betriebsweihnachtsfeiern. Der 1. Juni gehörte uns Kindern: Es war der staatlich festgelegte Kindertag, an dem es Geschenke gab.

Fast alles davon ging 1989 in den Wirren der Wende unter. Nach der ersten Euphorie, den Freudentränen und den herzlichen Umarmungen kamen die Angst und die Unsicherheit. Plötzlich sollte es die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) nicht mehr geben, in der mein Vater Jahrzehnte als Schlosser gearbeitet hatte. Meine Mutter als Lehrerin musste ein für sie völlig neues Schulsystem mit aufbauen. Es war so vieles neu, und diese beiden für mich so wichtigen Menschen wussten in der Mitte ihres Lebens selbst nicht mehr, wie das Leben eigentlich geht, ob sie morgen noch Arbeit haben und wie sie in den nächsten zehn Jahren ihre Familie ernähren würden. Das Boot Familie schaukelte gewaltig. Mein Vater wurde arbeitslos, seinen Beruf gab es nicht mehr. Meine Mutter kämpfte um die Anerkennung ihrer Ausbildung. Beide sollten noch Jahre später viel weniger Geld verdienen als ihre Pendants im anderen Teil Deutschlands. Dass wir fünf keinen Schiffbruch erlitten, keiner verloren ging in dieser Zeit, grenzt für mich an ein Wunder.

Supermärkte ersetzten die Konsum-Läden. Ihr Angebot an Waren und die Farben erschlugen mich schier. Ich musste zwischen der 8. Klasse und dem Abitur die Schule zweimal wechseln, weil alles umorganisiert wurde. Wir trafen unsere ersten freien Entscheidungen. Es war schwer, den Mund aufzumachen und eigene Worte zu formen. Daran muss sich der Kopf gewöhnen. Nicht mehr nur auswendig zu lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, verschlüsselte Botschaften auszusenden, sondern klar heraus zu sagen, was nötig ist und zu hinterfragen. Mit dem Abitur in der Tasche durfte ich werden, was ich wollte: Journalistin – ohne die einst obligatorische Ausbildung in Marxismus-Leninismus, ohne die Überprüfung meiner Familie und systemkonformes Denken.

Die Wende war meine Chance. Mit dem Diplom in der Tasche beschloss ich: In Achim möchte ich arbeiten und leben. Hier habe ich Familie gegründet, hier wachsen meine Kinder auf. Ich habe fast verlernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Manchmal gehe ich noch in den „Konsum“ einkaufen und werde für diesen Ausdruck belächelt. In der alten Heimat suche ich nach Zeichen aus der Vergangenheit: Gerade noch sichtbare Werbeschriften an verfallenden Häusern, vertraute Dialekte. Besuche ich meine Eltern, habe ich eine große Einkaufstasche dabei. Ich nehme aus Wittenberg Wikana-Kekse mit in den Westen, Zetti-Knusperflocken, Riesaer Nudeln, Nudossi und Florena Creme. Zum Geburtstag gibt es Rotkäppchen-Sekt und am Abend Bautzener Senf zur Halberstädter Bockwurst.

Es ist ruhig geworden

In meiner alten Heimat ist es ruhig geworden. Keine Demonstrationen mehr zum Tag der Arbeit am 1. Mai. Keine Kinder, die sich in der Straße zum Spielen zusammenrotten und heimlich in Pumpenringen aus Beton kokeln. Die Straßen sind leerer, die Leute älter. Die Häuser sind bunt angestrichen. Auf den Einfahrten stehen Opel statt Wartburg und Schwalben. Das Gebäude der ehemaligen Polytechnischen Oberschule ist längst zum Wohnhaus umgebaut. Früher mischten bis 500 Schüler das Leben der 1200 Dorfbewohner auf. Es gab einen Kindergarten und dazu eine Krippe. Heute wohnen kaum noch junge Menschen in diesem Ort. Fast alle Betriebe und Läden haben dicht gemacht. Es gibt auch keine eigene Verwaltung mehr, aber eine lange Umgehungsstraße. Die Vorgärten sind 1A gepflegt. Im Sommer fährt wie früher ein Eiswagen am See entlang.

Noch heute fließen Tränen der Rührung, wenn ich Bilder vom Fall der Mauer sehe. Ich bin ein Kind der Deutschen Wiedervereinigung. Es gab Zeiten, da wäre ich gern zurückgegangen in den Osten. Aber das Land meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Es gibt Reste von Orten, Gerüche und Erinnerungen. Meine Heimat ist das Lächeln eines Weggefährten, das ich lesen kann. Das Neuland entdecke ich immer noch mit großer Neugier. Ich habe Freunde in Bremen gefunden, in Niedersachsen und Hamburg. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als die Vielfalt dieses Lebens, das Reisen in ferne Länder, mir eine eigene Meinung zu bilden und mein Leben so zu gestalten, wie ich es mag. Auf Wangerooge fühle ich mich so wohl wie in Kühlungsborn. Etwas Besseres als die Deutsche Einheit konnte mir also nicht passieren. Der 3. Oktober, der Tag der Einheit, ist für mich jedes Jahr ein sehr wichtiger Tag – nicht nur, weil es mein Geburtstag ist. Der 3. Oktober erinnert mich daran, was ich geschafft habe und wozu ich fähig bin. Dass jedes Ende ein Anfang sein kann. Dieser Tag feiert, woran mein Onkel aus Gelsenkirchen Zeit seines Lebens fest geglaubt hat: dass Ost und West zusammengehören.

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