Vom Süden in den Norden

Zwei Mexikaner in Bremen

Citlally Gómèz Camas und Romeo Abraham Santos engagieren sich für ein Jahr als Freiwillige in Bremen. Der Verein „Zugvögel“ ist der Organisator des Projekts..
10.10.2017, 17:22
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Christine Leitner
Zwei Mexikaner in Bremen

Gastmutter Birgit Kasper (links) mit Romeo Abraham Santos, daneben sitzen Anna Taube vom Verein Zugvögel und Citlally Gómèz Camas.

Christina Kuhaupt

In Scharen ziehen die Zugvögel wieder gen Süden. Manche Zugvögel schlagen aber den umgekehrten Weg ein: zum Beispiel für Citlally Gómèz Camas. Für einen freiwilligen sozialen Dienst ist sie über den gemeinnützigen Verein Zugvögel aus Südamerika nach Deutschland gekommen. „Bremen ist sehr schön, aber es ist auch sehr kalt und regnerisch “, sagt die junge Frau.

Seit einem Monat arbeitet die 23-jährige Mexikanerin nun in der Hansestadt. Der Verein „Zugvögel interkultureller Süd-Nord-Austausch“ versteht sich als politische Organisation, die sich mit Machtungleichgewichten aus der Kolonialzeit auseinandersetzt. „Vorurteile und Rassismus sollen abgebaut werden“, erklärt Anna Taube von der Initiative das Ziel.

„Wir wollen zeigen, dass auch junge Menschen aus dem Süden die Möglichkeit haben, in den Norden zu kommen und sich dort freiwillig zu engagieren“, sagt sie. Seit 2012 gibt es den Verein, derzeit engagieren sich über 200 Ehrenamtliche – hauptsächlich Studenten –, die selbst einen Freiwilligendienst im Ausland absolviert haben.

Zeichen für die gleichwertige Teilhabe von Nord und Süd

Nach Angaben des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts leisten jährlich 3500 junge Menschen aus Deutschland in Entwicklungs- oder Schwellenländern ihren Freiwilligendienst. Der Verein Zugvögel setzt sich dafür ein, dass ein Freiwilligendienst im Ausland nicht nur für junge Menschen im Norden eine Selbstverständlichkeit ist.

„Jeder könnte und sollte ein Visum beantragen können“, sagt Anna Taube. Der Richtungswechsel soll ein Zeichen für die gleichwertige Teilhabe von Nord und Süd sein. Gemeinsam mit den Partnerorganisationen in Ruanda, Nepal, Ecuador und Uganda organisiert der Verein einjährige Aufenthalte. In dieser Zeit arbeiten die Freiwilligen in sozialen, ökologischen oder kulturellen Projekten in Deutschland.

Im Vordergrund steht der interkulturelle Austausch. In diesem Jahr sind vier Freiwillige nach Deutschland gereist – zwei von ihnen arbeiten in Lüneburg und Berlin. Citlally Gómèz Camas und Romeo Abraham Santos hat es nach Bremen verschlagen. Während die 23-Jährige in einem Kindergarten in Findorff tätig ist, engagiert sich Romeo Abraham Santos in der Martinshof-Werkstatt.

Besonderes Lob für die öffentlichen Verkehrsmittel

Auch er kommt aus Mexiko. Zum ersten Mal arbeite er mit Menschen mit Beeinträchtigungen, das sei eine besondere Erfahrung. „Bei der Zusammenarbeit lernt man, Vorurteile gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen abzubauen“, sagt der 24-Jährige. Auch die Zusammenarbeit mit den anderen Ehrenamtlichen sei spannend und eine wertvolle Erfahrung.

Den beiden Freiwilligen gefällt Bremen gut. Citlally Gómèz Camas haben es vor allem geschichtsträchtige Gebäude angetan. „Abends ist es besonders schön, wenn im Hafen die Lichter leuchten“, sagt sie. In Mexiko gebe es zwar auch viele Flüsse, aber nicht so viele Häfen wie hier. In ihrer Freizeit ist sie viel mit Freunden unterwegs, auch mit ihren drei jüngeren Gastschwestern verstehe sie sich sehr gut.

Romeo Abraham Santos schätzt an Bremen die Sicherheit, wie er sagt. „Es ist schön, dass man so spät in der Nacht noch auf der Straße unterwegs sein kann“, betont er. Ein besonderes Lob sind ihm auch die öffentlichen Verkehrsmittel wert: Mit Bussen und Straßenbahnen komme man schnell überall hin und könne sich leicht orientieren.

Friedensförderung und Verständigung

Damit sich die Freiwilligen in dem fremden Land zurechtfinden, organisiert der Verein Seminare. Zwei davon finden im Heimatland direkt vor der Abreise und nach der Rückkehr statt. Ein Seminar findet nach der Ankunft im Gastland statt. Dort erfahren die Teilnehmer weitere wichtige Hinweise zu ihrem Aufenthalt in Deutschland. Beispielsweise, dass Toilettenpapier in die Toilette gehört.

„Das war für viele ein großer Aha-Effekt“, sagt Anna Taube schmunzelnd. Auch Birgit Kasper, die Gastmutter von Romeo Abraham Santos, lobt die Initiative. Für sie trägt das Projekt auch zur Friedensförderung und Verständigung bei. Schon allein der Spaß sei Motivation genug, einen Gast aus dem Süden aufzunehmen. Vor allem aber stelle es eine große Bereicherung dar.

„Man lernt ein anderes Land kennen, obwohl man nie dort war“, sagt sie. Über eine Anzeige ist sie auf das Projekt aufmerksam geworden. Aus Interesse habe sie sie sich genauer informiert und vor einem Monat ihren Gast bei sich willkommen geheißen.

Sprachkurs zweimal pro Woche

„Ich hatte gehofft, mein Spanisch ein bisschen aufzufrischen, stattdessen frische ich jetzt mein Englisch auf“, sagt die Gastmutter und lacht. Leider könne sie Romeo Abraham Santos aber aus finanziellen Gründen nicht mehr länger bei sich aufnehmen – deshalb sucht der junge Mann ab diesem November eine neue Gastfamilie.

Diese sollte im besten Fall bereit sein, ihm für seine verbleibende Zeit in Bremen ein Familienleben zu ermöglichen. Die Gastfamilie sollte ein eigenes Zimmer als Rückzugsort zur Verfügung stellen und für die Verpflegung sorgen können, sagt Anna Taube. Natürlich stehe die Regionalgruppe der Familie und den Freiwilligen unterstützend zur Seite.

Auch für Schwierigkeiten bei der Verständigung hat der Verein vorgesorgt: Während ihres einjährigen Aufenthaltes sollen die Zugvögel Deutsch lernen, dafür besuchen sie zweimal in der Woche einen Sprachkurs, denn Deutschkenntnisse sind keine Voraussetzung für die Teilnahme an dem Freiwilligen-Projekt.

Begeistert von dem ökologischen Bewusstsein in Deutschland

„Die Auswahl der Freiwilligen wird bei den Partnerorganisationen im Heimatland getroffen“, sagt Anna Taube. „Wir kümmern uns um die Freiwilligen, sobald sie in Deutschland angekommen sind.“ Nach einem Jahr geht es für die jungen Helfer wieder nach Hause. Viele von ihnen engagieren sich auch nach ihrem Auslandsaufenthalt im eigenen Land weiter.

Dort geben sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an diejenigen weiter, die sich ebenfalls im Ausland ehrenamtlich einsetzen wollen. Obwohl sie erst seit einem Monat in Bremen ist, hat Citlally Gómèz Camas schon einige Erfahrungen gemacht. Beeindruckend für sie ist die Kälte, schließlich kenne sie nur Hitze aus ihrer Heimat.

Besonders begeistert ist die 23-jährige Mexikanerin von dem ökologischen Bewusstsein in Deutschland, wie sie betont. Das möchte sie unbedingt mit in ihre Heimat nehmen und darüber berichten. Bisher habe sie nur sympathische Menschen in Bremen kennengelernt. Rassistische Bemerkungen habe sie nicht erlebt. „Manchmal werde ich ein bisschen schräg angeguckt, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin“, sagt sie. Aber das liege wohl eher daran, dass sie noch nicht so gut fahren könne.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+